Wer rettet die Retter?

von Alexander Wachter

Der Nanochip in Anniks Hand blinkte. Ein Schimmer unter ihrer Haut, klar erkennbar zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie setzte sich auf den Teppichboden, dessen engmaschigen Fasern flachgedrückt waren, und winkelte ihre Beine an. Sie zog sie so fest an ihre Brust, dass ihre Knöchel hervortraten. Cara nannte Annik ein Bibberentchen. Ihr sei ständig kalt. Und auch jetzt drang ein Strom an Ermas in die Konduktionshalle. Sie brachten taukühle Luft mit sich, welche Annik frösteln ließ. Annik zog den Mantel ihrer Uniform enger um ihren Körper und setzte sich auf alle Öffnungen, um die Kälte auszusperren. Die leuchtenden Phiolen an den Wänden erhellten mit ihrem verändernden Farbenspiel die Halle, warfen friedliche Lichter auf Annik und die anderen Ermas um sie herum. Die traditionell weißen Gewänder der Ermas reflektierten die auf sie geworfenen Farben und ließen sie eins werden mit der Halle. Ihre Kolleginnen zu erkennen, war eine Herausforderung. Annik wusste jedoch, dass Cara zwei Reihen vor ihr mit Mia saß, die an ihrer Schulter weinte. Annik sehnte sich nach Caras warmer Schulter, doch Mia hatte heute Vorrang. Das Farbenspiel um sie herum ließ ihre junge Kollegin noch dünner erscheinen, als sie ohnehin schon war. Ihre geglätteten Haare waren heute struppig. Der Verlust ihrer Retterin nagte an Mia. Verständlich. Sein erstes Kind vergisst man nie.

Als alle Ermas Platz genommen hatten, schritt der Konduktor an die Stirnseite der Halle. Seine Robe bestand aus demselben Material wie der Teppich der Halle. Auf seiner Stirn funkelte ein runder Diamant. Als Konduktor war er die Verkörperung der Symbiose aus Religion und Technik. Er hielt Auroras Asche in seinen Händen. Sie ruhte in einer Phiole, deren LED-Lichter herzschlagartig pulsierten. Der Konduktor platzierte sie in einer der leeren Kuhlen an den Wänden. Die restlichen Phiolen in ihren Kuhlen erloschen für einen Moment, einzig Auroras Phiole leuchtete weiter. Ein einsamer Lichtkegel in einem Meer aus Schatten. Dann, mit einem tiefen Brummen, das aus dem Boden unter ihnen zu kommen schien, begann die Inkorporierung. Ein Monsun an Farben brach los. Alle LED-Lichter der Phiolen schlugen harmonische Wellen und fluteten die gesamte Halle mit blendenden Farben. Woge um Woge an Lichtern schwemmte über Annik hinweg. Sie sahen in ihre Erinnerungen, zupften an ihrer Konsistenz. Erleichterung durchdrang Annik. Aurora hatte ihr Leid hinter sich gelassen. Sie hatte Erlösung gefunden.

Nach der Inkorporierung legte der Konduktor Auroras wertvollsten Besitz zu ihrer Phiole in die Kuhle. Eine Bernsteinkette, die ihre leibliche Mutter ihr gegeben hatte. Eine Fotografie in der Kuhle neben Auroras fiel Annik plötzlich ins Auge. Die ersten verließen die Halle. Annik war eine von ihnen. Sie wollte die Gegenstände in den Kuhlen nicht genauer betrachten. Sie waren wie Grabwächter, die über die Asche der Verstorbenen wachten. Annik konnte ihnen nicht entgegentreten.

