Das Weihnachtsabo

von Lydia Wünsch

„Ich weiß, es ist Heiligabend und Sie freuen sich sicher jetzt schon auf Ihren Feierabend, um zu Ihrer Familie zu kommen, aber ich muss dennoch ein paar Worte mit Ihnen wechseln, die Ihre Arbeit hier betreffen, Frau Berggold.“ Die bebrillten Augen der, auf den ersten Blick nett aussehenden, etwas pummeligen, älteren Dame taxierten Laura. „Mir ist klar, dass Sie sich große Mühe geben, aber offensichtlich haben Sie das Ziel dieser Arbeit noch nicht so ganz verinnerlicht. Das besteht darin, Ihren Kunden neue, und nach Möglichkeit, teurere Abonnements unserer Zeitschriften zu verkaufen.“ Sie atmete hörbar aus. Der lange Monolog schien sie anzustrengen. „Ich beobachte Sie jetzt seit drei Monaten und Ihre Telefonzeiten mit den einzelnen Kunden sind überdurchschnittlich lang, und dabei haben Sie am Ende meist nicht einmal einen Vertrag abgeschlossen. Wenn man dann auf den Inhalt Ihrer Gespräche achtet, sind diese außerdem mehr als merkwürdig. Sie haben doch das Paper bekommen, in dem die Richtlinien für ein Verkaufsgespräch aufgelistet sind, und eine Einweisung wurde auch vorgenommen. Warum halten Sie sich nicht daran?“

Nun war es an Laura, etwas zu sagen. Sie räusperte sich kurz bevor sie den Mund aufmachte, denn das Letzte, was sie jetzt wolle, war, ihrer Vorgesetzten auch noch mit einer kratzigen Stimme zu antworten. „Nun … ich weiß auch nicht … es fällt mir eben nicht leicht, beim Verkaufsgespräch zu bleiben, wenn die Leute anfangen, mir von ihren privaten Situationen zu erzählen. Einige von denen haben offenbar ernsthafte Probleme, wissen Sie? Eine Frau erzählte mir zum Beispiel, dass sie unter Kaufsucht leidet und wahllos alle Verträge abschließt, die ihr angeboten werden. Mittlerweile sitzt sie auf einem Berg von Schulden und …“

„Das mag ja sein“, unterbrach die Vertriebsleiterin Laura sichtbar genervt. „Aber so etwas ist nicht Ihr Problem und schon gar nicht das der Firma. Sie sind hier nicht zu Hause und quatschen mit Ihrer besten Freundin. Sie sollen Ihren Job machen. Das heißt, dass Sie sich nicht in solche Gespräche hineinziehen lassen dürfen. Bleiben Sie bei den Anweisungen auf dem Paper. Listen Sie auf, was für Vorteile der Kunde mit dem neuen Abo hat und wenn er nicht zahlen kann, dann ist das ein Fall für das Inkassobüro. Und fertig.“

Die Augenbraue über dem rechten Auge der Vertriebsleiterin zuckte wieder. Obwohl sie immer noch lächelte, merkte man, dass Sie die Geduld verlor. Seit Wochen spürte Laura schon, wie sie von ihr beobachtet wurde. Es war ihr auch nicht entgangen, dass sie manchmal die Augen verdrehte oder spöttisch lachte, wenn Laura wieder einen Kunden tröstete, der seine Rechnung nicht bezahlen konnte, oder mit einer alten Frau redete, die gar nicht verstand, dass sie gerade ein Abonnement für eine Computerzeitschrift abgeschlossen hatte. Und das, obwohl sie noch nicht einmal einen Computer besaß! Stattdessen erzählte die alte Frau begeistert von ihren Enkelkindern: dass die Franzi jetzt studierte und der Thomas einen guten Posten als Anwalt oder It-Manager – oder was auch immer – bekommen hatte. Laura hatte mittlerweile von zu vielen Enkeln gehört, um sich alle zu merken. Es ging auch nicht darum. Viel eher hatte sie das Gefühl, diese Menschen brauchten einfach jemanden, der ihnen zuhörte. Wie konnte sie die Leute da unterbrechen? Diese Gespräche waren außerdem wesentlich Interessanter, als der ständige Einheitsbrei beim Verkauf von Abonnements. Aber das war ja nicht ihre Aufgabe, das wusste sie. Sie wusste nur nicht, wie sie es besser machen sollte. Wenn das so weiterging, würde sie diesen Job auch wieder verlieren. Ihre Chefin wollte sie los werden. Das war klar. Sie suchte nur noch einen Grund, sie rauszuwerfen. Laura musste zusehen, wie sie schnell aus diesem Gespräch kam. „Es tut mir leid“, piepste sie in der Hoffnung, ihre Chefin würde sie endlich gehen lassen. „Ich werde versuchen, mich in Zukunft an das Paper zu halten.“

