Das Christkind

von Alexander Wachter

Es klopfte an die Haustür. Nicht sanft und behutsam, sondern so heftig und holzerbebend, dass die Tür in ihren Angeln erzitterte. Maria Walther war verwirrt. Wieso sollte jemand an ihre Tür hämmern, wo sie doch eine einwandfreie Klingel besaßen? Und das zu so später Stunde und ausgerechnet am Heiligabend?

Auf dem Weg zum Foyer traf sie der fragende Blick ihres Mannes, der sich nach seinem Arbeitstag gerade mit einer Runde Fernsehen belohnte. »Wer kommt denn jetzt noch?« Sie antwortete ihm mit einem Kopfschütteln, woraufhin Karl den Fernseher auf stumm schaltete und sich aufrichtete. Er befürchtete bereits, dass es einer seiner Klienten sein würde. Diesen Workaholics war es zuzutrauen, dass sie ihm vor den Feiertagen noch Unterlagen vorbei brachten. Aber nicht mit ihm, entschied er bestimmt. Nicht heute Abend.

Maria griff nach der bronzenen Klinke und in dem kurzen Moment bevor sie die Tür öffnete, durchfuhr sie ein unbehagliches Gefühl und sie bereute es, nicht doch einen Spion einbauen gelassen zu haben. Nicht zu wissen, wer auf der anderen Seite stand, behagte ihr nicht. Am liebsten würde sie so einen unangekündigten Besuch einfach ignorieren. Wer sich nicht vorher anmeldete, hatte einfach Pech gehabt. Doch Maria wusste, so etwas gehöre sich nicht. Wenn sich schon jemand die Mühe machte, ihr abgelegenes Häuschen zu besuchen, dann öffnete man auch die Tür. Sie überwand sich und drückte die Klinke nach unten.

Kein Besucher weit und breit. Vor Maria erstreckte sich eine gähnende Finsternis. Die weiße Schneedecke, die ihren Garten begrub, konnte sie noch bis zum Rande des Lichtscheins der Eingangslaterne erkennen. Dahinter verschwand auch diese in undurchdringlicher Schwärze. Auf der Fußmatte vor ihr befand sich ein kleines sorgfältig platziertes Geschenk. Es war mit einem schwarzen Geschenkpapier verpackt und mit weißen Bändern geschmückt. Maria zögerte einen Moment, dann hob sie es hoch. Das Paket war überraschend schwer und fühlte sich kühl an, so als hätte es schon eine Weile im Freien gelegen. Eigenartig, dachte sie sich, wer hatte das wohl hier abgestellt? Und warum ist die Person nicht geblieben? Bevor sie wieder ins Haus zurückging, folgte ihr Blick den frischen Fußspuren, die vor ihr in der Finsternis verschwanden. Sie bemerkte, wie groß und tief sie waren. Die reglose Gestalt, die nur wenige Meter von ihr entfernt in der Dunkelheit verborgen stand, bemerkte sie allerdings nicht.

Die Nacht lag an diesem 24. Dezember schwer auf dem stattlichen Haus am Weiherburger Dorfrand. Obgleich es üblicherweise von der Hauptstraße aus nicht zu sehen war, konnten vorbeifahrende Autofahrer  dessen Umrisse erspähen. Dies war dem überraschendem Schneefall der letzten Tage zu verdanken, der das Hausdach und die Fassaden weiß gesprenkelt hatte, so dass es nun aussah wie ein lebensgroßes Lebkuchenhaus.

»War das das Christkind?« Theo stürmte zu seiner Mutter an die Haustür. »Hat es meine Geschenke mitgebracht?«

»Oh nein, dafür ist es doch noch zu früh.«

»Und für wen ist dann das Geschenk?« Er deutete mit seinen kleinen Fingern auf das schwarze Paket in Marias Händen.

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, für wen das Geschenk ist. Vermutlich für Papa.«

»Für Papa? Nicht für mich?« Theo zog eine Schnute. »Wieso bekommt er ein Geschenk und ich nicht? Das ist ungerecht!«

»Oh, du kleiner Griesgram. Du bekommst dein Geschenk heute auch noch, also keine Sorge.« Maria wuschelte ihrem Sohn spielerisch die Haare, woraufhin er ein genervtes »Oh Mama, lass das!« ausstieß. Allerdings merkte sie ihm an, dass er dabei ein Lachen unterdrückte, was für Maria bedeutete, dass er immer noch gute Laune hatte.

