Frau Huberta Gneiss

von Alexander Wachter

„Warum unterrichtet uns denn Ziegenauge dieses Jahr nicht mehr, Herr Allmer?“ Julians Stimme drang durch den Klassenraum. Ich verfolgte neugierig die Reaktion unseres Mathelehrers. Er mochte es gar nicht, wenn wir Herrn Ziegauer bei seinem Spitznamen nannten. Ein Blick über die Schulter bestätigte meinen Verdacht, dass auch die meisten anderen im Raum interessiert an seiner Antwort waren. Nur Laura starrte nachwievor in ihr Smartphone.

„Herr Professor Ziegauer tritt sehr bald den Ruhestand an und bat um eine Minderung seines Arbeitspensums“, erklärte uns Herr Allmer. Man konnte ihm seine 65 Jahre und seine 80 Kilo Übergewicht an jeder Silbe anhören.

„Das ist doch bestimmt nicht der Grund. Die Mimose kommt halt nicht mit uns klar.“

„Lisa! Also ich muss doch bitten! So einen Kommentar möchte ich von dir nicht noch einmal hören“, ermahnte sie Herr Allmer. Lisa war das sichtlich unangenehm. An ihrem Gesicht konnte ich klar ablesen, dass sie nicht damit gerechnet hatte, von unserem Mathelehrer gehört zu werden. Sie gab ein kleinlautes „T’Schuldigung“ zur Antwort, nur um gleich darauf an ihre Banknachbarin gewandt weiter zu lästern. Dieses Mal so leise, dass sogar ich Schwierigkeiten hatte, es zu verstehen. „Hat der ein neues Hörgerät oder was? Sonst hört er doch auch nie was.“

Herr Allmer fuhr unbeirrt fort: „Eure neue Lehrerin ist gerade aus Erlangen hergezogen. Sie ist sehr nett und ich bin mir sicher, ihr werdet euch gut mit ihr verstehen.“

„Herr Allmer?“, rief Laura überraschend durch den Raum. Allem Anschein nach hatte sie ausnahmsweise sogar ihr Smartphone weggelegt. Die Thematik schien sie wirklich zu interessieren. „Kann es sein, dass sie in meinen Häuserblock gezogen ist? Im Fliederweg. Weil unser Vermieter hat sowas zu mir und meiner Mutter gesagt.“

„Das kann sehr gut sein, allerdings weiß ich ihre Adresse nicht auswendig.“

„Wie heißt sie denn?“, bohrte Laura nach.

„Huberta Gneiss ist ihr Name.“

Ein Raunen ging durch das Klassenzimmer. „Wieso bekommen wir ständig die alten Kühe? Das kotzt mich an!“, meckerte Nikola in der hintersten Reihe. „Immer haben wir das Pech ein Fossil als Lehrer zu bekommen. Das ist voll unfair! Die hat bestimmt einen Damenbart. Wie soll ich mich da auf den Unterricht konzentrieren?“

„Also jetzt reicht es aber. So redet man doch nicht von einem Lehrer. Wo ist denn euer Respekt geblieben?“

„Ja, Sorry!“, gab Nikola miesmutig zurück. „Aber ist doch wahr.“

Herr Allmer presste die Lippen zu einem Strich zusammen, was immer ein Zeichen für höchste Gefahr war. Noch eine Kleinigkeit und es würde Strafarbeiten hageln. Alle schwiegen und obwohl keiner mehr ein Wort darüber verlor, war allen klar, dass der Unterricht mit der Neuen bestimmt schrecklich werden würde.

Umso größer war die Überraschung in der Biologiestunde am darauffolgenden Mittwoch, als eine zierliche Frau das Klassenzimmer betrat. Da ich in der ersten Reihe saß, bemerkte ich ihr Hereinkommen in erster Linie anhand der sich ändernden Atmosphäre im Raum. Es wurde merklich stiller und selbst Egon, der mir gerade eines seiner Gedankenexperimente erläutert hatte, verstummte und blickte an mir vorbei.