Die Konduktionshalle bildete das nördliche Ende der Häuseranlage. Rosen-Efeuhybriden wuchsen die strengen Fassaden hinauf und verströmten ihren Duft auf dem Gelände. Den Gestank nach Desinfektionsmittel überdeckten sie dennoch nicht. Annik schloss sich den anderen Ermas an, die zu ihrem Patron Julius liefen. Sein Gebäudekomplex überragte alle anderen Häuser und überblickte damit das gesamte Gelände. Eine immerwährende Präsenz aus Glas und Stahl mit verdunkelten Fenstern. Wachsame Augen, die niemals schliefen. Dort warteten Ante und die anderen Retter auf sie, ihre Ermas. Wann immer ein Retter starb, ermöglichte Julius ihnen eine ungestörte Zeremonie. Er nahm ihre Retter für die Dauer der Bestattung in seine Obhut.

Julius saß auf dem Boden, ein Display in Händen, von dem er ablas. Einige der jüngeren hatten sich neben ihn gesetzt und lauschten nasepopelnd und sabbernd seiner Erzählung. Zumindest diejenigen, die keinen Rollstuhl benötigten. Ante schlief etwas abseits der anderen. Die Lehne seines Rollstuhls war nicht zurückgestellt worden. Sein Kopf baumelte unbequem auf seiner Brust. „Ist sofort eingepennt, nachdem du gegangen bist.“ Ilija flüsterte in Anniks Ohr. Er stach in seiner grünen Wachmannuniform zwischen den weißgekleideten Ermas hervor. Annik wunderte sich, dass sie ihn nicht vorher bemerkt hatte. „Ohne Aurora hat er ja niemanden mehr zum Händchen halten“, sagte Annik trocken. Ilija grinste. „Ach, dann schieben wir ihn eben zu einer anderen. Er merkt den Unterschied doch eh nicht.“ Annik las Ekel in dem Blick, den er Ante zuwarf.„Sprich nicht mit mir, Ilija.“ „Keine Sorge, der checkt nichts.“ Er blickte bestätigend zu Julius und strich mit seiner Hand über ihren Rücken, bevor er mit zwei Tastendrücken, die Lehne senken ließ. „Nicht wegen ihm“, sagte Annik trocken. Die anderen Ermas lästerten zu gerne. „Sehe ich dich heute Abend?“, fragte Ilija, ohne sie anzublicken. Annik legte ihr Chipauslesegerät auf Antes Handrücken und prüfte seine Werte. „Tschau, Ilija!“

Selbst als alle Ermas bereits anwesend waren, las Julius die Geschichte zu Ende. Annik – wie jeder hier – kannte sie. Sie alle wuchsen auf mit den Erzählungen des Genkrieges, hörten von klein auf von den Heldentaten der glorreichen Unterdrückten, die sich für die Selbstbestimmung aller aufopferten. Annik hatte sich immer gefragt, warum es nirgendwo Bilder dieser Helden gab. Erst viel später hatte sie es verstanden. Die Helden waren auch allesamt Retter, oder Spender, wie man sie damals noch nannte, gewesen. Wer wollte denn schon Statuen und Bildnisse von Menschen mit Behinderungen sehen? „Ministerpräsident Clemenz gelang es durch das Hacken der Satelliten, die letzten Führer der alten Welt kampfunfähig zu machen und ermöglichte Präsident Muchert somit die Kontrolle über die restlichen Feinde zu gewinnen. Der Sieg war total. Clemenz wird für seine Tapferkeit auf ewig in Erinnerung bleiben. Sein Namen wird niemals vergessen. Das Ende.“ Julius knipste den Display aus. „Ah, ich sehe, wir hatten noch ein paar Zuhörer. Wir sind soweit fertig, ich glaube, unsere Retter haben Hunger.“ Er blieb sitzen, während sich alle Ermas der Reihe nach bei ihm bedankten und dann mit ihren Rettern den Raum verließen. Annik zog es vor, ohne ein Dankeschön zu verschwinden, doch Ilija hielt sie auf: „Der Patron möchte mit dir sprechen.“ „Ante braucht unbedingt etwas zu trinken. Seine Werte sind überaus …“ „Warte hier!“, sagte Ilija mit Nachdruck. Annik seufzte und machte sich nützlich, in dem sie Ante die Schweißperlen von der Stirn strich und seine Lippen befeuchtete.