Im Wohnzimmer quengelte Theo noch ein wenig, bis Karl und Maria ihm erlaubten, das Geschenk auszupacken. Karl war so froh, dass es kein Klient von ihm war und er heute Abend nicht noch mehr Arbeit aufgehalst bekommen hatte, dass er sich glücklich wieder dem Fernseher zuwandte – bis sein Sohn lautstark seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. »Mama! Papa! Da ist nur eine Uhr drin.«

Theo legte seinem Vater die Uhr auf den Bauch, der sie daraufhin hochhob und musterte. Auch Maria nahm die Uhr genauer unter Augenschein. »Wow! Die sieht edel aus, Karl. Wer schenkt dir sowas? Die war bestimmt nicht billig.« Sie versuchte ihre Stimme heiter klingen zu lassen, doch ihren Missmut gab sie dennoch preis. Gegen eine solche Uhr von irgendeinem Klienten würde ihr Weihnachtsgeschenk geradezu mickrig aussehen. Dabei war sie beim Kauf so zufrieden damit gewesen. Sie hatte Karl eine tolle blau-silberne Krawatte gekauft mit einem passenden schwarzen Hemd dazu. Er hätte sie für ihren guten Geschmack gelobt und sich gefreut und alle wären glücklich gewesen – aber dann kam diese Uhr daher.

»Ja, die ist bestimmt teuer gewesen. Beim Ankauf vor zehn Jahren.« Er zeigte seiner Frau die vielen Kratzspuren auf der Glasscheibe und das abgeblätterte Silber der Einfassung. »Die Uhr hat ihre besten Jahre schon hinter sich. Bis auf das Lederband. Das sieht recht neu aus.«

»Wer sollte dir denn sowas schenken?«

Karl hob die Schultern. »Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Es ist auch keine Karte dabei. Vermutlich bekomm‘ ich nächste Woche einen Anruf von einem meiner Klienten, der mich fragt, wie mir das Geschenk gefallen hat – dann wissen wir’s. Aber schau! Sie funktioniert ja nicht mal.« Und in der Tat, als Maria das Ziffernblatt genauer unter die Lupe nahm, bewegte sich keiner der Zeiger. Sie waren um siebzehn Minuten nach sechs stehen geblieben. Das wird ja immer eigenartiger, ging es ihr da durch den Kopf. Aber immerhin war ihr Geschenk nun besser als diese Uhr.

Plötzlich stieß Theo einen lauten Schrei aus. »Das Christkind! Das Christkind!« Er kletterte auf die Couch, um besser aus dem Fenster zu sehen. »Mama, das Christkind! Ich hab’s gesehen!«

Maria schaute besorgt zu ihrem Sohn, doch Karl grinste. Im Gegensatz zu seiner Frau genoss er die blühende Fantasie seines Sohnes. Er beneidete ihn sogar ein wenig dafür, da er selbst nie recht fantasiereich gewesen war. Zahlen und Ziffern waren eher sein Metier. Seine Frau hatte Theos Ideenreichtum anfänglich auch noch recht süß gefunden, das hatte sich jedoch geändert als er älter wurde. Mit zehn Jahren sollte er langsam zwischen Einbildung und Realität unterscheiden können, war ihre Meinung. Sie wollte Theo auch schon längst verraten, dass es kein Christkind gab. Mit viel Mühe hatte Karl sie davon überzeugt, ihn dieses Jahr noch daran glauben zu lassen.

»Ach, ehrlich?« Maria gesellte sich zu ihrem Sohn ans Fenster. »Ich seh‘ ja gar nichts. Wo war es denn, Spatz?«

Theos Augen strahlten voller Begeisterung. »Da! Genau vor mir. Es stand mit dem Gesicht ganz nah am Fenster.« Er hielt seine Hand gegen die kühle Scheibe. Seine Körperwärme ließ das Glas kurzzeitig beschlagen und Maria erkannte, dass sich auch auf der Außenseite ein kleiner Kondensfleck befand – als hätte gerade jemand noch davor gestanden und dagegen geatmet. Aber das war unmöglich! Theo steckte sie schon an, mit seiner Affinität für das Christkind.

»Echt? Wie hat es denn ausgesehen?« Sie musterte ihren Sohn, als er für einen Moment nachdachte. Oft sah er auch genauso aus, wenn er sich etwas ausdachte. Man wusste es bei ihm einfach nicht. »Es hatte einen blonden Bart und eine Mütze auf.«

Karl lachte schallend auf. »Einen Bart? Das muss wohl ein etwas älteres Christkind gewesen sein.« Sein Lachen war so ansteckend, dass Maria miteinstieg, obwohl ihr Momente zuvor überhaupt nicht danach zumute gewesen war. Wie sehr sie ihren Mann für sein Talent, sie jederzeit zum Lachen zu bringen, liebte. Eine Anspannung, derer sie sich davor gar nicht bewusst gewesen war, fiel von ihr ab.

