Einmal ein Jahr

von Elias Vorpahl

Marc interessierte sich für das Essen überhaupt nicht. Er strich sich das Pesto auf die Scheibe Brot, nahm etwas von der Melone, und wunderte sich über das Mädchen, das da vor ihm auf der Decke saß.
Steffi hatte ihre Füße im Sand vergraben. Jetzt nahm sie etwas Sand in die Hände und ließ ihn an ihren Schienbeinen hinabrieseln.

„Wie lange wird es dauern, bis wir wieder zu Sandkörnern werden?“ Sie schaute ihn nicht an, betrachtete weiter die Körner, die durch ihre Finger auf ihre nackte Haut fielen.

„Wir werden es nicht erleben“, antwortet er.

„Ich würde es gerne erleben. Durch die Meere treiben. Küsten sehen. Wir werden rund und weiß. Bis irgendwer uns aufhebt, und uns durch seine Finger rieseln lässt.“ Steffi kroch jetzt zu ihm. „Komm, schau.“ Sie legte sich auf den Bauch und deutete ihm, es ihr gleichzutun. Sie streckte den Zeigefinger, auf dem nur ein einziges Sandkorn lag. „Was glaubst du, wer sie mal war?“, fragte sie ihn ernst.

Marc betrachtete sie. Ihre blonden Haare hatte sie sich in einem blauen Bandana Tuch zu einem Dutt hochgesteckt. Sie trug ein weißes Spaghettikleid, auf dem unregelmäßig dicke schwarze Farbkleckse verteilt waren. Sie hatte einen winzigen Nasenring, der von den Sommersprossen ablenkte.

„Ok. Sie war ein Mädchen tief aus dem Landesinneren. Ihr größter Wunsch war es, einmal das Meer zu sehen. Zufrieden?“

Steffi grinste. „Und hat sie es gesehen?“

Marc schüttelte den Kopf. „Nee. Blieb immer nur in ihrem Dorf. Am Ende starb sie, ohne sich den Wunsch zu erfüllen.“

„So eine traurige Geschichte!“ Steffi sprang auf. „Komm“, rief sie, „wir bringen sie ins Meer!“

Marc schaute ihr nach. Im Laufen hatte sie sich ihr Kleid über den Kopf gezogen und es in den Sand fallen lassen. Für einen kurzen Moment sah er noch ihren nackten Rücken, bevor sie sich in die erste Welle stürzte. Marc stand auf, zog sich Socken und Jeans aus, und wechselte in Badeshorts. Er ging langsam über den Sand, bis die Wellenausläufer seine Füße erreichten. Dort blieb er stehen.

„Kommst du rein?“, rief Steffi vom Wasser aus.

„Es ist zu kalt“, antwortete er und lachte.

„Du bist unmöglich! Du verpasst alles!“

„Verpassen? Was denn?“

„Na, alles!“, rief sie und spritzte das Wasser hoch, als sie sich nach hinten wegstieß.

Marc trat jetzt doch ins Wasser. Er tauchte ein, bis er dicht bei Steffi wieder an die Oberfläche kam. Marc fuhr sich über das Gesicht und durch die Haare. Steffi blickte ihn amüsiert an.

„Wie kannst du da oben stehen und in aller Ruhe deine Socken ausziehen?“

Marc zuckte mit den Schultern. „Jemand, der gar keine Socken trägt, hat leicht reden.“

Sie lachte. „Leg dich mal auf den Rücken und mach die Augen zu.“

„Warum das?“, fragte er.

„Meine Schwester und ich haben das als Kinder immer gemacht. Ich führ dich.“

„Aha.“ Marc runzelte die Stirn, ließ sich dann aber nach hinten fallen.

„Augen zu.“

Marc schloss die Augen. Es war immer noch früher Morgen und die Kälte des Wassers umgab ihn. Steffis Hände umschlossen seine Fußgelenke und zogen ihn langsam nach hinten. Das Salz trug ihn.

„Im Moment sind wir wie Sandkörner, die durchs Meer treiben“, sagte Steffi neben ihm. „Alles kann passieren. Unsere Zukunft ist ungewiss.“

Marc öffnete die Augen und entwand sich ihrem Griff.

„Was ist denn los?“, fragte sie.

„Sorry. Die Zukunft ist im Moment echt nicht mein Thema.“ Marc schaute sie an. „Wenn das Soziale Jahr vorbei ist, muss ich entscheiden, wie es weitergehen soll. Da hab ich im Moment kein Bock drauf.“

„Hast du keine Ahnung, was du machen willst?“, fragte sie.