Verwundert drehte ich mich um und sah, vermutlich als letzter in der ganzen Klasse, unsere neue Biologielehrerin. Von ihrem unglaublichen Körperbau abgesehen, fielen mir ihre strahlend blauen Augen auf, die durch ihre schwarzumrahmte Brille die Meute musterten. Mir blieb die Luft weg.

Die Schritte zum Pult legte sie scheinbar in Zeitlupe zurück. Ein jeder Schritt, ein jedes Schwingen der Arme war einfach nur „Wow“. Und dieser Hüftschwung…!

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„Hallo alle miteinander.“ Ihre Stimme war so zart. So zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings und dennoch so klar, wie kaum eine Stimme, die ich je zuvor gehört hatte. „Mein Name ist Huberta Gneiss.“ Sie öffnete schwungvoll ihre Aktentasche, zog eine Kreide aus einem Seitenfach und schrieb ihren Namen auf die Tafel. Die Buchstaben erschienen in einer perfekten Linie mit kleinen Schnörkeln am H, am b, am t und am G. Während des Schreibens hob sie ihren kleinen Finger ein wenig höher als ihre restlichen Finger. Es erweckte den Eindruck als würde sie ein Tasse Tee halten. Ich hatte noch nie so eine Eleganz gesehen.

„Ich habe letzten Sommer meinen Abschluss an der Universität in Erlangen gemacht. Ich komme quasi frisch aus der Schule und bin schon wieder in der nächsten Schule.“ Sie lächelte verlegen… Und die ganze Klasse lächelte mit. Ihre Ausstrahlung war einfach atemberaubend.

„Ich bin mir sicher, wir werden dieses Jahr viel Spaß miteinander haben. Ihr kennt ja nun meinen Namen. Jetzt würde ich gerne eure Namen kennen lernen.“ Sie lächelte erneut in die Runde und schob sich eine Strähne ihres samtig braunen Haares hinter das Ohr. Dann wandte sie sich mir zu. Ihre blauen Augen sahen direkt in meine und mein Herz stoppte. „Wie ist dein Name?“

Die Sekunden vergingen und ich sah in ihre Augen und erst da wurde mir bewusst, dass sie mich gefragt hatte; dass sie von mir eine Antwort erwartete. Panisch versuchte ich mich an meinen Namen zu erinnern. Meine Hände schwitzten wie verrückt und ich wurde mir aller Blicke bewusst. Die Tatsache, dass sie mich unentwegt durch ihre braune Lockenpracht anschaute, machte die Sache nicht gerade leichter. Die Sekunden zogen sich dahin, während ich nur stumm da saß und keinen Ton über meine Lippen brachte. Ich konnte Lisa hinter mir lachen hören. Wie doof konnte man sein?

„T-T-Tim! Ich heiße Tim!“

Frau Gneiss schenkte mir ein weiteres Exemplar ihres bezaubernden Lächelns. „Freut mich dich kennen zu lernen, Tim.“ Dann ging sie weiter zu Egon. „Dein Name?“

„Egon Buchner“, sagte Egon vollkommen unbeeindruckt von dem Engel, der vor uns stand.

„Egon Buchner“, wiederholte sie für sich selbst und ging zum nächsten Schüler.

„Simon Egger“, sagte dieser. Da durchfuhr es mich wie ein Blitz. Ich hatte ihr nur meinen Vornamen gesagt und nicht einmal den Ganzen. Sie musste mich für extrem minderbemittelt halten. Wie peinlich war das bitte? Ich wollte augenblicklich im Boden versinken.

Den Rest der Stunde verbrachten wir mit einer Wiederholung des vergangenen Schuljahres. Frau Gneiss teilte eine Zusammenfassung aus, die wir dann Schritt für Schritt durchgingen. Mehr bekam ich von der Stunde nicht mit. Ich fokussierte mich darauf, meinen Zettel anzustarren und nicht an der Schönheit vor mir zu zerbrechen.