Nachdem der Raum sich geleert hatte, hieß Julius auch Ilija zu gehen und begrüßte sie herzlich. Sein jugendlicher Charme verärgerte Annik. Sie wusste, was er hinter seinem Lächeln verbarg. Sie hatte schon zu oft, Bekanntschaft mit seiner anderen Seite gemacht. „Wie kann ich Ihnen helfen, Patron?“, fragte sie. Julius strich sich die lockigen Haare aus der Stirn und lächelte sie an. „Gar nicht, Annik. Heute reden wir nicht über mich, sondern über dich.“ Annik vergewisserte sich, dass der Rollstuhl zwischen ihnen stand, bevor sie fragte: „Wie darf ich das verstehen?“ „Ich wollte dir nur ein Update geben bezüglich deines Jobs in meinem Unternehmen.“ Er streichelte Ante sanft über die Wange. „Post-Ante, versteht sich.“ Annik spürte ihren Pulsschlag in ihrem Hals. Julius deutete Anniks Reaktion richtig und beruhigte sie: „Keine Sorge. Ich stehe zu meinem Wort. Habe ich es jemals gebrochen? Es war abgemacht und du bekommst die Stelle. Ich wollte dir mitteilen, dass du aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Depot in Birmingham gebraucht wirst.“ Birmingham, das klang doch gar nicht schlecht. „Allerdings“, fuhr Julius fort und schritt langsam um den Rollstuhl herum. „Hoffe ich immer noch, dass du dich umentscheiden wirst. Denk‘ daran, was du hier alles hast und verlieren wirst. Und wen auch immer du nach Ante umsorgen wirst, wird dir unendlich dankbar dafür sein. Wirst du es nicht vermissen? Deine Freunde?“ Julius benetzte seine Lippen. „Mich?“ „Klar werde ich alles hier vermissen“, sagte Annik, nicht sicher, ob er das Zittern in ihrer Stimme hören konnte. „Aber es ist der einzig richtige Schritt für mich.“ Die Muskeln unter Julius Hemd spannten sich an. Sie erwartete einen Schlag. Seine Hand an ihrer Schläfe, seine Faust in ihrem Bauch, wie schon so oft. Doch stattdessen drehte er ihr den Rücken zu. „Magst du Ratten, Annik?“ „Nicht sonderlich, nein“, antwortete sie vorsichtig. „Keine ungewöhnliche Meinung. Dabei waren es Ratten, die den Forschern dabei halfen, DNA-Stränge zu isolieren. Wo andere Lebewesen scheiterten, waren die Rattenexperimente erfolgreich. Kein Affe, der den Menschen zu längerem Leben verhilft, kein Labormeerschwein. Nein, Ratten.“ Er schabte mit seiner Schuhsohle über das Parkett. „Wie alt würdest du mich schätzen, Annik?“ „Ich weiß es, ich muss es nicht sch…“ „Das hab ich nicht gefragt!“, unterbrach er sie. „Wie alt würdest du mich schätzen, wenn du mich nicht kennen würdest?“ Annik zögerte. „Schwierig. So Anfang dreißig vermutlich.“ Julius fuhr sich mit der Hand über die Stoppeln seines Drei-Tage-Barts. „Und würdest du sagen, ich bin wirklich so alt?“ Annik verstand die Frage nicht. „Nein, natürlich nicht. Sie sind 181. Wir feierten letztes Jahr erst Ihren runden Geburtstag.“ „Dann würdest du sagen,“ sagte er langsam. „Dass meine Zellen falsch liegen? Sie glauben nämlich, dass ich viel jünger bin. Dass sie selbst viel jünger sind.“ Annik blieb still und Julius fuhr fort. „Kann es also sein, dass meine Zellen getäuscht wurden? Aber wie kann man von einer Täuschung sprechen, wenn sie tatsächlich jünger sind?“ Sein Lächeln verschwand, seine Augen wirkten auf einem Mal schwarz.  „Du siehst, die Realität wird von den Mächtigen bestimmt.“ Julius schob sich langsam auf sie zu. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht. „Sogar Naturgesetze müssen sich dem beugen. Und weißt du, wer die Macht hat, liebe Annik?“ Seine Hand fuhr langsam an ihren Hals. „Du?“ „Ja, in der Tat! Menschen wie ich. Ich habe deiner Mutter – die unscheinbarste Ratte, die es je gab – bei mir aufgenommen und sie zu einer Erma gemacht.“ Ante wälzte sich unruhig in seinem Rollstuhl herum. Er quengelte als Julius weitersprach. „Ich habe dich zu dem gemacht, was du heute bist. Ohne mich bist du nichts! Vergiss das nie.“ Julius ließ Anniks Hals los. „Kümmere dich um den Jungen. Das Geheule ist ja kaum auszuhalten.“ Annik redete besänftigend auf Ante ein, doch er beruhigte sich nicht. Sein Atem ging schwer und flach. Seine verdrehten Hände schnappten krampfartig in die Leere vor ihm. „Er braucht etwas zu trinken. Er war schon viel zu lange ohne Flüssigkeit.“ Julius schnaubte. „Dann geh endlich!“ Die Hand mit dem Chiptransplantat bereits am Türsensor, hörte sie Julius hinter sich: „Du wirst deiner Mutter immer ähnlicher.“ Das Schimmern unter ihrer Haut färbte sich grün und die Tür öffnete sich. Annik zögerte für einen Moment, dann sagte sie: „Wäre ich schon immer mehr wie sie gewesen, hätte ich mich nie auf dich eingelassen.“ „Sie starb allein, wusstest du das?“ Julius Stimme war eisig. „Einsam und allein. Ganz wie die dreckige Ratte, die sie war.“ Annik verließ den Raum. Das Geräusch ihrer Schritte hallte durch die Eingangshalle begleitet von Antes Schreien.