„Klar hab ich das. Tausend Sachen will ich machen. Ich will mich nur nicht entscheiden.“ Er schwamm ein Stück weiter und blieb wieder stehen. „Ich hab im Moment einen verdammten Schiss davor, eine einzige Sache mein ganzes Leben lang machen zu müssen.“

Steffi strich ihm über die Lippen. „Die sind ganz blau. Komm, wir gehen wieder raus.“ Sie griff nach seiner Hand und zog ihn mit sich zum Strand.

„Warte kurz hier“, sagte sie, als sie aus dem Wasser stieg. Das Wasser reichte ihr gerade bis zur Hüfte, als sie sich noch mal zu ihm umdrehte. Ihre Brüste waren noch etwas weißer als die sonst schon helle Haut. Von den harten Brustwarzen, die von einem dunklen rosa waren, tropfte das Wasser. Marc schoss die Röte ins Gesicht. „Marc, guck ruhig“, sagte sie. „Es ist gut, wenn dir wieder warm wird.“ Damit drehte sie sich um und ließ Marc im Wasser stehen. Sie ging über den Sand, beugte sich vor, um das Kleid aufzuheben, und ging zurück zur Decke, wo auch ein paar Handtücher lagen. Erst als sie ihr Kleid wieder angezogen hatte, kam er ihr nach.

Zurück auf der Decke schaute sie ihn an. „Entscheide dich nicht nur für eine Möglichkeit. Nimm sie dir alle vor. Eine nach der anderen.“

Marc dachte noch an ihre Brüste und hatte das Gespräch im Wasser schon fast wieder vergessen. „Du hast leicht reden.“ Er legte sich neben ihr auf die Decke und blickte in den Himmel. „Was hast du denn vor, wenn du wieder zurück bist?“

„Zu Hause wartet meine Mutter.“ Steffi strich sich über den Bauch. „Sie will, dass ich studiere. Irgendwas, das sich gut anhört. Was sie ihren Bekannten erzählen kann.“

„Und? Das machst du?“, fragte er.

„Nein. Ich werde nicht zurückgehen. Ich werde den Flug stornieren. Ich will über den Landweg zurück nach Europa.“

„Über den Landweg?“

„Ja. Nur mit Public Transport. Und ich will an Orten bleiben. Ich will Hebräisch lernen, die Tora und den Koran lesen…“

„An welchen Orten denn?“, fragte Marc.

„Jerusalem. Haifa. Beirut. Vom Leben lernen. Weißt du? Wirklich leben.“

„Pff, so ein Unsinn. Das hört sich an. Das wirst du nie und nimmer machen“, erwiderte er.

„Doch. Ich weiß, wie sich das anhört. Aber ich mein das ernst. In Lesotho habe ich einen Israeli kennengelernt. Er heißt Levi und ist im Moment auf Wanderschaft. Wenn er wieder zurückgeht, werde ich ihn begleiten.“

„Auf Wanderschaft? Was soll das denn heißen?“

„Die Israelis wanderten 40 Jahre durch die Wüste. Levi will das nachempfinden. Er ist schon drei Jahre unterwegs. Ein Jahr nimmt er sich noch.“

„Und du willst mit ihm mitgehen?“

„Ja. Als ich ihm in Lesotho begegnet bin, war das als ob mir jemand die Augen geöffnet hat. Alle anderen erzählen doch nur. Levi erzählt nicht, der macht. Ich hab die anderen alleine weiterreisen lassen und bin eine Woche bei ihm geblieben. Ich liebe ihn.“

Als sie am Abend wieder zurück ins Dorf fuhren, schwiegen sie beide. Afrika war ein Kontinent, den man schweigend erleben musste.

Marc bog in die Einfahrt vor Cloister ein, dem Haus, in dem Steffi wohnte. „Du musst mir sagen, warum du mich heute eigentlich zum Picknick eingeladen hast?“

Steffi schaute ihn ernst an. „Ich wollte diesen Tag in Ruhe verbringen. Und du bist der ruhigste Mensch, den ich kenne. Ich hab es mir gewünscht.“ Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. „Schlaf schön.“ Dann öffnete sie die Tür und verschwand in der Dunkelheit.

Marc startete den Motor, fuhr ein Stück die Straße hinunter, um dann doch noch mal zu stoppen. Er blickte zurück in Richtung Dunkelheit, die Steffi gerade verschluckt hatte. Dann flüsterte er: „Und ich liebe dich.“

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