Yolo

von Frank Stein

Nach einer halbwahren Begebenheit

Eigentlich war er zu prüde für solche Abenteuer, aber in einem umnebelten Moment vor einer Woche, hatte er „Yolo“ gedacht und zugesagt. Jetzt stand er vor dieser Hotelzimmertür, die ihm plötzlich so entfernt und gleichzeitig riesengroß vorkam, fünf Kameraleute im Rücken, mit zerlaufendem Make-up im Gesicht, Schweiß auf der Stirn, unter den Achseln, in den Schuhen, und konnte sich nicht überwinden, endlich die Türklinke zu drücken.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? „Lustiges Dating-Experiment“ hatten sie das genannt. Momentan fand er es gar nicht lustig. Eine Nacht mit einer unbekannten Frau in einem Luxushotel zu verbringen und sich dabei filmen zu lassen: Das konnte doch nicht so schwer sein! Theoretisch.
Praktisch stand er jetzt vor dieser Tür, die ihn von der Frau und von dem Bett trennte, und hatte einen Riesenbammel, sie zu öffnen.
Sei ganz du selbst, Egon“, sagte die hippe Maus aus dem Pro6-Team, „ganz natürlich!“
Natürlich. Wie verhält man sich bitte in so einer Situation natürlich? Er machte das ja nicht jeden Tag! Was, wenn die Frau hässlich ist? So eine unförmige Tonne mit schwarzen Stoppeln an den Beinen? Oder so ein ausgehungertes Flachbrett mit kurzen Haaren?
Als er die Hand an die Türklinke legte, kam ihm ein anderer Gedanke: Was, wenn hinter der Tür eine Traumfrau auf ihn wartete? So eine vollbusige Brünette in Übergröße, mindestens 1,85? Eine, die nach frisch gebackenen Muffins duftet, über seine Witze lacht, und nur in Wortspielen antwortet?
Er könnte dann nicht performen! Und vor laufender Kamera schon gar nicht …
Während er das noch dachte, schlossen sich seine Finger wie fremdgesteuert um das kalte Metall und er öffnete die Tür.
Das Zimmer war nur schwach beleuchtet. Die Stehlampe im Eck tauchte den Raum in ein rotes Licht. Auf dem queensized Bett, ebenfalls rot, lagen sechs schwarze Schalen. Im Hintergrund war das Klirren von Gläsern zu hören.
„Hallo?“, fragte Egon unsicher und trat einen Schritt in den Raum hinein. Die Filmcrew folgte ihm.
„Bin gleich da“, sagte eine klebrig-süße Stimme. „Rot oder schwarz?“
„Ähm, rot.“ Schwarz? Kaffee? Er brauchte jetzt Alkohol.
Es klirrte erneut.
Dann trat sein Blind Date aus dem Badezimmer. Sie trug ein rotes Negligé. Das farblich passende Höschen schimmerte durch den halbtransparenten Stoff. Sie hatte lange, dunkle Haare und ihre Beine glänzten. Konnte man Beine lackieren? 29,90€ Waschen und Wachsen samt Unterbodenwäsche. Sein Auto war überfällig. Warum musste er jetzt daran denken? Konzentrier dich!
„Du musst Egon sein. Ich bin Zoe.“ Sie trat auf ihn zu und hielt ihm ihre Wange vor den Mund. Ihr Parfüm kroch ihm in die Nase. Lavendelholz? Egon brauchte ein bisschen zu lang, bis ihm einfiel, dass er sie küssen musste. Hatte sie sein Zögern bemerkt? Hatte die Kamera sein Zögern bemerkt? Konnte er eigentlich „Cut“ rufen? Alles nochmal auf Anfang. Er würde sich für Schwarz entscheiden und Zoe würde in einem schwarzen String aus dem Bad treten. Diesmal wäre er vorbereitet. Er würde auf sie zutreten. Bei der Umarmung ganz leicht mit seinen beiden Fingern die Stelle am Rücken zwischen den Schulterblättern berühren. Wie zufällig den Rücken entlangfahren. Ein Kuss links, ein Kuss rechts. „Du musst Zoe sein. Ich bin Egon.“ Ganz souverän. Ganz cool.