Micha wartete vor dem Gebäude auf sie. „Hat Cara dich nicht abgeholt?“, fragte Annik ihn. Micha schüttelte den Kopf. „Nein, sie kümmert sich noch um Mia. Ich kann schließlich alleine nach Hause finden.“ Micha war einer der wenigen Retter, die nur geringe Schäden von der Spende davongetragen hatten. „Alles in Ordnung?“ Annik stemmte die Fersen in den Boden. „Nein, Ante hat viel zu wenig getrunken. Gleich sind wir da, Spatz.“, fügte sie an ihren Retter gewandt hinzu. Seine Schreie steckten ihm nach wie vor im Hals. „Nein, nicht Ante.“ Micha schüttelte den Kopf. Er hatte Mühe mit Annik Schritt zu halten. Sein lahmer Fuß schränkte ihn ein. „Ist mit dir alles okay?“, fragte er. Annik legte Micha einen Arm um die Schulter. „Ja, alles gut soweit. Aber danke, dass du dich um mich sorgst. Wie geht es dir?“ „Auch alles echt gut.“ Micha log. Annik wusste, dass sein Augenlicht schwächer wurde. Nicht mehr lange und er würde vollständig erblinden. Cara hatte es ihr vor der Zeremonie gesagt. „Falls du jemals mit jemanden außer Cara quatschen möchtest, ich hab‘ immer ein offenes Ohr für dich.“ Michas Wangen färbten sich rot, als er sie durch seine dicken Brillengläser anlächelte. Er nickte.

