Ein Teilchen gerät ins Schwingen

von Victoria B.

An meine Kindheit erinnere ich mich nicht, aber an jedes Buch, das ich verschlungen habe. Ich glaube, die ersten Schuljahre waren eine Qual. Sobald ich lesen konnte, war ich weg: Nicht mehr präsent in meinem alltäglichen Leben, sondern auf Fantasiereise in der Ferne. Bald sprach mich niemand mehr an, denn der einzige Mensch, dem ich noch antwortete, war meine Mutter. Trotzdem fühlte ich mich nie einsam. Meine Freunde auf Papier wurden immer realer, weil alle anderen verstummten. Die Welt außerhalb der Bücher fühlte sich funktional, kalt und grau an. Ich verneinte mein Leben nicht, vielmehr zog ich mich zurück um zu erleben. Nicht einmal, als wir vom Land in die Stadt zogen, erwachte ich aus meiner Trance. Es wurde schlimmer. Nach Jahren in dieser Umgebung wusste ich: Die Stadt ernährt sich von Menschen, pulsiert durch ihr Treiben und wächst durch ihre Rastlosigkeit. Wie Brennstoff des städtischen Körpers bewegen sie sich durch seine Adern. Ein Strom, in dem ich mitschwimmen musste, zumindest den halben Tag lang. Ich habe noch ein Bild im Kopf. Nämlich, wie ich in der kahlen Kammer, die mein Zimmer werden sollte, am Fenster stand und versuchte, durch die Grauschleier der Scheibe zu blicken. Der Hof war von drei Seiten mit Häuserfassaden begrenzt. Die Wohnungen, Schuhschachteln. Die Möbel, Utensilien eines Nagers. Und dazwischen, atemraubende Enge. Ich sah die Fenster der Wohnungen, hundert Augen anderer Häuser. Sie glotzten mich ausdruckslos an.

Es war in der Woche nach Ostern, als ich ihm das erste Mal begegnet bin. Ein sonniger Tag, aber trotzdem nicht zu heiß, weil ein frischer Wind wehte. Nach der Schule betrat ich den Hausflur und wollte möglichst schnell nach oben, um mich ans Lesen zu machen. Kurz vor der Holztreppe hörte ich etwas, erstarrte und lauschte. Es war wie ein Traum, in den ich unfreiwillig gesogen wurde: meine Augen schlossen sich, waren plötzlich geblendet von der Realität. Jetzt noch habe ich die Akkorde im Ohr. Wie weich sie waren. Sie nahmen mich ein und glitten in mein Inneres, wo sie sanft nachhallten. Die Trance packte mich, ähnlich wie beim Lesen, aber doch ganz anders: allein der Klang reichte aus, um mich fortzutragen. Dafür brauchte ich kein geschriebenes Wort, kein Bild, keine Vorstellung. Ich blieb gedankenlos, bis die Treppenhaustür aufging. Ruckartig kam mir, wo ich mich befand und was ich tat. Ich sprintete los, drei Stockwerke nach oben in die Wohnung und ließ die Tür hinter mir zuschnappen. Als ich mich in mein Buch fallenlassen wollte, gelang es mir nicht. Die Gedanken wurden zu laut.
So lief ich wieder alle drei Stockwerke hinunter und folgte der Melodie, die mich nicht losließ, zum Hinterhof. Ich öffnete die Tür einen Spalt und sah ihn, auf dem Vorsprung des Türeingangs vom Nachbarhaus, mit kaputten Schuhen, zerzausten Haaren, vertieft in sein Spiel. Es dauerte nicht lang bis er mich ansah. Im ersten Moment schien er überrascht über seinen ungebetenen Zuhörer, aber unterbrach sein Spiel nicht. Stattdessen lächelte er mich an und begann zu singen: „…and the wind cries Mary, and the wind cries Mary“.

Ich blieb im Türeingang stehen. Fühlte mich mutig. Als er fertig war, legte er die Gitarre ab und sagte: „Tolles Stück, oder?“ Ich nickte schüchtern. „Ich hab die Platte oben!“, erzählte er stolz. Wir hatten keinen Plattenspieler und deshalb hatten wir auch keine Platten. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ein seltsamer Laut entfuhr mir. „Magst du sie mit mir anhören?“, fragte er. Stummes Nicken. „Du bist kein Mädchen großer Worte, richtig?“ Ich schüttelte den Kopf. Und dann trottete ich hinter ihm her.