Stattdessen stand er da wie blöd und wartete darauf, wie es weiterginge. Die Regie hatte Zoe. Die Kamera blinkte.
Zoe blickte zu ihm hinauf, blinzelte und sagte dann: „Ne, geht gar nicht“. Ihr Lächeln bröckelte.
Egon wurde heiß. Was meinte sie mit „Geht gar nicht“? Was gefiel ihr nicht an ihm? Hatte er etwas falsch gemacht? Hätte er sie zuerst links oder rechts auf die Wange oder überhaupt auf den Mund küssen sollen? Oder Schwarz wählen?
Zoe schüttelte den Kopf und verzog ihre Nase. Im rechten Nasenflügel hatte sie ein kleines Loch – wahrscheinlich steckte dort mal ein Piercing.
Egon schluckte. Sie hatte ihm eine Absage erteilt. Vor laufender Kamera.
Er bereute sein „Yolo“.
Zoe sah an sich herunter und zupfte an dem Fummel herum, den sie trug.
„Nein, wirklich“, sagte sie und drehte sich zur Filmcrew um. „Was soll das?“
Sie hatte einen leichten Überbiss, bemerkte Egon. Biss. Bisse. Sollte er sie vielleicht beißen? Ins Ohrläppchen, oder so? Eine Stimme in seinem Kopf stellte sachlich fest, dass sein Gehirn sich im Panikmode befand.
„Wem seine verfickte Idee war das?“ Zoe wies allgemein in den Raum. „Rot auf Rot? Ich gehe ja total unter hier!“ Zu Demonstrationszwecken setzte sie sich aufs Bett, wobei die schwarzen Schalen aneinander klackten. „Ne rote Lampe, ein rotes Bett und …“ Sie zerrte wieder an ihrem Fummel, so dass Egon kurz glaubte, einen Nippel gesehen zu haben. Er schluckte.
„Ein roter Fummel. Und auch noch aus Polyester. Wisst ihr, wie das auf dieser Bettdecke knistern wird? Und ein rotes Höschen darunter?“ Sie hob das Negligé an, und zeigte allen ihr Bauchnabelpiercing. „Seid ihr farbenblind? Es beißt sich voll! Das sieht scheiße aus!“
Sie schaute zur Kameracrew, und als von ihr keine Reaktion kam, schnaubte Zoe, sprang auf und stapfte an Egon vorbei ins Bad.
Vielleicht würde sie jetzt das Schwarze anziehen, dachte er noch, als die Tür knallte. Dann war es kurz still, bevor im Bad die Gläser an die Wand klirrten.
Die Kamera lief immer noch.
Egon blickte hilflos zu der Filmcrew. Die Pro6-Tussi kaute an ihrem Kaugummi und sperrte dabei den Mund so weit auf, dass man ihn sehen konnte. Sie wedelte in seine Richtung mit der Hand, als wollte sie ihm sagen, er solle einfach weiter machen.
„Scheiße!“, hörte man Zoe fluchen. Egon starrte auf die Badezimmertür. Sollte er reingehen? Was erwartete man von ihm? Sollte er sie beruhigen? Oder sollte er …?
„Fuck, fuck, fuck!“
Er beschloss, sich erst einmal hinzusetzen und zu warten. Die Matratze war so weich, dass er zuerst dachte, dass er sich aus Versehen auf ein Kissen gesetzt hatte. Die Schalen klackten. Vielleicht sollte er Zoes Abwesenheit nutzen und sich schon mal vorbereiten? Er bückte sich und band seinen Schuh auf. Er hatte so stark vor Aufregung geschwitzt, dass seine graue Socke dunkle Flecken bekommen hatte. Hoffentlich sah man das später nicht im Fernsehen. Und zum Glück konnte die Kamera den Geruch nicht einfangen … er zog sich die Socke vom Fuß und stopfte sie schnell in seinen Schuh. Was machte Zoe denn so lange im Bad? Er konnte doch nicht die Show alleine schmeißen! Und: Wird das Kamerateam die ganze Nacht so da stehen?
