Willi wills

von Martin Trappen

„So einfach kann das doch nicht sein.“ Jessikas Stimme beruhigte Willi immer. Ganz egal, wie anstrengend der Tag auch war, wenn er ihr zuhören konnte, war alles wieder in Ordnung.

„Einfach habe ich auch nicht behauptet. Aber ich werde alles daransetzen“, gab Willi zurück.

„Dagegen habe ich auch nichts, aber du darfst die Schule nicht vernachlässigen. Egal was passiert, wenn du einen Schulabschluss in der Tasche hast, bist du auf der sicheren Seite“, meinte Jessika. Willi musste zugeben, dass er die Schule hatte schleifen lassen. Stattdessen hatte er sich ganz aufs Schlagzeugüben und das Spielen mit seiner Band konzentriert. Er wurde immer besser, aber dafür stand er in mehreren Fächern auf einer Fünf. Auf einer ziemlich wackligen Fünf.

„Du hast ja recht. Aber das Spielen macht einfach mehr Spaß“, sagte Willi.

„Klar. Spielen macht immer mehr Spaß als harte Arbeit.“

„Auch Musik ist harte Arbeit.“

„Dann muss du eben doppelt hart arbeiten, Willi. Auch bei den Fächern, die du nicht ausstehen kannst. Wie Mathe zum Beispiel.“ Willi stöhnte und drehte sich von Jessika weg. Er musste sich eingestehen, dass er sich von schwierigen Sachen immer abwandte. So hatte er es auch dieses Mal getan.

„Vielleicht sollte ich mit Raffael reden“, schlug Willi vor.

„Wer ist das?“, fragte Jessika.

„Der Beste in Mathe in meiner Klasse.“

„Dann kann er dir bestimmt helfen. Mit mir willst du ja nicht lernen.“

„Ich will eben die wenige Zeit, die wir haben, nicht auf Lernen verwenden.“

„Das ist lieb von dir. Aber dann rede doch mal mit Raffael. Wird dir guttun, Zeit mit ein paar anderen Jungs zu verbringen.“

„Wenn du meinst.“

„Mein ich. Aber jetzt muss ich gehen. Versprich mir, dass du mit Raffael redest“, bat Jessika.

„Also gut, ich verspreche es.“

„Dann bis morgen. Und wie immer: weniger denken, mehr tun“, sagte Jessika und verabschiedete sich mit einem Kuss auf Willis Wange. Sie erfuhr nie, dass sie wieder aneinander vorbeigeredet hatten.

„Wilhelm, wiederhole, was ich eben gesagt habe.“

Angestrengt löste Willi seinen Blick von dem Sitz zwei Reihen vor ihm und schaute an die Tafel. Dort standen deutlich mehr Zeichen und Zahlen als das letzte Mal, als Willi draufgeschaut hatte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass seitdem 15 Minuten vergangen waren.

„Du hast wieder nicht aufgepasst. Ich muss dir eine Sechs in Mündlich geben.“

„Oh nein, bitte“, platze es aus Willi raus.

„Da schau an“, Herr Gerdes hielt inne und blickte Willi an, „kannst du also doch hören. Dann komm nach vorne und rechne mir diese Aufgabe vor.“ Willi war ratlos. Er kannte alle Formeln, die sie in der letzten Zeit durchgenommen hatten. Aber welche davon er hier anwenden sollte, wusste er nicht. Auf einmal sah Willi, wie Raffael ihm Zeichen gab. Er zwinkerte, nickte mit dem Kopf, hob eine Augenbraue, zeigte mit dem Finger. Aber Willi hatte keine Ahnung, was er ihm damit sagen wollte.

„Glaub nicht, ich bemerke das nicht, Raffael. Tut mir leid, Wilhelm, du lässt mir keine Wahl.“

Eine Sechs in der mündlichen Note. Willi war nie ein Musterschüler gewesen, aber er hatte sich auf dem Gymnasium lange gut behaupten können. Es erschreckte ihn selbst, wie schnell sich das geändert hatte. Und daran war nur eine Sache schuld.

Die Pausenglocke erlöste Willi. Er setzte sich an seinen Tisch und schloss sein Mathe-Buch. Raffael kam zu ihm rüber. „Tut mir leid, Mann. Ich habe noch versucht dir zu helfen.“ Raffael war ein wenig größer als Willi, mit langem schwarzen Haar, das er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er war ein Mathe-Genie, aber das war nicht der Grund, warum Willi so fasziniert von ihm war.