Seine Augen hatten die Farbe von Bernstein und ich kannte sie aus den Gesichtern von Figuren aus meinen Büchern. Im Schneidersitz auf dem Boden hörte ich mir die ganze Platte an, ohne ein Wort zu sagen. Trotzdem herrschte keine peinliche Stille, denn er redete ununterbrochen. Kommentierte alle Stücke, sprach über die Spieltechnik und erzählte mir Geschichten zu jedem Lied. Ich hatte diesen Jimmy Hendrix bisher nicht gekannt. Nur das Bild auf der Platte. Ein Gesicht vor einem Strudel bunter Farben. Doch jede Geschichte machte ihn lebendiger, bis ich ihn wahrhaftig sehen konnte. Es wurde später und ich wusste, dass sich meine Mutter sorgen würde, wenn ich nicht langsam auftauchte. Sie wusste, dass ich keine Freunde und somit auch keine Gelegenheit hatte, länger auszubleiben. Leise deutete ich an, dass ich nun gehen müsse. Vor der Tür drehte ich mich nochmal um, nahm allen Mut zusammen und fragte: „Wie ist dein Name?“ – „Franjo.“ Er lächelte.
Ich nickte. Ohne meinen eigenen Namen zu nennen, verließ ich die Wohnung.

In dieser Nacht träumte ich nicht von meinen Bücherwelten. Der Traum begann auf einer kahlen Wiese. Ich saß auf einer Sommerdecke, eine sanfte Brise strich durch mein Haar. Neben mir ein mannshoher Plattenspieler, der unaufhörlich plapperte. Plötzlich verstummte er, weil es regnete. Dann begann er laut zu weinen. Ich versuchte einen Unterschlupf ausfindig zu machen, aber sah um mich herum nur weite Steppe. Der Regen wurde stärker, mittlerweile stand ich bis zu den Knöcheln im Wasser. Es blitzte, donnerte und plötzlich hörte ich Musik. Ich setzte mich ins Wasser, achtete nicht mehr auf den heulenden Plattenspieler. Ich konzentrierte mich auf den Klang. And the wind cries Mary… Am Morgen hatte ich das Lied im Kopf, es prallte von Hirnwand zu Hirnwand. Ich lächelte. Gleich nach dem Aufstehen. Sogar mein Buch habe ich nicht geöffnet. Im Hof war Franjo nicht zu finden und an die Wohnungstür wollte ich nicht klopfen, das wäre mir zu seltsam vorgekommen. Auch in den nächsten Tagen traf ich ihn nicht. Das Wetter wurde zunehmend regnerischer und ich verlor die Hoffnung, ihm nochmal im Freien zu begegnen. Nach einer Woche gelang es mir wieder problemlos in meine Bücherwelten zu gleiten, auch wenn ich während des Lesens einige Male den Titel summte.

In der Schule bekam ich zunehmend Probleme. Meine Mutter sagte oft, dass ich mich jetzt in der Mittelstufe auf meine Leistung konzentrieren sollte. Stattdessen isolierte ich mich hinter Büchern, selbst in Freistunden, wenn alle anderen fröhlich schnatterten. Bisher war es mir recht, dass sich keiner neben mich setzen wollte. Ich war ein einsames Teilchen, das unbemerkt durch die Gegend schwirrte. Eines Tages wurde meine Klasse in einen neuen Raum verlegt und ich musste für sechs Stunden neben einem fremden Jungen sitzen. Es gab nicht genug Plätze und er beschwerte sich laut darüber, als er zu mir in die letzte Reihe gesetzt wurde. „Neben der will ich aber nicht sitzen! Die ist doch zurückgeblieben!“ Ich verspürte einen Stich in der Brust, als die anderen Kinder in schallendes Gelächter ausbrachen. Am Ende des Schultages begann der Ärger erst richtig. Er behauptete, dass ich seinen teuren Bleistiftspitzer geklaut hätte, und wandte sich an den Lehrer, welcher meine Tasche vor der gesamten Klasse ausleerte. Ich hatte den Spitzer nicht genommen und war überzeugt davon, dass der Junge sich täuschte. Nachdem das Federmäppchen, Bücher, Hefte und meine Trinkflasche auf dem Lehrertisch landeten, kullerte schließlich auch der Spitzer heraus. Ein gemeines Grinsen breitete sich auf dem Gesicht meines Sitznachbars aus. Zur Strafe bekam ich Zusatzaufgaben und wurde vor der Klasse ausgeschimpft. Eine Diebin nannte mich der Lehrer, ein hinterlistiges Ding, weil ich den Delikt nicht von Anfang eingestanden hatte. Mein Hals war trocken und meine Hände zitterten. Ich blieb stumm und sah auf den Boden. Keiner hätte mir geglaubt. So bekam ich das erste Mal die Aufmerksamkeit meiner Kameraden zu spüren und wurde zum Abschaum der Klasse gekürt. Seit diesem Tag bereitete es mir physische Schmerzen, am Schulleben teilzunehmen. Ich war eine verzweifelte Figur, die zur Belustigung Anderer diente. Schon im Pausenhof wurden mir Beine gestellt oder Papierkügelchen an den Kopf geworfen. Ein Mädchen wies mich hämisch darauf hin, dass in den zusammengeknüllten Zetteln Worte an mich gerichtet wurden. Doch ich las keinen einzigen davon. Im Sportunterricht wurde ich gehänselt und auch in jedem anderen Fach gab es Sticheleien. Nach ein paar Wochen war ich vollkommen in Trauer gehüllt. Manchmal hinderte mich dieses Gefühl daran, die Pforte zur Fantasiewelt zu passieren. Ich las und verstand, doch ich konnte nichts fühlen. Dann legte ich meinen Kopf aufs Kissen und weinte leise. Meine Welt war noch viel grauer geworden.