Der graue Betonklotz mit dem Schild ANTEANNIK war ihrer. Sie verabschiedete sich von Micha, der mit Cara nebenan wohnte und parkte Ante in seinem Zimmer. Mit geübten Handgriffen bereitete sie ihm seine Flüssigkeit zu. Tränke Ante normales Wasser würde er sich verschlucken, schlimmstenfalls sogar ersticken. Annik dickte ihm daher jegliches Getränk ein, damit es eine breiige Konsistenz bekam. Seine Speisen pürierte sie ihm. Die oral einzunehmen Medikamente pulverisierte Annik und mischte sie in seinen Brei. Mit jedem Löffel, den sie ihm in den Mund schob, beruhigte er sich. Nach dem Essen durfte Ante für eine Stunde die Sehglocke aufsetzen. Sie stellte ihm den Wald als Schauplatz ein. Mit der Glocke auf dem Kopf erlebte Ante das Leben im Wald durch die Augen verschiedener Tiere. Eine technische Illusion von Freiheit. Nichts bereitete ihm mehr Vergnügen.

Während Ante in seiner virtuellen Realität war, massierte Annik ihm ungestört seine Arme und Beine. Sie verwendete eine Geno-Salbe für seine Druckstellen, damit die Zellen wieder richtig durchblutet wurden. Für die von Krämpfen überspannten Muskeln legte sie einen Wärmeverband an. Es waren nur Kleinigkeiten, die Annik für ihn tun konnte. Ante hatten die Folgen der Entnahme vergleichsweise schwer mitgenommen. Selbst geringste Tätigkeiten wie Trinken, Sitzen oder Sich-Herumdrehen waren für ihn nicht ausführbar. Und da durch den Eingriff auch eine weitere Manipulation der Zellen hinsichtlich lebensverbessernder Änderungen unmöglich wurde, starb auch die Hoffnung auf eine langfristige Heilung Antes und der übrigen Retter. Annik sah auf den Rollstuhl. Er wirkte wie ein Relikt alter Tage. Doch etwas besseres gab es für die Fortbewegung der Retter nicht. Die restlichen Menschen brauchten keinen Rollstuhl, ihre DNA wurde schlichtweg repariert. Der Bedarf für weitere Entwicklungen gab es damit nicht und Julius und die anderen Milliardäre, welche mit ihren Geldern halfen, den Staat zu finanzieren, legten wenig Wert auf neue Entwicklungen. Während einer gemeinsamen Nacht hatte Julius ihr einmal erzählt, dass er alle Hebel in Bewegung setzen würde, um das Leben der Retter besser zu machen. Das Resultat waren medizinische Fortbildungen der Ermas, keine revolutionären Weiterentwicklungen.

Nachts wachte Annik schweißgebadet auf. Sie wurde von Träumen geplagt und fand keinen Schlaf mehr. Sie spähte vorsichtig in Antes Zimmer. Er schlief dick eingepackt in seine Decken. Sie überlegte, seine Werte zu checken, aber wollte nicht riskieren, ihn aufzuwecken. Den Erma-Mantel über die Schulter geworfen, schlich Annik aus dem Haus. Sie hielt sich von den beleuchteten Eingängen und Straßenlampen fern. Das Weiß ihres Mantels stach in der Dunkelheit dennoch hervor. Leider besaß sie nur noch derartige Kleidungsstücke. All die farbigen Kleider und Röcke, die ihre Mutter so an ihr geliebt hatte, hatte sie abgeben müssen, als sie eine Erma wurde. Hätte Annik ihrer Tochter auch bunte Kleidungsstücke angezogen, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte? Sie schüttelte den Kopf. Nutzlos, darüber nachzudenken. Sie hatte sich nach der Geburt sterilisieren lassen. Eine zweite Chance bekam sie in diesem Leben nicht mehr. Annik klopfte gegen die matte Scheibe. Kurze Zeit später erschien ein Schatten hinter dem Milchglas „Ich hatte nicht mehr mit dir gerechnet, um ehrlich zu sein.“, sagte Ilija als die Tür sich zur Seite schob. „Soll ich nun reinkommen oder nicht? Ich kann auch wieder gehen.“ Ilija trat beiseite. „Es freut mich, dass du hier bist. Falls ich heute etwas taktlos war, dann tut es mir leid. Ich …“ Annik fiel ihm ins Wort. „Ich bin nicht gekommen, um zu reden.“ Ilija verriegelte die Tür mit seinem Handrücken. „Ich versteh‘ dich nicht“, sagte er. Annik warf ihren Mantel auf ihn. „Sei still und zieh mich aus.“