„Brauchst dich nicht zu entschuldigen. Aber was sollten diese Zuckungen?“

„Du solltest nach rechts sehen. Da steht nämlich genau die Formel, die du brauchst.“

„Mann, bin ich ein Idiot!“

„Ich bin sicher, dass du das hinkriegst, wenn du genug lernst.“

„Da könnte ich wohl Hilfe brauchen“, sagte Willi, bevor er wusste, was er sagte.

„Kann dir Jessika nicht helfen? Sie ist doch auch gut in Mathe.“

„Woher kennst du sie?“

„Wir waren mal in einer Klasse. Ich bin sitzengeblieben, weil ich einfach nicht gelernt hab.“

„Du bist sitzengeblieben?“

„Was meinst du, warum ich jetzt so gute Noten habe?“

„Vielleicht kannst du mir ja helfen?“, rutschte es Willi raus.

„Klar, gerne. Heute Abend habe ich Zeit. Du hast meine Nummer.“ Raffael nahm sich seine Tasche und ging nach draußen. Willi tat sein Bestes, Raffaels Geruch, der noch in der Luft hing, zu vergessen, und ging auch in die Pause.

„Willi! Hey, Willi!“ Paul musste lauthals schreien, damit Willi ihn über das Wummern der Trommeln hörte. Willis Finger taten weh, seine Arme brannten und der Schweiß tropfte an seinen Schläfen herunter. So liebte er es: Er saß hinter dem Schlagzeug, schweißtriefend, müde und mit einem leichten Klingeln in seinen Ohren. Hier konnte er alles vergessen, was ihm schlaflose Nächte bereitete.

„Alter, du bist ja wirklich komplett in Trance!“, rief Max fassungslos.

„Der Song ist schon seit ’ner halben Minute vorbei und du ballerst einfach weiter!“, meinte Joe.

„Weil er ein echter Motherfucker ist, ich sag‘s euch!“ Pauls Meinung war wie immer die vulgärste. Er hatte die englische Sprache für sich entdeckt, aber natürlich merkte er sich nur die Schimpfwörter.

„Ich sag’s euch, Leute, das wird mit der Band!“

Innerlich musste Willi lachen. ‚Band‘. Vier Idioten, die ihre Instrumente malträtierten. Willi hatte angefangen zu trommeln, um seine Eltern davon abzulenken, welche Schwierigkeiten er mit den anderen Kindern hatte. Solange er am Schlagzeug saß, musste er nicht draußen spielen. Statt musikalischer Ambition trieb immer noch der Wunsch nach Ablenkung sein Spiel an.

„Machen wir kurz Pause“, schlug Willi vor, und die andern folgten seinem Vorschlag. Er nahm sein Handtuch und trocknete sich Kopf und Nacken ab.

„Paul, hast du die pentatonischen Tonleitern geübt?“

„Ne. Brauchen wir nicht!“

„Nicht unbedingt, aber damit haben wir mehr Möglichkeiten mit den Melodien“, sagte Willi.

„Scheiß drauf! Zieht euch das mal rein!“ Paul legte ein hartes Gitarrensolo hin. Nicht schlecht, dachte Willi, aber zu simpel und nicht gerade präzise.

„Hey Leute, ich muss euch was ganz Anderes erzählen: Ich hab’ gestern Nicki flachgelegt!“

„Hast du deiner Hand jetzt einen Namen gegeben, Paul?“, fragte Max grinsend.

„Ich verpass dir gleich eine! Es war mit Nicki, aus der Parallelklasse.“

„Nicolas Reuter?“, fragte Willi.

„Nein!“, brüllte Paul, „Nicole Engel! Hältst du mich für ’ne Schwuchtel?“, fragte Paul.

„Natürlich!“, platzte es aus Willi raus, „natürlich nicht“, ergänzte er hastig.

„Willst du mich provozieren, Arschloch?“

„Mann, Paul beruhig dich“, sagte Max und kassierte eine Ohrfeige.

„Schnauze!“, rief Paul und auch Joe wich zurück. Dann sah Paul Willi an: „Ich gebe dir genau eine Chance, zu erklären, was das sollte!“

„Mach langsam, Paul. Das war doch nur ein Scherz“, entschuldigte sich Willi.