»Wie sieht’s aus? Lust auf ein Spiel, Theo?« Karl betätigte den Aus-Knopf der Fernsehbedienung.

»Oh ja!«, schrie Theo begeistert. »Spielen wir Verstecken?« Karl schwebte eher eine Partie Uno oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht vor, aber seinem Sohn zuliebe, willigte er ein. Maria warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Innerlich freute sie sich jedoch. Nun konnte sie in Ruhe das Weihnachtsessen fertig vorbereiten und dabei lautstark Weihnachtslieder trällern, ohne dass die beiden Herren sich deswegen aufregten

Maria entschied sich, die Weihnachtsgans noch weitere fünfzehn Minuten schmoren zu lassen. Sie setzte die Schaltzeituhr auf zehn nach sechs. Mit ruhiger Hand schnitt sie die letzten Kräuter, um sie anschließend über die Kroketten zu streuen. Das Messer fuhr im Staccato auf den Schnittlauch nieder und zerteilte ihn in regelmäßigen Abständen, während sie gerade eine Alto-Version von All I want for Christmas zum Besten gab.

Gerade als Maria dabei war, das Salatdressing fertig abzuschmecken, kroch ihr ein kalter Luftzug um die Knöchel. Hatte sie ein Fenster offen gelassen? Karl neckte seine Frau gerne damit, dass sie ständig fror. Doch sie konnte nichts dagegen tun – sie war wie ein Spürhund für Durchzug. Ein offenes Loch und sie fand es garantiert als erste.

Maria legte das Messer in die Spüle, wusch und trocknete sich die Hände und suchte nach dem Ursprung der Kälte. Ihre Schritte führten sie in die Vorratskammer, wo sie sehr schnell fündig wurde. Das einzige Fenster des kleinen Raumes stand weit offen und Ströme kalten Windes drangen herein. Sie wunderte sich über ihre Vergesslichkeit. Sie hatte bei ihrem Kochmarathon allem Anschein nach vergessen, dass sie diesen Raum gelüftet hatte. Wie lange das Fenster hier wohl schon offen stand? Ein Wunder, dass nicht bereits mehr Wärme verloren gegangen war. Eiligst schloss Maria das Fenster. Sie war dabei so in Gedanken versunken, dass sie das Wasser auf dem Kunststoffboden nicht bemerkte.

Zurück im Flur erwartete sie die nächste Überraschung. Ein eingerahmter Schnappschuss vom letzten Fasching, auf dem Theo als Zorro verkleidet in die Kamera grinste, lag zerbrochen auf dem Boden. »Theo!«, rief Maria. Das Bild konnte nicht einfach so von der Wand gefallen sein, dazu befand es sich zu weit von der Stelle entfernt, an der es sonst gelegen hätte. Sie konnte sich allerdings gut vorstellen, dass Theo, der kleine Wirbelwind, es während dem Verstecken spielen, versehentlich von der Wand gerissen hatte. »Theodor Ludwig Walther!«, rief Maria.

»Ja, Mama?«, kam nach kurzer Pause die zögerliche Antwort vom oberen Ende der Treppe.

»Sei ehrlich, hast du das Bild von der Wand gerissen?« Maria zeigte ihm den zerbrochenen Rahmen. Der Kleine wagte sich ein paar Schritte die Stufen hinunter und schaute auf das zerbrochene Bild. »Das war ich nicht!«, sagte er bestimmt. »Ich war nur hier oben am Verstecken.«

Maria wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Karl hinter Theo hervortrat. »Hab ich dich!«

Theo ließ die Schultern hängen und schaute trübselig zu seiner Mutter. »Na toll, Mama. Dankeschön! Jetzt muss ich wieder Papa suchen!«

Karl klopfte seinem Sohn kameradschaftlich auf die Schulter und versprach ihm, dass er ihn nochmal suchen kommen würde. An seine Frau gewandt setzte er noch hinzu: »Wenn das für dich okay ist, Liebling. Oder soll ich dir irgendwie helfen?« Sein Blick verriet ihr, dass er ihr nur zu gerne helfen würde, anstatt zu spielen.