„Wenn dieser Job nicht der Richtige für Sie ist, warum suchen Sie sich dann keinen anderen?“, fuhr die Vertriebsleiterin fort, als hätte sie Laura nicht gehört. „Machen Sie doch etwas, das Ihnen mehr liegt, wenn Sie sich mit der Arbeitsmoral hier nicht identifizieren können.“

Das war er: der Wink mit dem Zaunpfahl. Die Chefin ebnete den Weg dafür, dass Laura von selbst sagte, sie würde gehen. Langsam fing sie an zu schwitzen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Sitz hin und her. „Nun …“, fing sie an „es ist im Moment nicht leicht, einen Job zu finden …“

„Wissen Sie …“, unterbrach die Vertriebsleiterin sie erneut „wir wollen Leute, die motiviert sind und diese Arbeit gerne machen. Für die gibt es auch Aufstiegschancen in der Firma. Wir sind immer auf der Suche nach jungen Verkaufstalenten, die für diesen Beruf regelrecht brennen. Aber nicht jeder hat das Zeug dazu. Bei Ihnen sehe ich das einfach nicht. Tut mir leid, aber wenn Sie so weitermachen, fürchte ich, dass wir uns im neuen Jahr von Ihnen verabschieden müssen.“

Laura schluckte. „Ich versuche mich zu bessern, wirklich. Ich brauche diese Arbeit. Die Jobs in der Schauspielerei sind schwer zu kriegen. Und ich bin wohl nicht der Typ, nach dem gerade gesucht wird.“

„Ich habe in Ihrem Lebenslauf gelesen, dass Sie einen Abschluss von der Schauspielschule haben“, erwiderte die Vertriebsleiterin. „Ich kann Ihnen nur raten, Ihre Träume zu überdenken. Ich habe schon so viele junge Dinger gesehen, die ständig irgendwelchen irrwitzigen Zielen nachjagten, in der Hoffnung, sie kommen eines Tages ganz groß heraus und es tut mir leid zu sehen, dass diese Art von Mensch einfach nicht vorankommt im Leben.“ Ihr Mund verzog sich zu einem mittleidigen Lächeln, als sie das sagte. Jetzt kam sie sich wohl sehr großmütig vor, dachte Laura.

„Aber so ist es doch gar nicht!“, wagte Laura zu widersprechen. „Ich sitze ja nicht zu Hause herum und warte darauf, groß heraus zu kommen. Die Schauspielerei ist einfach meine Leidenschaft. Ich gehe auch zu vielen Vorsprechen … außerdem schreibe ich gerade ein Drehbuch. Was man allerdings braucht, ist etwas Geduld und Zeit. Solange die Dinge noch nicht laufen, brauche ich diesen Job hier …“

„Und genau das ist der Punkt,“ sagte die Vertriebsleiterin nun in etwas harscherem Ton. „Wir merken doch, dass es Ihnen zuwider ist und Sie eigentlich nicht hier sitzen wollen. Was wir nicht brauchen, sind derart unmotivierte Mitarbeiter, die vielleicht auch noch einen schlechten Einfluss auf die anderen ausüben. Ich bekomme doch mit, was Sie in der Küche reden: dass Sie die letzte Preiserhöhung für übertrieben halten, dass Sie finden, man hätte die Kunden darauf hinweisen sollen, dass ihr Abo ab dem nächsten Jahr teurer wird, statt sie mit der neuen Rechnung vor vollendete Tatsachen zu stellen, um Ihnen dann mitzuteilen, dass sie vor Ablauf des Jahre nicht aus dem Vertrag kommen. Meinen Sie, ich bekomme das alles nicht mit? Wenn Sie mit unserer Firmenphilosophie nicht klar kommen, dann sollten Sie nicht hier sein.“

Oder Sie wollen einfach nicht, dass man Sie in Frage stellt, weil Sie sonst über sich selbst und das, was Sie hier tun, nachdenken müssten, wollte Laura erwidern, wusste aber, dass das ihr endgültiges Aus in dieser Firma bedeuten würde. Also versprach sie erneut, sich zu bessern, auch wenn sie wusste, wie lahm ihre Ausrede mittlerweile klang.