72H

Nach dem Unterricht war Mittagspause und ich hatte ein Rendezvous mit J. D. Salinger am Seeufer unweit von unserer Schule eingeplant. The Catcher In The Rye zwischen meine Füße geklemmt, aß ich mein Sandwich und blickte auf das sonnige Glitzern des Wassers. Es war ein wirklich schönes Panorama. Das Glitzern in Frau Gneiss Augen gefiel mir allerdings um einiges besser. Es dauerte nicht lange bis einige Jungs aus meiner Klasse vorbei kamen und sich nicht weit von mir entfernt niederließen. Von meinen Platz aus hörte ich ihre Gespräche mit. Selbstverständlich hatten sie nur ein Thema.

„Diese Beine und erst dieser Knackarsch.“ Julian biss sich in gespielter Verzweiflung in die Faust. „So eine geile Braut hab ich selten gesehen. Oh, wie gern ich die doch…“

„Ach komm wieder runter, Juli. Die lässt dich eh nicht ran. Sie ist Lehrerin!“, warf Stefan ein.

„Na und?“

„Nichts, na und. Das ist glaube ich sogar verboten. Außerdem hat so eine wie die bestimmt einen Freund.“

Nikola meldete sich zu Wort. „Muss gar nicht mal sein. Der Allmer hat doch gemeint, dass sie gerade erst hergezogen ist. Vielleicht alleine?“

„Siehst du?“, sagte Julian mit einem Blick auf Stefan. „Ich sag euch, die ist geil auf mich!“

Die anderen beiden lachten. „Also wenn du die abschleppst, dann bist du für alle Zeit ein gemachter Mann, das schwör ich dir. Dann fresse ich meinetwegen auch einen Besen. Das schaffst du nie!“

„Ihr werdet schon sehen. Aber Mann, habt ihr ihre Titten gesehen?“, fragte Julian.

„Die waren schwer zu übersehen“, entgegnete Nikola grinsend. „Als ich sie am Ende der Stunde gefragt hab, ob sie mir den einen Absatz nochmal genauer erklären könnte und sie sich zu mir rüber gelehnt hat, ich schwöre, ihre Titten waren nur Zentimeter von meinen Ohr entfernt.“

„Ja aus dem Grund, bist du auch sitzen geblieben und nicht gleich mit uns aus der Klasse gegangen“, sagte Stefan. Er griff sich mit der Hand in den Schritt. „Ist wohl ziemlich eng geworden da unten, was?“ Alle lachten. Auch ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

Die Jungs sahen zu mir rüber. „Du bist wohl der Letzte, der darüber lachen sollte, Lusche“, keifte Nikola. „Hätte ich so eine peinliche Nummer abgeliefert wie du, dann würde ich gut aufpassen, über wen ich lache.“ Er setzte einen ausdruckslosen Gesichtsausdruck auf und starrte in die Leere vor ihm. „T-T-Tim!“, äffte er mich nach. „Mein N-N-Name ist Tim!“ Schallendes Gelächter begleitete seine Imitation.

Die Zornesröte stieg mir ins Gesicht und eine Gänsehaut kribbelte meinen Rücken hinauf. Ich richtete meinen Blick wieder auf das Buch und biss wütend von meinem Sandwich ab.

„Ach, lass ihn doch in Ruhe“, sagte Stefan, nachdem sich alle wieder beruhigt hatten. „Du wärst selber nicht viel besser dran gewesen, wenn du noch Jungfrau wärst und zum ersten Mal so eine heiße Braut vor dir gehabt hättest. Da sind bei dem kleinen Tim einfach ein paar Sicherungen durchgebrannt.“ Erneut brüllten die Jungs auf.