Umso schöner erschien es mir, als ich eines frühen Abends seinen Klang hörte.
Die Melodie floss durch mein geöffnetes Fenster und malte Farben an die kalte Zimmerwand. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem und hörte eine Weile zu.
Meine Mundwinkel zuckten. Langsam schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht.
Voller Energie stand ich auf und lief die Stockwerke hinunter, in den Hinterhof,
bis ich ihn sah. Dasselbe Spiel wie beim letzten Mal. Er lächelte mich an, nickte mir zum Gruß zu, ohne von den Saiten abzulassen. Diesmal zögerte ich nicht, setzte mich neben ihn, wahrte aber immer noch Abstand. Als er fertig war, sagte er: „Schön, dass du da bist!“, und ich merkte, dass mein anfänglich zögerliches Lächeln stärker wurde. Auch wenn ich ihm nichts über mich erzählt hatte, fühlte ich mich in seiner Gegenwart akzeptiert. Er drängte sich mir nicht auf und wenn er Fragen stellte, dann waren es meist rhetorische, die er selbst beantwortete. Dass er mein Schweigen nicht als offensiv auffasste, reichte mir, um mich verstanden zu fühlen. Mein Nicken reichte ihm wohl auch, um sich verstanden zu fühlen. Mir wurde klar, dass wir eine kleine, aber doch schöne Verbindung hatten, eine solche, wie sie zwischen zwei Protagonisten entsteht, wenn sie sich mögen. Und wie durch Zauberhand, als ob ich im Bann einer sonderbaren Magie stehen würde, öffnete ich meinen Mund. Ich war schüchtern und ungeübt, wollte aber trotzdem von dem Traum berichten. Er hörte mir aufmerksam zu, musste ab und an grinsen und einmal sogar lachen. Dann weiteten sich seine Augen, als ich vom plötzlichen Regeneinbruch und dem weinenden Plattenspieler erzählte. „Wahnsinn!“ sagte er. „Das ist ja total verrückt! Du solltest unbedingt anfangen solche Träume aufzuschreiben. Das ist so surreal. Das interessiert die Menschen!“. „Ich kann das gar nicht. Außerdem träume ich sonst nicht so richtig.“ Er sah mich entsetzt an. „Ehrlich? Wahnsinn!“ Dann kehrte Stille ein. Er nestelte an seiner Jackentasche herum und holte ein paar Utensilien zum Zigarettendrehen hervor. Ich hatte das früher bei meinem Vater gesehen, der auch zuhause qualmte. Meine Mutter hielt nicht viel davon. Er krümelte verschiedene Tabaksorten in ein langes Zigarettenpapier. Die eine war braun, die andere grün. Ich beobachtete ihn interessiert. Als er fertig war, bot er mir seine Zigarette an. Ich glaube, ich wäre ihm bis ans Ende der Welt gefolgt, wenn er es mir damals vorgeschlagen hätte. Beim ersten Zug an der Zigarette musste ich husten, beim zweiten fast brechen. Er lachte und meinte: „Ist wohl schon etwas länger her bei dir…“. Ich nickte, weil ich nicht sagen wollte, dass ich noch nie geraucht hatte. Dann gab ich sie zurück und wartete, bis er sie mir wieder reichte. Irgendwann nahm er seine Gitarre und begann die Saiten zu zupfen. Zärtlich trug die Musik mich fort. Ich begann zu schwingen, zu schweben, eingebettet in ein Meer aus Farbe und Melodie. Vergaß die Zeit, vergaß mich selbst, vergaß, dass meine Welt vorher grau gewesen war. Als ich lang genug im Farbstrudel gebadet hatte und der Schwindel nachließ, öffnete ich die Augen und sah den Himmel voller Sterne. So, hatte ich mir immer vorgestellt, würde der Himmel auch in der Wüste aussehen. Oder am Nordpol. Am liebsten hätte ich die Hand ausgestreckt um die Sterne wie Glühwürmchen einzufangen und dann in meine Westentasche zu stecken. Ich würde sie manchmal über den Haferbrei am Morgen streuen, manchmal aber auch einfach so herausnehmen und ansehen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich all das ausgesprochen hatte. Ich plapperte, wusste aber nicht seit wann. Schamesröte stieg mir ins Gesicht, was zu Franjos Belustigung beitrug. Seine Augen blitzen, aber mir schien kein Spott darin enthalten zu sein. Ich wurde ruhiger. Mir fiel meine Mutter ein und wusste, dass es an der Zeit war zu gehen. Ich wünschte ihm eine gute Nacht und stand auf, begab mich in Richtung Hauseingang. „Hey! Warte mal!“, rief er, „Ich weiß ja nicht mal, wie du heißt!“
Mir war immer noch etwas taumlig zumute. Ich blickte zurück und flüsterte es fast.
„Mein Name ist Marie.“

 

 

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