„Na gut, aber das ist Ihre letzte Chance“, meinte die Chefin mit einem strengen Blick „Zeigen Sie mir, dass Sie es wirklich wollen und verkaufen Sie heute noch ein paar schöne Weihnachtsabos. Und jetzt nehmen Sie sich noch ein Plätzchen und machen Sie sich an die Arbeit. Fröhliche Weihnachten!“

Als Laura zu ihrem Platz in dem Großraumbüro ging, hatte sie einen dicken Klumpen im Hals. Tief durchatmen, ermahnte sie sich selbst, als sie sich das Headset aufsetzte. Du bekommst das hin. Das kann doch nicht so schwer sein. Die anderen schaffen es doch auch, dachte sie mit einem Blick auf ihre Kollegen, die an der langen Tischreihe saßen und mit starrem Lächeln und begeisterten Stimmen ihre Verkaufsargumente unterbreiteten. Du wirst dafür bezahlt und das ist das Einzige, was zählt. Du musst dich nicht mit allem identifizieren, was du machst. Diese Empfindlichkeiten solltest du dir endlich einmal abgewöhnen. Sonst kommst du im Leben nicht weit. Hast du ja gerade gehört.

„Hallo! Hallo, ist das jemand?“, Lauras Gedanken wurden unterbrochen, als der Anruf hereinkam. Automatisch hatte sie auf den Antwortknopf gedrückt. Jetzt galt es, alles zu geben! Diesem Herren würde sie ein Abonnement andrehen, das sich gewaschen hatte! Sie spürte den Blick ihrer Chefin im Nacken und streckte ihren Rücken durch.

„Die Com.Pany GmbH wünscht Ihnen fröhliche Weihnachten! Mein Name ist Laura Berggold. Was kann ich für Sie tun?“

„Ja guten Tag! Schön, dass sich jemand meldet“, sagte die Stimme hörbar erfreut. „Ich probiere schon lange, bei Ihnen durchzukommen, aber irgendwie stecke ich immer in der Warteschleife.“

„Meine Kollegen und ich sind ständig im Gespräch. Es tut mir leid, wenn Sie warten mussten. Was kann ich für Sie tun?“

„Oh, das ist aber nett, dass Sie fragen. Ich wünsche Ihnen auch erst einmal fröhliche Weihnachten, obwohl man das ja an Heiligabend noch gar nicht sagen darf“, lachte er. „Aber das sind alte Traditionen. In meinem Alter gibt man noch so viel auf Tradition, aber das wird Sie, junge Dame, kaum interessieren. Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf?“

„25“, sagte Laura und fügte schnell hinzu: „Was ist denn Ihr Anliegen?“

„Ah, ein schönes Alter! So alt war meine Elfriede auch, als wir heirateten. Gott hab sie selig. Nun ist sie schon seit ein paar Jahren tot und ja, so geht es halt im Leben, nicht? Alles hat ein Ende. Das ist der Lauf der Dinge. Nützt ja nichts, sich darüber zu grämen. Aber gerade an Weihnachten ist es doch schon sehr einsam, und meine Kinder kommen nicht so oft zu Besuch. Die Ingrid ist nach Hamburg gezogen und der Philipp lebt mit seiner Familie in München. Da haben die nicht die Zeit, mich so oft zu besuchen. Und an Weihnachten ist das stressig mit den Kindern. Das verstehe ich, dass die nicht mit Sack und Pack zu mir kommen wollen. Sie haben mir zwar angeboten, zu ihnen zu kommen, aber ich will da auch nicht stören. Was soll ich, alter Mann, denn dort?“

„Das hört sich sehr interessant an, aber was kann ich denn nun für Sie tun?“, unterbrach Laura den Mann und versuchte ihre Stimme dabei möglichst motiviert klingen zu lassen.

