liebes Gedicht

von Elias Vorpahl

 

Grüne Blätter wirbeln durch die Luft

Tanzen in Ungeduld

Ein Wind spielt die Musik auf Hügeln

Im Land schwebt der jungen Blätter Duft

Das Blätterreigen ist alljährlich Kult

Keine Not die Liebenden zu zügeln

So tanzen sie bis der Wind sich legt

Und jedes auf ihm seine Wege geht.

 

Das könnte funktionieren. Ich markiere das Gedicht. Steuerung C. Öffne unseren Blog. Neuer Freitagstext. Steuerung V. Titel: liebes Gedicht

Das Gedicht habe ich am 10. März 2006 in Südafrika geschrieben. In Südafrika sind überhaupt hunderte Gedichte entstanden. Gut. Nicht unbedingt hunderte. Aber fünfzig bestimmt. Ich war verliebt. Das heißt unglücklich verliebt. Jung (21 Jahre) + unglücklich verliebt = ein Haufen Gedichte. Mehr noch: Jung + unglücklich verliebt + einen Hang zur Melancholie = noch mehr Gedichte.

Im Nachhinein finde ich eigentlich alle Gedichte scheiße. Bzw. die, die ich durchgeschaut hab. Ich hab nicht alle durchgeschaut. Irgendwann konnte ich nicht mehr weiterlesen. Ein paar Dinge sind mir aufgefallen:

  1. In Südafrika habe ich grundsätzlich nicht gereimt.
  2. Metrik ist überbewertet.
  3. Selbstzerstörung und Gefühlsduselei tun weh, wenn sie gemeinsam in einen Vers gepackt werden, bzw. wenn mein 21-jähriges Ich sie gemeinsam in einen Vers packt.

Ich bin jetzt 31, und entschuldige mich jetzt schon bei meinem 41-jährigen Ich für die Schmerzen, die ihm sein 31-jähriges Ich mit diesem Text bereiten wird. 41 … Kann ich eigentlich wirklich so alt werden? Ein komischer Gedanke. Mein 21-jähriges Ich hätte jetzt ein Gedicht geschrieben, um das Gefühl zu verarbeiten, das gerade in mir aufsteigt. Ich schlucke es runter.

Unter dem Gedicht erscheint ein Kommentar von Arina:

[…]

Toll! Ihr fehlt das Neue. Das Gedicht ist über zehn Jahre alt! Neu ist an diesem Gedicht mal überhaupt nichts. Arina weiß, dass ich im FSJ Gedichte geschrieben hab. Ob sie gecheckt hat, dass die tanzenden Blätter die Freiwilligen sein sollen? Vermutlich nicht.

Was Kreativeres rausholen. Neue Bilder. In ihrer letzten Kurzgeschichte hat sie Anton und mir die Haut abgezogen. Wortwörtlich. Am Ende saßen wir mit blutigem Fleisch, Sehnen und den blanken Knochen auf einer Liege und haben uns den Sonnenuntergang angeschaut. Ist das die Poesie, die sie meint? Die Blätter vielleicht pimpen … Kettensägenblätter. Blutüberströmt. Ein Kanibalenkult …

Zu viel Pathos. Satzkonstruktionen von 1750.

Im Land schwebt der jungen Blätter Duft.

Ja. Den Genitiv sollte man wirklich nicht mehr verwenden.

Im Land schwebt der Duft von jungen Blättern.

Das ist schon besser. Nur reimt es sich jetzt nicht mehr auf Luft. Dass es sich reimt, ist mir schon wichtig. Unter den Afrikagedichten das Alleinstellungsmerkmal. Blättern, Blättern, Blättern. Vättern. Scheppern. Rappern. RAPPERN! Das ist gut. Ist auch nicht so ein alter Ausdruck.

Im Land schwebt der Duft von jungen Blättern.

Im Radio der Sound von derben Rappern.

Das ist doch alles scheiße. Steuerung A. Delete.

Ich öffne weitere Dateien. Schließe sie wieder. Öffne. Schließe. Öffne. Schließe. Öffne. Markiere. Steuerung C. Prosatheksblog. Steuerung V.

19. März 2006 (neun Tage nach den tanzenden Blättern):

 

Kein Vergleich spricht Wahrheit

Keine Zeile fängt den Zauber ein

Ich schreibe nichts

Kann nicht schreiben

Aber dennoch

Schreibe ich

 

Ich liebe dich.

 

Dann ist es ruhig

Eine gelassene Ruhe

Zugelassen

 

Ich suche die Trauer in mir

Möchte die Schmerzen

 

Ruhe ist Warten

 

Warten auf dich

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