Maria verneinte. Der sollte ruhig noch eine Runde Verstecken spielen, bevor er sich über das Essen hermachen durfte. »In zehn Minuten gibt’s Essen, schaut dann einfach, dass ihr beide da seid. Und Hände waschen nicht vergessen!« Theo lief jubelnd davon, Karl begann mit geschlossenen Augen zu zählen und Maria sammelte die Glasscherben ein. Anschließend saugte sie mit dem Handstaubsauger noch großflächig den Boden, damit auch die letzten Splitter entfernt waren. Würde sich Theo eine Scherbe eintreten, könnten sie den geruhsamen Abend vergessen.

Es roch bereits im ganzen Haus nach Gänsebraten. Beim Betreten der Küche kontrollierte Maria, wie viel Zeit der Gans noch blieb. Sechs Minuten. Als sie das Messer aus der Spüle nehmen wollte, um die letzten Tomaten für den Salat zu schneiden, stutzte sie. Wo war das Messer hin? Maria griff sich an den Kopf. Was war denn nur heute mit ihr los? Sie legte jedes Messer immer in die Spüle, solange sie es noch brauchte und nicht gleich abwusch. So konnte Theo es nicht ausversehen runterschmeißen oder sich schneiden. War sie von dem Luftzug tatsächlich so abgelenkt gewesen, dass sie es einfach irgendwo auf die Ablage gelegt hatte. Doch nach einigen Minuten vergeblichen Suchens konnte Maria das Messer immer noch nicht finden. Sie musste es wohl mit in die Abstellkammer genommen und dort liegen gelassen haben.

Als sie die Küche verlassen wollte, kam Karl ihr gerade entgegen. Er lächelte sie spitzbübisch an und gab ihr einen liebevollen Kuss. »Oh, womit hab ich das denn verdient?«, fragte sie ihn, nachdem ihre Lippen sich voneinander gelöst hatten. »So wie das hier riecht, Liebling, …« Er holte tief Luft und atmete glücklich seufzend aus. »Da muss man dich einfach lieben!« Genau für solche Reaktionen, dachte Maria, lohnte sich die Mühe. Und dabei hatte er bislang noch nicht mal etwas davon gegessen.

Der Timer teilte dem ganzen Raum mit, dass die Gans nun bereit war aus ihrem heißen Käfig befreit zu werden. Maria nahm sich ein Geschirrtuch und eilte zum Backofen. Beim Öffnen der Klappe, wich sie hastig der heranrollenden Welle aus heißem Dampf aus, die daraus hervorquoll.

»Mhmm.. Sieht das lecker aus, Mama.« Theo stolperte durch die Tür und machte Anstalten, sich eine Radieschenscheibe aus dem Salat zu fischen. Karl hielt ihn davon ab. »Hast du denn deine Hände gewaschen?« Theo schaute schuldbewusst drein, was einer Antwort gleichkam. »Hop. Hop. Beeil dich. Danach gibt’s Essen.« Theo sprintete aus dem Zimmer und seine Eltern konnten hören, wie er die Badezimmertür zuknallte.

»Oh Mann, unser kleiner Wirbelwind!« Maria lächelte, während sie die Gans abstellte, ein neues Messer aus der Schublade nahm und anfing, sie zu tranchieren. »Bevor ich’s vergesse, ich kann mein großes Messer nicht mehr finden. Ich muss es irgendwo verlegt haben.«

Karl unterdrückte ein Lachen. »Wie kann man bitte ein Messer verlegen? Irgendwo muss es ja sein.«

»Ja, das denk ich mir auch.« Sie richtete die Scheiben der Gans ordentlich auf dem Silbertablett an. »Aber ich hab hier drin schon überall geschaut und es ist nirgends. Wirklich eigenartig!« Karl pflichtete seiner Frau bei und fing an, die bereits angerichteten Speisen auf den Tisch zu stellen, wohl darauf bedacht, die Sauce möglichst weit entfernt von Theos Platz zu stellen, damit er nicht auf die Idee kam, sie sich später selbst nachzuschöpfen.

Theo kramte derweil den kleinen Holzschemel unter dem Badezimmerwaschbecken hervor und stellte sich darauf. Er liebte es, sich seine Hände zu waschen. Einmal angefangen, konnte er endlos weiter im Wasser plantschen. Das Wichtigste erschien ihm dabei, die Wassertemperatur intervallweise von warm nach kalt zu wechseln und dabei zu merken, dass sich das heiße Wasser nach einer kurzen Zeit im kühlen noch viel wärmer anfühlte. Theo war so in seinem Wascherlebnis versunken, dass er nicht einmal bemerkte, wie die Badezimmertür sich langsam öffnete.