Die Badezimmertür flog auf. Zoe trug einen schwarzen Pyjama, der ihr bis zu den gebräunten Oberschenkeln reichte. Egon starrte auf ihre Beine. Er hatte noch nie so spitze Kniescheiben gesehen. Gefährliche Kniescheiben. Nimm dich in Acht. Seltsamerweise erregte ihn der Gedanke – wahrscheinlich war es der Situationsstress. Zoe hatte sich beruhigt. Zumindest hatte sie den Mund zu einem Lächeln verzogen. Leichtfüßig trat sie neben das Bett. Aus einem der Nachttische holte sie drei kleine Tuben, die Etiketten in Gold, Schwarz und Rot.
„Weißt du, was Ölmalerei ist?“, schnurrte sie.
Egon rutschte der Schuh fast aus den Händen. Er räusperte sich.
Zoe lächelte ihn an und drehte die erste Tube auf und drückte die Farbe in eine der Schalen. Ein unangenehmer ölig-chemischer Geruch mischte sich unter den Fußmief und den Duft nach Lavendelholz. „Mein Freund und ich …“ begann Zoe und brach dann ab, selbst über ihre Worte erschrocken.
Freund, was? Egon ließ den Schuh sinken.
„Ich meine, mein Exfreund und … also, mein Ex …“ Sie setzte sich auf das Bett. Begann ihre Lippe etwa zu zittern?
Zoe schien mit den Gedanken ganz weit weg zu sein. Plötzlich klatschte sie die Tube, die sie noch in der Hand gehalten hatte, an die Wand. Ein kleiner, roter Fleck blieb zurück.
Sie ließ einen dieser Schreie los, die Egon einmal beim Zappen in einer Modelcastingshow gesehen hatte. Bisher hatte er nicht geglaubt, dass Frauen das tatsächlich machten.
„Ich hasse dich, Moritz!“, schrie sie jetzt, an Egon vorbei, in die Kamera. „Du hast mein Leben zerstört!“
Egon schluckte. Das wurde ihm jetzt langsam zu viel. Zoe schmiss jetzt die anderen zwei Tuben in Richtung Drehteam, danach eine der Schalen. Schließlich packte sie Egons Schuh und warf ihn hinterher.
Dann raufte sie sich die Haare, brüllte etwas und sank Egon auf den Schoß, was ihn vollkommen aus dem Konzept brachte. Sie hatte einen unglaublich spitzen Beckenknochen, der ihm schmerzhaft in die Oberschenkel drückte. Außerdem wusste er nicht, was er mit seinen Händen anstellen sollte. Zoe schlang ihre Arme um seinen Hals und vergrub ihr Gesicht in der Umarmung. Ihre Haare blieben Egon in den Bartstoppeln hängen und juckten. Er pustete sie unauffällig weg. Ansonsten blieb er stocksteif sitzen und versuchte, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Wer weiß, vielleicht war sie bissig.
„Bespringst du mich im Bett?“, murmelte Zoe irgendwann. Egon war sich nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte. Seine Beine waren ein bisschen eingeschlafen.
„Äh, was?“
„Bringst du mich ins Bett?“, sagte sie, etwas deutlicher.
„Ich muss mich erst ausziehen.“ Egon bereute sofort, dass er das gesagt hatte. Was war heute mit ihm los?
„Was, warum?“ Zoe sah ihm jetzt in die Augen. Ihre Wimpern waren verklebt, die Mascara verschmiert vom Weinen.
„Ich hab nur einen Schuh“, sagte er.
Zoe lachte und küsste ihn dann auf den Mund.
„Trägst du mich ins Bett und deckst mich zu?“, flüsterte sie ihm in die Zähne. Egon registrierte nur, dass seine Hand begann, mechanisch ihr den Oberschenkel zu streicheln.