„Oh mein Gott, ihr seid so lustig“, sagte ich sarkastisch. „Ich lach mich schlapp. Wenn ihr nur hergekommen seid, um zu stänkern, dann geht wieder!“

Julian schlug mit gespieltem Entsetzen die Hände vors Gesicht. „Oh tut uns leid, Tim. Wir hatten ja keine Ahnung, dass du heute deine Tage hast.“

Es reichte mir. Ich schob das Buch in meinen Rucksack und stampfte den Pfad zur Straße hoch. Mir war zum Heulen zumute. Tränen rannen mir die Wangen hinunter und ich wollte nichts mehr, als es diesen blöden Pennern heimzuzahlen. Was konnte ich dafür, dass es eben noch nie mit einem Mädchen geklappt hatte? Es war einfach noch nicht die Richtige dabei. Vielleicht war ich auch einfach immer zu schüchtern. Hauptsache die Jungs hatten eine große Klappe. Dabei hatte ich jedem von ihnen schon in dem einen oder anderen Fach Nachhilfe gegeben. Das machte ich bestimmt nie wieder.

Kaum zurück in der Schule berichtete mir Egon, dass Laura, neben der Frau Gneiss eingezogen war, endlich bestätigt hatte, dass sie in der Tat allein in die Wohnung gezogen war. Diese Nachricht löste helle Begeisterung bei den Jungs in meiner Klasse aus. Auch ich fand den Gedanken an eine Single Frau Gneiss verlockend. Die Mädchen veralberten uns in der Zwischenzeit wegen unseres kindischen Verhaltens, was den Jungs allerdings gleichgültig war. „Du würdest dich anschauen, würde man dir die tägliche Ration Teen Wolf streichen“, sagte Nikola zu einer glucksenden Lisa.

In den nächsten paar Wochen änderte sich nicht sehr viel an der allgemeinen Stimmung. Jede Biologiestunde wurde von den männlichen Klassenmitgliedern mit Freude erwartet. Kaum einem anderen Fach widmeten wir mehr Aufmerksamkeit. Herrschte in den meisten anderen Fächern wilder Radau, klangen in Biologie sanftere Töne durch die Klasse. Auf jede einzelne Zwischenprüfung wurde gewissenhaft gelernt, wollten wir doch nicht, dass Frau Gneiss entging, wie sehr wir ihren Einsatz schätzte. Denn auch der regelmäßige Unterricht mit Frau Gneiss änderte nichts an dem Charme, den sie versprühte.

Mich faszinierten viele Dinge an ihr: Die Art und Weise wie sie ihren Stuhl zurecht richtete bevor sie sich hinsetzte, wie sie ihre Handschuhe auszog, wenn es draußen kalt war. Immer einen Finger nach dem anderen. Wie sie ihre Kreide hielt. Wie sie über einen freundlichen Witz lachte. Wie sie über einen schmutzigen Witz lachte. Oder wie ihre Wangen gerötet waren, wenn sie donnerstags Pausenaufsicht hatte.

Im Gegensatz zu den übrigen Jungs, freute ich mich allerdings nicht auf die Stunden mit Frau Gneiss. So gern ich sie auch aus der Ferne betrachtete, umso nervöser wurde ich, je näher sie mir kam. Am Schlimmsten war es, wenn sie mit mir redete. Dann kam es auch schon mal vor, dass ich vergaß wie man „Ja“ sagte. Die ganze Klasse machte sich lustig über mich und das Schlimmste war, dass sogar Frau Gneiss zu kapieren schien, dass ich sie sehr mochte. Sie regelte die Situation, indem sie so wenig wie möglich mit mir sprach und mich außerdem noch in die letzte Reihe versetzte. Sie begründete diese Aktion damit, dass sie nicht nur die guten Schüler vorne in der Klasse haben wollte, sondern auch die schwächeren.

In diesem Falle hätte sie mich am besten doch vorne behalten. Ich rutschte von einer glatten Eins in Biologie auf eine knappe Vier, da ich mich nicht konzentrieren konnte und in beinahe jedem Test versagte, obwohl ich gelernt hatte.

