Bid’a

von Victoria B.

„Als der Engel Malik abstürzte, riss er einen trichterförmigen Krater in die Nordhalbkugel, der noch heute wie ein antikes Amphitheater ins Erdreich führt. So wurde die Hölle erschaffen.“ Die Worte meines ersten Imams haben sich tief in mein Herz gebrannt. Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich ein neugieriges Kind war und meinen Vater mit nervenaufreibenden Fragen löcherte, bis ihm nichts anderes mehr einfiel, als mich in die private Koranschule zu schicken.

Der Imam, der streng nach unserem Glauben lebte und mir stets wie ein Mann von Güte und Weisheit vorkam, lehrte mich, das Wort Gottes auf arabisch zu lesen. „Übersetzungen können den Sinn des Wortes verfälschen, mein Sohn“, sagte er einmal, als ich meinte, ich hätte die Schrift schon in meiner Sprache gelesen. Ich erfuhr, dass der Ort, an dem Menschen für ihr lasterhaftes, irdisches Leben bestraft werden, im hebräischen Buch Henoch das erste Mal erwähnt wurde. Es sind vier tiefe Hohlräume, von denen nur einer hell und drei dunkel sind. In den dunklen Kammern brennen die gefesselten Sünder in Flammen, die schlimmer sind als das Feuer.

„Verbrennen sie denn nicht?“, fragte ich ihn eines Nachmittags. „Nein mein Sohn, die Hüllen haben die Sünder dann längst hinter sich gelassen. Sie sind nur noch Seelen mit der Idee eines Körpers.“ Und dann lehrte er mich, wie die Hölle wirklich aussah. Er erklärte mir, dass die Hölle Dschahannam, das Gegenteil von Dschanna ist, was Paradies bedeutet. Dann beschrieb er mir den schmalen Steg, der in den Himmel führt und strahlt, als wäre er fließendes Licht. „Und da wandern unsere Seelen dann hinüber?“, fragte ich aufgeregt und er sagte: „Aṣ-Ṣirāṭ, die Brücke zum Dschanna, kann nicht von Allen überschritten werden. Ungerechte Seelen fallen in eine Feuergrube unter dem Weg und brennen im Nar, dem ewigen Feuer.“ Von diesem Tag an musste ich um mein Seelenheil fürchten.

„Der Strafengel Malik bewacht sieben Tore, hinter denen vergiftete Landschaften mit kranken Bäumen und nutzlosen Bächen liegen. In ihnen wüten verschiedene Qualitäten des Feuers, die immer intensivere Schmerzen auslösen.“ „Es gibt aber nur eine einzige Art Feuer!“, stellte ich fest, während mir das Herz bis zum Hals schlug. „Auf der Erde mein Sohn. Doch wir sprechen von einem Reich, in dem Gott das Feuer entfacht. Es gibt zum Beispiel Sa’ir, was glühendes Feuer‘ bedeutet. Auf einer anderen Ebene wütet das Saqar, die unerträgliche Hitze‘ und ihn ihm schreien die gepeinigten Seelen viel lauter als im Abteil darüber. Am schlimmsten sind die Ladha, die lodernden Flammen‘, die den Sünderseelen solch’ große Schmerzen zufügen, dass sie nicht mal mehr schreien können. Sie sind geplagt von Visionen des Wahns, den dröhnenden Ohren und den Schreien nach Erlösung der Gepeinigten von oben.“

Ich war so aufgewühlt, dass ich mich lange Zeit nicht nachhause traute, weil mein Vater rauchte und ich ihn bei dieser Sünde nicht sehen wollte. Der Imam nannte das Rauchen einmal „Bid’a“, was soviel wie ‚Ketzerei‘, ‚falsche‘ Neuerung oder einfach ‚mit dem Koran unvereinbar‘‚ bedeutete. Weil meine Mutter und mein Vater dem Tod wesentlich näher schienen als ich selbst, begann ich zuerst um ihre Seelen zu bangen.  Sie waren erstaunt über den gottesfürchtigen, kleinen Jungen, der anfing ihre Gebete zu kontrollieren und bei der Fastenzeit ganz genau hinsah. Als meine Mutter sich eines Morgens während des Ramadan einen Kaugummi in den Mund steckte, brüllte ich wie am Spieß und träumte in der Nacht von ihrer Höllenfahrt.

Irgendwann kam ich in die Pubertät und mein aufsässiger Verstand meldete sich wieder zu Wort. Der schlechte Einfluss kam in Form von ungläubigen Freunden, die mir einredeten, man müsse es nicht so genau nehmen. Als ich das erste Mal Alkohol trank, tat ich unbeirrt, hatte dann aber ein unfassbar schlechtes Gewissen als ich wieder alleine in meinem Zimmer war, so dass ich die ganze Nacht betend vor dem Bett verbrachte. „Dass Gott mir vergeben möge“, sprach ich noch die nächsten Tage vorm Schlafengehen.

Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich bereits verloren. Ich wollte das, was alle in meinem Alter hatten: Erfahrungen mit Frauenkörpern, die sich im Vergleich zu den Geschichten aller Anderen nicht unterscheiden sollten. So entschied ich mich für den falschen Weg, nämlich den der irdischen Vergnügungen. Weil ich abends keine Ruhe fand und mich mein Gewissen plagte, griff ich nach betäubenden Mitteln, die meine Ängste ruhig stellten. Doch jede Nacht schlichen sich Bilder in meine Träume, die mir vor Augen hielten, was auf mich wartete, wenn ich Aṣ-Ṣirāṭ überschreiten würde.

Als ich älter wurde, habe ich alles versucht, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Doch scheinbar bin ich schon vor langer Zeit gestorben. Meine Seele wohnt nicht mehr in meinem Körper, als ob sie längst ihren Weg gegangen und ins Dschahannam herabgestürzt wäre. Nun ist es immer dunkel, aber ich sehe noch mein Leben an mir vorbeifliegen. Wie viel Zeit dabei vergeht, kann ich nicht einschätzen. Ein Gedanke begleitet alle Bilder. ‚Ist es wesentlich, was an mir vorüberzieht?‘

Und die einzige Frage, die ich mir noch oft und sogar laut stelle, wenn ich ganz allein vor Spiegeln, Türen oder Brücken stehe ist: „Wo verende ich?“ Falls ich noch nicht gestorben bin, muss ich meine Seele retten. Wer möchte schon in Ewigkeit brennen?

Die Bilderflut, die an mir vorbeizieht, zeigt mir irgendwann, wie ich während der trockenen Julihitze auf einem überfüllten Marktplatz stehe und die Hände vor der Brust zu einer Schale öffne, als wollte ich aus ihnen trinken. Es gibt einen Grund, für das, was ich hier tue. Ich sehe mir selbst dabei zu, wie ich „Gott ist groß“ schreie. Und dann, wie ganze Brocken von Gebäuden und abgerissene Glieder durch die Luft fliegen. Unerträglicher Lärm betäubt meine Ohren bis mein Trommelfell zerreißt, dann stehe ich in Flammen.

Ich spüre die Saqar überall um mich herum. Die Sekunden werden zu Stunden, zu Tagen, zu Jahren. Die Ladha schlagen aus und hinterlassen nasses, stinkendes Fleisch. Sie haben mich längst verstummen lassen, denn ich höre den Schreien meiner eigenen Mutter zu, die irgendwo um Erlösung fleht. ‚Gott, vergib mir‘, bete ich innerlich. Doch ich bin geblendet von Sa’ir bis zum letzten Augenblick. Wie tragisch, dass ich zu Lebzeiten versucht habe, der Hölle zu entfliehen.

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