Zoe hauchte ihm noch einen Kuss auf die Lippen. Er versuchte, sie zu hochzuheben, aber sie war schwerer als gedacht. Reiß dich zusammen, Egon, sagte er sich. Du musst das jetzt sehr männlich machen. Er schob eine Hand unter ihre Knie, und stemmte die Fersen in den Boden, aber seine Beine machten nicht mit. Stress wahrscheinlich. Statt sie in einer schwungvollen Bewegung auf das Bett zu wirbeln, wälzte er sie ungeschickt von seinen Oberschenkeln. Als er sie über die Bettdecke schob, klackten die Schalen aneinander.
„Oh, warte, wir müssen uns noch anmalen“, sagte Zoe. Sie nahm eine der Schalen in die Hand, in die sie vorher Farbe gedrückt hatte. „Dann können wir …, also, morgen sehen wir dann, wie …“ Ihre Stimme begann zu stocken. Heulte sie etwa schon wieder? „In der ersten Nacht hat das Moritz …“ Der Damm brach. Zoe schmiss sich rücklings in die Kissen, und begann zu schluchzen. Ihr Nachthemd rutschte hoch, und Egon wusste nicht, worauf er sich nun konzentrieren sollte. „Yolo“ war ein Alptraum. Die letzten … was, zehn Minuten, zwei Stunden? … waren ein Alptraum. Er hatte sich noch nie in seinem Leben gleichzeitig so erregt und verwirrt gefühlt. Er schielte zur Filmcrew, die immer noch reglos dastand. Nur der Kiefer der Tussi aus dem Team mahlte weiter, wie bei einer wiederkäuenden Kuh. Von ihr brauchte er keine Hilfe zu erwarten. Zoe begann zwischen den Schluchzern zu stöhnen und mit den Fäusten die Matratze zu prügeln.
„Schhh?“, versuchte Egon und kam sich selbst dabei dumm vor. Zoe kickte mit den Beinen. Dann setzte sie sich plötzlich auf, die Haare ganz zerzaust, die Wimperntusche verlaufen, und sagte: „Paul? Ziehst du dich aus und legst dich zu mir?“
„Egon“, sagte er.
„Was?“ Sie sah ihn mit großen Augen an.
Er winkte ab und erhob sich. Als er halbnackt – den Slip hatte er zur Sicherheit angelassen – wieder zu ihr ins Bett kroch, war sie ganz ruhig. Sie drückte sich sofort an ihn. Zwischen den Küssen sagte sie noch: „Warte, bis Moritz das sieht, er rastet total aus.“ Dann hauchte sie ihm ins Ohr: „Du bist so tot.“
Egon spürte nur, wie ihre Brüste sich auf seinem Oberkörper anfühlten. Eine Hand hatte er ihr auf die Pobacke gelegt. Da sagte sie: „Ich liebe dich“ und die Welt blieb stehen. Diese Frau war wirklich nicht normal.
„Cut“, brachte er hervor. Das Kamerateam seufzte auf, als hätte es die ganze Zeit die Luft angehalten.
„Na, endlich“, flüsterte Zoe.
„Was?“
„Das Experiment is rum, würd ich sagen.“ Die Pro6-Tante blies ihren Kaugummi auf und lies ihn platzen, während sie etwas auf ein Klemmbrett schrieb. „Du hast es bisher von allen am längsten durchgezogen. Glückwunsch. Kein Mitgefühl, keine Reaktion auf Psycho-Stress, immer das Rammelziel klar vor Augen. Danke fürs Mitmachen. Wir melden uns in ein paar Wochen.“ Sie wandte sich an Zoe, die sich aus Egons Umarmung herausgewunden hatte.
„Bis zum Nächsten haben wir noch gut eine Stunde. Willst ne Kippe?“
Zoe nickte, stand auf und beide verließen den Raum, ohne sich auch noch ein einziges Mal nach Egon umzudrehen. Er starrte ihnen hinterher.
„Yolo“ war wirklich nicht sein Ding.

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