Am ersten Dienstag im November, kam ich zu spät in die Schule, da ich vergessen hatte, den Wecker zu stellen und verschlafen hatte. Meine Beine drohten bereits nachzugeben als ich die Schulaula betrat, so nervös war ich. Und als ich den Türgriff zu unserer Klasse in die Hand nahm, spürte ich wie mein Herz einige Male aussetzte. Ich hasste es sowieso zu spät zu kommen, weil mich dann jeder in der Klasse anschaute. Heute würde es nicht nur die ganze Klasse, sondern eben auch Frau Gneiss sein. Das überlebte ich nicht! Ich war drauf und dran, die Stunde abzuwarten und erst nach Biologie in die Klasse zu gehen, als sich die Tür vor mir öffnete und Julian herauskam. „Woah, was machst du hier?“

Ich schluckte heftig. „Hab verschlafen.“

Julian grinste von einem Ohr zum anderen. „Frau Gneiss, Tim ist doch nicht krank.“ Mir blieb nun nichts anderes übrig, als in die Klasse zu gehen. Ohne zum Pult zu blicken, setzte ich mich auf meinen Platz. Meine Hände zitterten als ich meine Bücher aus der Tasche holte.

„Sehr schön“, hörte ich Frau Gneiss Stimme. „Julian, könntest du nun dennoch das Klassenbuch holen gehen?“ Ich spürte nachwievor die Blicke der anderen auf mir. Ich hasste dieses Gefühl. Ich wollte am liebsten im Erdboden versinken und nie wieder hervorkommen. „Wieso bist du spät dran?“

Es musste erst wieder die ganze Klasse anfangen zu lachen, bis ich kapierte, dass ihre Worte an mich gerichtet waren. „H-Hab v-verschlafen“, brachte ich mühsam hervor. Alle lachten erneut und ich spürte die Hitze in mir aufsteigen.

„Weißt du jetzt nicht mal mehr den Weg zur Klasse, Tim? Läuft zurzeit echt bei dir, was?“, fragte Lisa neben mir.

Stefan setzte noch einen drauf. „Nein, der musste bestimmt erst noch ein wenig Druck ablassen, bevor er kommt, damit es ihm nicht in der Klasse passiert.“

„Was denkst du denn, warum der noch Jungfrau ist?“ Nikola hielt sich den Bauch vor Lachen.

Noch einige gehässige Kommentare wurden durch den Raum gebrüllt, doch ich hörte nicht mehr hin. Ich sank in meinem Sitz zurück und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Tränen stiegen mir in die Augen und ich schrie aus vollem Hals.

Oder schrie ich nicht? Nein, es war Frau Gneiss, deren Stimme den Raum erfüllte: „Ruhe!“ Jeder war entsetzt, da noch keiner von uns Frau Gneiss jemals schreien gehört hatte und alle verstummten schlagartig. Sie blickte finster in die Runde und sagte mit bebender Stimme: „Ihr seid jetzt alle sofort still! Wer es wagt, noch ein Wort zu sagen, ohne von mir dran genommen worden zu sein, der bekommt eine Strafarbeit, die sich gewaschen hat.“

Alle blieben ruhig. Keiner sagte etwas. Frau Gneiss war jedoch noch nicht fertig. Sie schritt die Bankreihen hindurch, bis sie vor mir zu stehen kam. „Tim. Heute Nachmittag 16:00 in meinem Büro. Geht das für dich in Ordnung?“ Ich hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht, ob 16:00 für mich in Ordnung ging, als ich bereits mit dem Kopf nickte. „Das freut mich. Dann sehen wir uns um 16:00. Du brauchst deine Biologieunterlagen nicht mitzubringen.“ Daraufhin platzierte sich Frau Gneiss wieder an der Tafelseite des Raumes und setzte den Unterricht fort.