„Ein Scherz?“, fragte Paul und verpasste Willi einen Schlag ins Gesicht. Willi biss sich auf die Zunge; er schmeckte Blut in seinem Mund, als er in die Knie ging. Paul stürzte sich auf ihn und schlug drauf los. Willi krümmte sich zusammen, um seinen Kopf zu schützen. Mehrere Schläge gegen seine Rippen steckte er ein, bis Max und Joe den schwereren Jungen von ihm runtergezerrt hatten. Mehrere Momente kauerte Willi reglos auf dem Boden. Als er merkte, dass die Schläge nachgelassen hatten, öffnete er die Augen. Dort stand Paul, schnaubend und mit hochrotem Kopf. Willi stand mit wackligen Beinen auf, drehte sich um und floh stolpernd aus der Garage.

„Ich weiß nicht, Willi.“ Er nahm die Stimme kaum wahr. Willis Nase und Rippen pochten vor Schmerz, und trotzdem war das nicht die größte Ablenkung. „Solltest du dich nicht lieber hinlegen?“ Die Stimme war Morphium für Willi. Die Stimme und der Anblick: das lange Haar zurückgebunden, der konzentrierte Blick in den dunklen Augen, die Lippen fest zusammengepresst. Und sein Hemd war offen. Ein Unterhemd trug er nicht. Es war ein heißer Abend und die Luft von draußen brachte keine Abkühlung. Willi bemerkte die Hitze nur wegen der Schweißtropfen, die sich auf Raffaels nackter Brust sammelten.

„Die Klassenarbeit ist nächste Woche“, sagte Willi mit näselnder Stimme.

„Aber du kannst dich doch krankschreiben lassen. Du hast schon mehr als ein paar leichte Kratzer abgekriegt.“

„Das überleb‘ ich schon. Ich hab’ zu lange Ausreden gesucht.“

„Naja, ich kann dich ja nicht ins Bett zwingen.“ Willi schaute Raffael an. Er konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass er sich das durchaus gefallen lassen würde. „Dann schauen wir uns deine Notizen einmal an. Gibt es ein bestimmtes Thema, dass dir Schwierigkeiten macht?“

„Nein“, antwortete Willi, „die Theorie ist nicht das Problem. Sondern das Anwenden der Formeln auf eine konkrete Aufgabe.“

„Dann ist das doch ganz einfach: Du musst die Übungsaufgaben einfach wieder und wieder durchrechnen.“

„Alles schon probiert. Ich werde einfach nicht besser.“

„Dann schauen wir uns das einmal genauer an. Oh, warte.“ Raffael nahm ein Taschentuch von Tisch und wischte damit über Willis Wange. „Da lief noch ein bisschen Blut.“ Als sich ihre Blicke trafen, hatte Willis Verstand für einen Moment einen Aussetzer.

„Du bist dir ganz sicher, dass du weiterlernen willst?“

„Ja.“

„Na gut. Aber eine Pause verordne ich dir.“ Raffaels Stimme machte deutlich, dass er keine Widerrede dulden würde. Er ging zu der Kühltasche, die er mitgebracht hatte, nahm zwei Dosen Cola raus und gab Willi eine. Raffael lehnte sich in seinem Stuhl zurück und Willi konnte nicht umhin, die Muskeln auf seiner Brust zu bemerken.

„Wie ist das eigentlich passiert? Du bist meiner Frage eben ausgewichen.“

„Naja, du kennst doch Paul.“ Statt die Dose zu öffnen, hielt Willi sie sich an die Schläfe.

„Leider ja. Der kam mir direkt wie ein Schlägertyp vor.“

„Er ist eigentlich in Ordnung“, verteidigte Willi seinen Angreifer, „nur manchmal dreht er durch.“

„Hast du irgendwas Bestimmtes gesagt?“

„Ja, aber das ist eigentlich nur total blöd gelaufen.“ Willi rieb sich das Kinn, wie er es immer tat, wenn er nervös war.

„Was hast du denn gesagt?“, fragte Raffael. Langsam wanderte Willis Blick Raffaels Brusthaar nach unten. Unter seiner Jeans verschwand die Straße aus Haaren. Warum interessierte es ihn, wie es dort weiterging?

„Er hat damit angegeben, dass er gestern Sex hatte. Mit ‚Nicki’ sagte er. Im Scherz fragte ich ihn, ob er Nicolaus Reuter meinte.“

„Der zwei-mal-zwei-Meter-Junge?“, prustete Raffael.

„Ja. Weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Er meinte Nicole Engel.“

„Klar, von wegen! Der und bei der Engel landen!“

„Da kam mir Nico wahrscheinlicher vor!“, sagte Willi lachend.

„Da stehen die Chancen besser, obwohl Nico nicht schwul ist!“

„Woher weißt du das?“, fragte Willi unsicher.

„Na, weil er’s mir gesagt hat.“ Raffaels Lachen stoppte.