»Hallo, Theo.«

Der Kleine sah zu dem großgewachsenen Mann auf, der vor ihm stand. Er war von der Mütze bis zu den Socken komplett in Schwarz gekleidet. Weiße Zähne blitzten zwischen den blonden Barthaaren hervor, als er sich langsam auf Theo zubewegte. »Du weißt, wer ich bin, nicht wahr?«

Die Gestalt flüsterte und Theo kam es ganz natürlich vor, ebenfalls seine Stimme zu senken. »Du bist das Christkind!« In dem Moment, in dem er die Worte aussprach, wusste er, dass es die Wahrheit war. Theo hatte sich das Christkind immer viel jünger vorgestellt und ohne Bart, aber er sah in seine Augen und empfand komplette Gewissheit.

»Ja in der Tat, Theo. Ich bin es.« Das Christkind stand nun genau vor ihm. Es griff sich das Handtuch neben dem Waschbecken und begann damit Theos Hände zu trocknen. Während es die Feuchtigkeit von seinen Fingern rieb, fuhr es fort: »Es hat einen Grund, warum ich heute hier bin. Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du einer der Auserwählten bist, Theo!«

Theo spürte seinen Herzschlag in den Ohren und an den Fingern, überall dort, wo das Christkind ihn berührte. Ihm fehlten die Worte und er brachte nur ein kurzes »Auserwählten?« hervor. Das Christkind schenkte ihm ein warmes Lächeln, beugte sich näher zu ihm hin und flüsterte: »Ja, Auserwählte! Du darfst mich dieses Jahr zu den Häusern anderer Kinder begleiten und jedes Geschenk, das sie von mir bekommen, das bekommst auch du.«

Theo fing an, auf und ab zu springen, so glücklich fühlte er sich. Er musste es sofort seiner Mama und seinem Papa sagen. Er drängte schon an dem Christkind vorbei, als es ihn aufhielt. »Psch leise, Theo! Deine Eltern dürfen uns nicht hören oder mich sehen.«

»Warum nicht?«

»Weil sie nicht mehr an mich glauben und ich dann meine Kraft verlieren würde. Ich könnte dich dann nicht mit mir mitnehmen.« Es legte Theo seine Hand an die Wange. »Spürst du, wie kalt meine Haut bereits ist? Das liegt daran, dass deine Eltern in der Nähe sind. Ihre Anwesenheit allein reicht aus, um mir zu schaden.«

Theo nickte, denn er glaubte zu verstehen. »Dann darf ich ihnen auch nicht sagen, dass ich mit dir mitgehe?«

»Nein, das darfst du nicht, Theo. Aber denk einfach daran –« Es zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »– wenn du in ein paar Stunden wieder da bist, kannst du ihnen alle deine tollen Geschenke zeigen und sie werden sich keine Sorgen mehr machen.«

»Ui, das klingt toll!«, sagte ein glückseliger Theo. Er fühlte sich, als ob seine kühnsten Träume Wirklichkeit geworden waren. Seine Schulkameraden würden Augen machen.

Dann fiel sein Blick auf das Messer am Gürtel des Christkindes. Er stutzte. »Wieso brauchst du das Messer, Christkind?«

Es lächelte ihn liebevoll an. »Dieses Messer brauchen wir später noch. Es ist sehr wichtig«, antwortete es. Theo nickte. Er konnte sich zwar nicht denken, wofür sie das Messer brauchen würden, aber das Christkind wusste bestimmt, wovon es sprach.

»Dann lass uns gehen!« Das Christkind streckte die Hand aus und Theo ergriff sie freudestrahlend.

Der Wasserhahn im Badezimmer rauschte unentwegt, als sie gemeinsam das Haus durch das Fenster in der Abstellkammer verließen. Die Küchenuhr zeigte siebzehn Minuten nach sechs an.

Advertisements

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. fancynancy92 sagt:

    Ich bin schockiert, peinlich berührt, zutiefst getroffen, entsetzt, erschreckt, erschüttert, fassungslos, konsterniert, starr, überrascht, verdattert, verwirrt und bewegt!

    Fazit: Geile Geschichte 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Ich fand sie auch ganz gut. Ich werde jetzt nicht mehr aus dem Fenster abends schauen können, nachher steht da noch wer.
      Danke für dieses schreckliche Geschenk ^^

      Gefällt 1 Person

      1. Alex 😎 sagt:

        @fleur d’chocolate: Wer sagt, dass es nicht wirklich das Christkind war? 😋

        Gefällt mir

      2. Ach, war es das Christkind? ^^ hatte es immer anders in Erinnerung ^^

        Gefällt 1 Person

    2. Alex 😎 sagt:

      Danke für die netten Worte ☺️

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s