An diesem Tag bekam ich nichts mehr vom Unterricht mit. Meine Gedanken schwirrten um den Nachmittag in Frau Gneiss‘ Büro. Ich hatte sie noch nie alleine getroffen. Es befanden sich bisher immer meine Mitschüler im selben Raum. Ich wusste auch gar nicht, ob ich mich auf den Nachmittag freute oder ob ich eher Angst davor hatte. Wollte ich wirklich alleine mit Frau Gneiss sein? Wollte ich wirklich hundert Prozent ihrer Aufmerksamkeit auf mir haben? Allein die Vorstellung, badete mich in Schweiß. Kurzfristig spielte ich sogar mit dem Gedanken, einfach nicht hinzugehen. Doch ich wusste, dass dies auf lange Sicht keine Lösung war. Außerdem hielt mich mein Ehrgefühl davon ab. Dasselbe Ehrgefühl, das mich auch davon abhielt, die elenden Turnstunden zu schwänzen.

Meine Mitschüler halfen auch nicht wirklich dabei, meine Nerven zu beruhigen. Ganz im Gegenteil. Sie drangsalierten mich den ganzen Tag mit Fragen, was Frau Gneiss wohl heute Abend von mir wollte. Ob sie vorhatte mit mir über meine Noten zu reden, die ja in letzter Zeit sehr schlecht geworden waren. Oder über meine Sprachprobleme. Oder ob sie mir vielleicht sogar an die Wäsche wollte. Am Ende der 5. Stunde war ich jedenfalls heilfroh, endlich von den anderen weg zu kommen.

Ich verbrachte die Stunden bis zu dem Termin in Frau Gneiss‘ Büro damit, mir alle Szenarien auszudenken, die im Bereich des Möglichen lagen. Ich versuchte mich mit Essen, Büchern und Fahrradfahren abzulenken, aber nichts brachte den erwünschten Effekt. Ich steigerte mich immer weiter in meine Hirngespinste hinein, bis es endlich an der Zeit war, zu ihrem Büro zu gehen.

Sie lächelte mich wie immer freundlich an und hieß mich einzutreten. Tausend Dinge gingen mir in diesem Moment durch den Kopf und im gleichen Moment auch gar keine. Ich stand einfach nur da und spürte ihre Hand auf meiner Schulter, wie sie mir den Impuls in die Richtung eines Stuhls gab. Ihre Berührung elektrisierte meine Haut und Schauer liefen meine Wirbelsäule rauf und runter. Auf meine Atmung konzentriert, damit ich nicht bewusstlos wurde, wartete ich ab bis Frau Gneiss die Tür zugezogen hatte.

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Die ersten Schulstunden am darauffolgenden Tag verliefen ereignislos. Herr Allmer erklärte uns zwei Stunden lang wie Integralrechnungen funktionierten, obwohl sogar Lisa die Beispiele nach zehn Minuten ohne Hilfe lösen konnte. Egon neben mir drehte fast am Rad, weil ihn das Übererklären so aufregte. Aber nicht nur Egon war genervt, alle freuten sich als die Glocke endlich die Pause einläutete und Biologie als nächstes auf dem Stundenplan stand.

Ich hatte schon Schnappatmung bevor ich Frau Gneiss überhaupt in das Klassenzimmer kommen sah. Als sie dann endlich den Raum betrat, steuerte sie direkt auf meinen Tisch zu. Meine Mitschüler schauten interessiert zu mir. Sie erwarteten wohl eine Art Bestätigung, wie das Gespräch gestern lief. Ich hatte ihnen nichts gesagt und sie hatten sich ihre eigenen Schlüsse geschlossen. „Danke nochmal für deine… Ähm… Hilfe gestern, Tim.“ Sie legte mir zärtlich ihre Hand auf die Schulter. „War echt toll!“ Sie lächelte mich an, zwinkerte mir zu und begab sich zum Pult, um die Stunde zu beginnen.

