Bananensplit

von Daniela Gassmann

Wenn man nicht genau hinsieht, ist alles in Ordnung. Wir gehen in einem Abstand nebeneinander her, nicht größer und nicht kleiner, als es sich gehört. Blickt man doch noch einmal hin, erkennt man: hier liegt das Problem.

Als wir zum Restaurant kommen, fällt mir ein, dass ich die Reservierung vergessen habe, wie konnte ich bloß die Reservierung vergessen, auch noch an unserem Jahrestag? Zur Entschädigung halte ich die Tür auf. Wir bekommen einen Tisch neben der Küche und sie sagt ach und Schatz und es stört mich nicht. Da werde ich wütend.

Die Zeit bis zum Essen schlägt sie mit Worten tot, dann bringt der Kellner die Erlösung. Für mich: Tagliatelle mit Scampi. Sie wird sich vor dem Einschlafen über den Knoblauchgestank beschweren, ich lasse es mir schmecken. Die Stimmung ist ganz nett, aber das Geräusch, wenn sie auf ihre Gabel beißt, macht mich wahnsinnig. Zwischen Gebeiße und Gekaue verteilt sie diese Andeutungen, da weiß ich, dass sie heute mit mir schlafen will. Bevor wir nach Hause gehen, wird sie aber noch ein Dessert bestellen, weil sie auf Süßes nie verzichten kann. Bananensplit, immer und ewig Bananensplit. Nach einem Löffel wird sie sagen, was bin ich voll, ich hätte keinen Nachtisch bestellen sollen, und den Teller in die Mitte des Tisches schieben. Ich werde mich ärgern, dass sie nichts weniger trashiges ausgesucht hat und es bei meinem Espresso belassen – die unendliche Geschichte.

Aus dem Augenwinkel sehe ich den Kellner unseren Tisch ansteuern. Er will die Reste des Hauptgangs mitnehmen, Signora, hat es geschmeckt? Alles zu Ihrer Zufriedenheit, Signore?, und fragen, ob er uns das nächste Kapitel bringen darf. Zum Glück reagiere ich, bevor es zu spät ist. Ich muss mal, sage ich im Aufstehen. Sie nickt. Ich denke nicht. Lege meine Hand auf Eisen, drücke, ziehe. Dann gehe ich, durch die Tür und immer weiter, ohne etwas zu denken oder etwas zu bereuen.

Ich habe sie nie wieder gesehen.

 

Beim letzten Workshop der Prosathek entstanden Texte nach dem Verfahren „Tireur a la ligne“ der französischen Gruppe Oulipo. Die Regeln: Alle Autorinnen beginnen mit demselben ersten Satz und enden mit einem anderen, der ihnen zugelost wurde. Die dazwischen entstehenden Geschichten werden von der Mitte her geschrieben.

 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Großartiger Text! Ich kenne das.

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