„Nun … ja, genau … der Philipp hat zwei Kinder und die sind 11 und 13 Jahre alt, die Matilda und der Noah. Und die spielen ständig am Computer. Die nennen das tschätten und so … und da dachte ich, das könnte mir doch auch Freude bereiten. Dann könnte ich vielleicht auch ein bisschen im Internet sörfen, wie sie immer sagen. Weil sonst habe ich nicht sehr viel zu tun den ganze Tag. Und darum habe ich mir vor kurzem selbst ein Weihnachtsgeschenk gemacht und mir so einen Laptop gekauft. Nur, dass ich jetzt mit der Bedienung ein wenig überfordert bin. Dann habe ich Ihre Nummer aus dem Telefonbuch herausgesucht und mir gedacht, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen.“

Jetzt war es an Laura, die ganzen Vorteile eines Zeitschriftenabonnements der teuersten Computerzeitschrift herunterzurasseln. Diesen Mann dazu zu bringen, ein Abo zu erwerben, würde leicht sein. Sie schielte zu ihrer Chefin am Ende des Büros, die sie streng ansah.

„Also, mit der neusten Ausgabe der Com-Welt erfahren Sie alles, was Sie über die Bedienung von Laptops wissen müssen“, fing sie an. „Außerdem haben wir gerade ein spezielles Weihnachtangebot. Damit können Sie die Com-Welt die ersten drei Monate gratis lesen, wenn Sie das Abo heute noch abschließen.“

„Oh, das ist sehr gut!“, rief der Mann aus. „Ich dachte aber, dass Sie mir vielleicht am Telefon schon mal die wichtigsten Schritte erklären könnten. Weil ich bin wirklich ein blutiger Anfänger. Wie bekomme ich den Laptop denn zum Beispiel an? Ich drücke die ganze Zeit auf die Knöpfe, aber nichts passiert.“

Jetzt war Laura verwirrt. „Haben Sie denn überhaupt einen Internetanschluss?“, fragte sie den Mann.

„Einen was? Wissen Sie: Ich dachte, das wäre ganz einfach. Ich dachte, ich müsste nur einen Knopf drücken und dann ginge der Laptop an und ich könnte ein bisschen tschätten … aber ich weiß nicht, wie der Anschaltknopf aussieht, können Sie ihn mir beschreiben?“

„Das wird Ihnen leider nichts nutzen,“ sagte Laura verzweifelt. „Wir sind außerdem kein technischer Support. Wir vertreiben nur Zeitschriften. Die werden Ihnen aber auch nicht helfen, da die Grundlagenkenntnisse über PCs Voraussetzung sind, um überhaupt zu verstehen, was da drinsteht.“

Das war nicht das, was sie hätte sagen sollen. Sie schielte wieder nervös zur Vertriebsleiterin, die sie scharf ansah. Dreh ihm einfach das Abo an, dachte Laura. Tu es einfach! Doch während sie das dachte, hörte sie sich sagen: „Ich würde Ihnen eher raten, einen Computerkurs an der Volkshochschule zu besuchen. Dort können, die Leute Ihnen vor Ort helfen und Sie kommen mit Menschen in Kontakt. Vielleicht können Sie sogar ein paar Freundschaften schließen? Ich denke, das wäre eher etwas für Sie, als eine unserer Zeitschriften. Die sind viel zu kompliziert und da steht Fachwissen drin, das Sie nie brauchen werden. Und wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf: Fahren Sie zu Ihrer Familie. Ich bin sicher, die werden sich freuen. Als älterer Mensch denkt man immer, man stört die jungen Leute. Aber ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wir hätten oft gerne mehr Kontakt zu unseren Großeltern, wissen aber nicht, wie wir ihn aufbauen sollen. Ich zum Beispiel hätte meinen Opa gerne besser gekannt. Aber er war immer so distanziert, dass ich dachte, er hat kein Interesse an mir. Dabei hätte ich mich gefreut, wenn er Heiligabend mit mir verbringt.“

Laura schnappte nach Luft. Sie hatte so schnell geredet, dass sie kaum zum Atmen gekommen war. Dabei wusste sie, dass das auch nichts änderte. Im Hintergrund hörte sie wieder das spöttische Lachen und das Herz sackte ihr in die Hose. Aber sie hatte die Worte ausgesprochen und sich damit den Weg hinaus aus der Firma gesichert. Sie spürte, wie ihre Augen anfingen, zu brennen und wollte schon auflegen, um sich auf dem Klo zu verstecken, als sie die Stimme des Herren hörte:

„Vielen Dank für den Ratschlag. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. Um ehrlich zu sein, war es das netteste Gespräch, das ich seit Langem hatte. Wenn ich Ihnen auch noch einen Tipp geben darf: Bleiben Sie so wie Sie sind! Mit dieser Einstellung werden Sie es im Leben bestimmt noch sehr weit bringen. Fröhliche Weihnachten!“

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