Julian war der erste, der sich zu mir rüber lehnte. „Was hat sie gemeint? Wobei hast du ihr gestern denn geholfen?“ Ich zuckte nur mit den Schultern und sah weiterhin zur Tafel. Julian ließ nicht locker. „Jetzt komm schon, Tim. Was soll der Scheiß? Oder ist es was Peinliches? Ja klar, sonst würdest es doch sagen.“

„Es gibt nichts zu erzählen. Ich weiß nicht, wovon sie redet.“ Es fühlte sich richtig gut an, einmal derjenige zu sein, dem die anderen an den Lippen hingen.

Lisa lehnte sich weit zu mir rüber. „Jetzt komm schon, Tim“, flüsterte sie. „Ist da etwa was gelaufen?“ Ich konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen, was die anderen noch weiter verwirrte. Auch auf die folgenden Fragen antwortete ich entweder gar nicht oder nur ausweichend.

Die restliche Stunde diskutierten alle ausführlich darüber, wobei ich Frau Gneiss denn zur Hand gegangen sein könnte. Als ich Frau Gneiss gegen Ende der Stunde auch noch mit Huberta ansprach und sie es als selbstverständlich hinnahm, erhärtete sich bei den meisten der Verdacht, dass da wohl tatsächlich etwas gelaufen sein musste.

„So vertraut kann man doch nicht nach einem normalen Gespräch sein“, zischte Nikola aufgebracht. „Jetzt komm schon, Tim. Lass dich nicht betteln!“

Auf Frau Gneiss‘ Worte achtete ich auch dieses Mal nicht, aber, anders als sonst, hatte es heute gänzlich andere Gründe. Ich hatte den Spaß meines Lebens. Meine Stimmung war auf einem ultimativen Hoch und ich musste die ganze Stunde über permanent Grinsen. Ich war ihr so dankbar, dass sie das für mich tat.

Am Ende der Stunde waren sich alle einig, dass ich Frau Gneiss irgendwie um den Finger gewickelt hatte. „Ey Mann, Tim. Stell dich nicht so an. Gib schon zu, dass da was lief.“ Ich schüttelte den Kopf. „Du Lusche hast es vermutlich nicht gebracht, sonst würdest es ja zugeben.“

Ich schluckte eine schlagfertige Antwort hinunter, als Frau Gneiss noch mal zu meinem Platz kam. Alle, die im Umkreis saßen, taten plötzlich sehr beschäftigt. Sie lächelte mich an und mir fiel es gar nicht mal so schwer, einfach zurück zu lächeln. „Nächste Woche, selbe Zeit?“, fragte sie und ich musste alle meine Kraft aufbringen, um ernst zu bleiben und zu nicken, denn ich sah Julians und Nikolas Gesichter, die einfach nur Fassungslosigkeit widerspiegelten. „Toll! Ich freu mich drauf, Tim.“

Kaum war Frau Gneiss aus dem Klassenzimmer ging die Belagerung erst richtig los. Meine Mitschüler ließen nicht locker und wollten alles wissen. Allen voran Lisa, die sich sogar auf meinen Schoß setzte und meinte, sie ginge erst weg, wenn sie wüsste, was Sache sei. Ich fühlte mich wie der König auf Erden. So fühlte es sich also an beliebt zu sein.

Das Glück währte allerdings nicht lange.

„Hey Leute, wieso macht ihr so einen Krach um Tim? Frau Gneiss ist doch mit-“

„Halt die Klappe, Egon!“, schallte es Egon im Chor entgegen.

Er zog eine Schnute, blieb aber beharrlich. „Ihr seid so dumm. Sie ist doch mit dem Herrn Allmer zusammen.“

Das sorgte für Schweigen in der Runde. „Erzähl keinen Scheiß!“, schnauzte ihn Nikola an. „Woher willst denn du das wissen?“

„Die beiden sind gerade vor der Schule am turteln. Hab sie gerade gesehen als ich vom Klo gekommen bin.“