„Über sowas unterhaltet ihr euch?“

„Warum denn nicht?“

„Naja, das ist so… persönlich.“

„Da kann man doch drüber sprechen. Ich meine, beim Sex ist Jessika mit dir doch auch ganz offen, oder?“ Willi konnte nicht antworten. „Mann, das gibt’s doch nicht!“

„Naja, wir…“, Willi schnappte nach Luft, seine Kehle war staubtrocken, „wir sind eben beide noch nicht bereit dazu.“

„Ach, Unsinn! Wie alt bist du jetzt? 17? Da wird’s aber Zeit!“

„Ich hab’s nicht eilig“, sagte Willi.

„Wenn das so lange dauert, schaust du vielleicht einfach in die falsche Richtung.“ Raffael sah ihn mit einem Blick an, den Willi nicht einordnen konnte. Er war sich nicht sicher, ob er ihn neugierig machte, antörnte oder ängstigte. Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Raffael rückte seinen Stuhl näher zu Willis und legte eine Hand auf sein rechtes Bein.

„Vielleicht hat sie einfach nicht das, was du willst“, hauchte Raffael und fing an, Willis Oberschenkel zu streicheln. Willi mochte es und hasste es doch. In seinem Kopf gerieten alle seine Gedanken zu einem unfassbaren Chaos durcheinander: Komm, entspann dich– genieß es– dann ist es eben eine Männerhand… fühlt sich gut an, oder? –– darum mit Jessika nichts passiert– bist du verrückt…?– ein bisschen Geduld… das kannst du nicht machen– sollen denn die anderen denken…

Währenddessen näherte sich Raffaels Hand immer mehr seinem Schritt. Willis Gesicht spiegelte seine innere Gespaltenheit offenbar nicht wider, denn in Raffaels Augen las er ungebremste Lust. Willi wehrte sich nicht, als Raffael ihn küsste und er seine Zunge in seinem Mund spürte. Genieße es– einfach als Experiment… Jessika–– nie erfahren... keinen Weg zurück–– kommt immer irgendwann raus. Mit sanftem Druck brachte Raffael Willi dazu, seine Beine weiter auseinander zu bewegen. Dann fing er über der Jeans an, Willis Schritt zu massieren. Höre einfach auf… lass es geschehen–– …spürst doch, dass du es willst… er es auch –– macht Spaß, oder?–– ganz einfach… einfach, wenn du es nicht schwieriger machstnicht verkrampfen–– locker, lass die Beine locker.

Raffael knöpfte seine Hose auf und öffnete den Reißverschluss. Dann zog er an seinen Jeans. Als ob jemand anderes seinen Körper kontrollierte, hob Willi seinen Hintern an, damit Raffael seine Hose ganz nach unten ziehen konnte. Seine Unterhose folgte und plötzlich stand er da, ganz entblößt.

Als Raffael zupackte, war ihm die warme Hand sehr angenehm. Langsam glitt sie auf und ab. Willi lehnte sich zurück, genoss die Berührung, spürte Raffaels Zunge an seinem–

Ein dumpfes Geräusch zu seiner Rechten ließ sie aufschrecken. Willis Herz erstarrte zu Eis, als er sah, wer in der Tür stand.

Jessika. Sie drehte sich ohne ein Wort um, lief die Treppe hinunter und aus dem Haus. Willi starrte in den Flur. Als er die Haustür zuknallen hörte, gaben Arme und Beine nach, und er musste sich auf die Ellbogen stützen. Er sah Raffael an, in dessen Gesicht Willi zum ersten Mal Scham und Reue sah. ‚Entschuldigung‘ schien sein Blick zu sagen, als er kopfschüttelnd aufstand, sich sein Hemd nahm und auch Willi mit einer Geste suggerierte, er solle sich wieder anziehen. Was gerade geschehen war, hatte Willi noch nicht nicht ganz erreicht, als er sich Hose und Unterhose wieder anzog. Willi schlang seine Hände um die Knie und blickte Raffael an, der seine Jacke anzog, seinen Rucksack nahm und und mit gesenktem Blick Willis Zimmer verließ. Als er Raffael auf dem Treppenabsatz verschwinden sah, vergrub Willi sein Gesicht in seinen Armen und fing zu weinen an, als ihn die Erkenntnis traf wie ein Vorschlaghammer: Sein Glück war gerade zur Tür hinausmarschiert.

 

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  1. lydiawuensch sagt:

    Aber wer von beiden ist denn jetzt sein Glück gewesen?

    Gefällt mir

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