Post

von Elias Vorpahl

Die Postkarte kam an, als ich schon nicht mehr damit rechnete. Maria wollte am Abend vorbeikommen, und bei mir sah es aus, als wären fünf Tage in Folge meine Kumpels von der Uni dagewesen. Halb getrunkene Bierflaschen standen neben einer offenen und einigen zerknüllten Chipstüten. Ein paar Teller, auf denen einzelne Pizzastücke lagen, und Plastikbecher mit irgendeinem Joghurt. Im Bad die dunklen Schuhabdrücke meiner Hausschuhe, die sich im Duschwasser der Bodenfliesen abzeichneten. Tim und Dennis hatte ich schon seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Zur Uni war ich nicht gegangen. Auf Anrufe hatte ich nicht reagiert. Im Bad arbeitete ich mich für gewöhnlich von oben nach unten vor: den Spiegel zuerst, dann das Waschbecken, die Toilette, am Schluss die Bodenfliesen. Den Spiegel hatte ich bereits eingesprüht. Ich ließ ihn einweichen, um die Zahnpasta abzubekommen. Zum Trocknen brauchte ich Zeitungspapier – nur deswegen ging ich zum Briefkasten. Er war voll mit Flyern: vom Asia-Imbiss, dem Griechen, der Pizzeria mit der besten Pizza der Stadt. Was für eine Verschwendung! Ich bestellte eh schon seit Monaten bei ihnen. Seit dem Umzug. Ich nahm alles raus samt des Wochenblatts (darauf hatte ich spekuliert), als die Postkarte zu Boden fiel. Sie landete so, dass man nur die Vorderseite mit dem Foto sah. Sie zeigte einen verblassten Vollmond, der über einem nebligen Meer hing. Ein einsamer Vogel schwebte über dem Wasser. Wenn mein Telefon klingelte oder ich eine WhatsApp Nachricht bekam, dachte ich in letzter Zeit häufig, dass sie es sein würde. Ich ging sogar kleine Wetten mit dem Schicksal ein: Wenn ich noch zweimal klingeln lasse, und dann erst schaue, wer anruft, muss es sie sein. Das Schicksal ließ das kalt. Jetzt, mit der Postkarte am Boden, war das anders. Ich brauchte keine Wetten einzugehen. Einhundert Prozent Gewissheit: Diese Postkarte war von ihr. Ich wusste das, weil ich keine Frau je besser gekannt hatte. Ich hob die Karte auf, und ging zurück in die Wohnung. Ich platzierte sie auf den Esstisch, ging ins Bad, und trocknete den Spiegel mit dem Wochenblatt so, dass keine Schlieren zurückblieben. Ich sprühte Entkalker auf die Armaturen und die Keramik des Waschbeckens. Auch die Toilette schrubbte ich. Ich spülte alles aus, und befestigte einen WC-Stein am Toilettenrand. Ich wischte über die Bodenfliesen, klaubte die Haare mit Toilettenpapier auf, um sie dann hinunterzuspülen. Die Lüftung im Badezimmer röhrte. Meine Gedanken waren lauter. Ich ging ins Wohnzimmer, trug die angebrochenen Flaschen zum Ausguss, Tüten, Becher und Pizzastücke in den Müll. Ich stellte die Spülmaschine an. Mit dem Staubsauger fuhr ich den Boden der Wohnung ab. Im Vorbeigehen blickte ich auf die Karte auf dem Esstisch. Ein verblasster Vollmond. Ein schwarzer Vogel über dem Meer. Die Wohnung sah sauber aus. Ich ging in das Badezimmer, und betrachtete mich im Spiegel. Meine Augen lagen etwas tiefer. Leicht gerötet vom unruhigen Schlaf. Ich ließ warmes Wasser in das Becken laufen, schäumte mein Gesicht mit Rasiergel ein. Ich fuhr mit dem Rasierer über meine Wange, spülte aus, und setzte wieder an. Danach ging ich ins Esszimmer. Ich setzte mich. Die Postkarte lag vor mir. Ich holte mein Handy heraus, und rief Maria an. Ich sagte ihr, dass ich immer noch krank sei, wir uns aber gern nächste Woche treffen könnten. Maria verstand es. Sie war wirklich lieb. Mein Handy schaltete ich auf Flugmodus und steckte es zurück in die Tasche. Langsam drehte ich die Karte um. Es war ihre Handschrift. Geschwungen und perfekt. In schwarzer Tinte hatte sie mir geschrieben:

Bitte verzeih, dass ich so lange nicht geantwortet habe.  Ich habe nachgedacht. Es tut mir leid, aber ich kann es einfach nicht nochmals probieren. D.

 

Quelle Bild: Sam Moyer/ „Books“ Moving In/ 2009

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