Einen Moment war alles ruhig, im nächsten hetzten sämtliche Schüler aus dem Klassenzimmer. Ich rannte natürlich auch mit. Ich wollte es mit eigenen Augen sehen, wenn es denn stimmte. Das Herz war mir in die Hose gerutscht. Oh bitte, das konnte nicht wahr sein. „Nicht meine Frau Gneiss!“

Doch in der Tat: vom Eingangsportal aus, konnte die ganze Klasse Frau Gneiss sehen, die gerade wild umschlungen von Herrn Allmer geküsst wurde. Seine Wurstfinger fuhren ständig ihren Rücken auf und ab und sie liebkoste sein Gesicht mit ihrer Hand. Ihre Münder waren so aneinander gepresst, dass es schon beim Zusehen weh tat. Es war wie ein Autounfall. Man sah etwas Schlimmes und wusste es auch, aber man konnte einfach nicht wegsehen.

„Der frisst sie ja auf!“, stieß Julian entsetzt hervor.

„Oh mein Gott! Herr Allmer! Wirklich? Der könnte ihr Vater sein. Mir wird schlecht!“ Lisa stellte sich sicherheitshalber schon mal neben den Mülleimer.

Ich stand auch nur da und starrte auf das abscheuliche Bild vor mir. Ich war fassungslos. Alles in mir zog sich zusammen. Nichts konnte Schlimmer sein als das. Es war der reinste Albtraum!

Eine Abscheu regte sich in mir. Wie ich Frau Gneiss da mit unserem fetten Klassenvorstand sah, wurde mir bewusst, dass ich mich in ihr getäuscht haben musste. Sie hatte mir etwas vorgespielt. Die Huberta Gneiss, die ich dachte zu kennen, existierte nicht. Sie war weder liebenswürdig, noch sonderlich attraktiv, noch mochte sie mich wirklich. Sie war eine Lügnerin und Manipulatorin.

Die ganze Show, die wir uns gestern für die Klasse überlegt hatten, kam mir plötzlich komplett lächerlich vor. Wieso sollte ich stolz darauf sein, mit Frau Gneiss ein Verhältnis zu haben? Sie fickte doch eh lieber alte Männer mit dickem Bierbauch, fettigen Haaren und Maulwurfaugen. Herr Allmer roch sogar schon wie ein Opa. Was war nur mit ihr falsch, dass sie ihn begehrenswert fand? Ihn und nicht mich?!

Ich fühlte mich so ausgelaugt. Meine Beine und meine Brust schmerzten. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, um nicht wegzukippen.

„Ach du Scheiße, Tim. Weinst du etwa?“ Julian hatte sich von dem Autounfall losgelöst und sich mir zugewandt. Ich fasste mir mit den Fingern ins Gesicht. Tatsächlich. Ich weinte und hatte es nicht einmal bemerkt.

„Fuck, Tim! Dann stimmt es also wirklich?“ Lisa hatte die Augen so weit aufgerissen, dass ich sicher war, sie würden jeden Moment rausfallen. „Du hattest echt was mit der Frau Gneiss? Fuck!“ Ich schüttelte den Kopf, aber keiner achtete darauf.

„Alter, Tim. Was läuft denn mit dir nicht richtig?“ Nikola packte mich grob an der Schulter. „Siehst du das da vorne? Weißt du, wo der Mund von der schon überall war? Erst lutscht sie vom Allmer den Schwanz und dann küsst sie dich. Du bist so ein Opfer!“

„Ich hatte nix mit ihr. Ich-“

„Boah, Niko, hör auf! Ich kotz echt gleich!“ Lisa beugte sich nun schon regelrecht über den Mülleimer. „Das ist alles so eklig! Tim, verzieh dich!“

„Ja echt Tim! So eine kranke Scheiße!“ Julian spuckte mir vor die Füße. „Ey Mann. Du bist echt nicht dicht im Hirn!“

Ich sah in die, von Abscheu erfüllten, Gesichter meiner Mitschüler und mir wurde bewusst, dass ich vorhin falsch gelegen hatte: es ging immer Schlimmer.

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