Als Annik mit dem Morgengrauen zurück in ihr Haus trat, bemerkte sie, dass bereits jemand auf sie wartete. Cara saß auf ihrem Bett und musterte sie ausdruckslos. „Ante erlitt einen Herzstillstand. Für den Fall, dass es dich interessieren sollte.“ Panik. Annik stolperte in Antes Zimmer. Die Bettdecken lagen auf dem Boden. Seine Stoffraupe daneben. Ohne die schläft er doch nicht. Cara war ihr in das Zimmer gefolgt. „Ist er …?“ Cara schüttelte den Kopf. „Sie haben ihn ins RNR gebracht. Wo warst du?“ Der Vorwurf klang aus jeder Silbe. „Ich war … Ich war bei ihm.“ Der Vitalfunktionsmonitor blinkte, seine Anschlusskabel kringelten sich über das ganze Bett, als suchten sie nach Ante. „Ich hab‘ für dich gelogen.“, sagte Cara, ihre Stimme ruhig, ihr Augen tobend. „Ich sagte, du fühltest dich schlecht und lägest bei mir drüben. Ich bezweifle, dass Mikhail mir geglaubt hat. Sie haben ihn vor knapp zehn Minuten mitgenommen.“ Annik fühlte eine Leere in sich. Sie spürte die Fasern ihres Mantels an den Fingerspitzen, als sie ihre Nägel hineinbohrte. Dickes Polyester, dass ihrer Haut den Atem nahm. „Ich gehe sofort ins RNR. Danke dir.“ Cara packte sie am Arm. „Das alles hier ist schlimm genug. Wir sind dafür da, dass es den Armen wenigstens etwas besser geht. Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Nicht bei Ante. Nicht bei uns.“ Anniks Lippen bebten und Cara schloss die Zitternde in eine Umarmung. „Komm zu uns zurück.“

Antes Augen glichen Murmeln, so ausdruckslos starrten sie in die Luft über ihm. Schwarze Bänder fesselten seine Arme an die Stangen neben seinem Bett. Sie hielten seine Hände von seinem Gesicht fern. Wenn Ante heftige Emotionen erlebte, verschaffte er ihnen auf die einzige Weise Luft, die er kannte. Pflaster verdeckten die Furchen auf seiner sommersprossigen Haut. Welche Angst er gehabt haben musste und ich war nicht bei ihm. Annik legte ihm seine Stoffraupe an die Seite, damit er sie spüren konnte. Sie strich vorsichtig seine Wange entlang und fühlte die feinen Härchen darauf. Noch zu jung um ausgewachsenes Barthaar zu sein. „Mein kleiner Mann.“ Der Verband um seine Brust engte seine Atmung ein. Zumindest hoffte Annik, dass es der Grund für seinen keuchenden Atem war. Sein Herz schlug allerdings wieder, so wie es sollte. Dafür zeigte sich Mikhail besorgt, weil seine Nieren während der OP gestreikt hatten und auch jetzt noch ihren Dienst verweigerten. „Wir sehen, was die Nacht bringt. Falls er die übersteht, können wir über weitere Eingriffe nachdenken.“ Wie viele seiner vierzig Kilos nach den OPs noch übrigbleiben würden? Eine Mästdiät würde der nächsten folgen und selbst dann wusste Annik nicht, ob er jemals wieder so fit wie zuvor werden würde. Eine eingeschränkte Lebensqualität hatte er seit jeher, aber ewig an Dialysegeräte angekettet zu sein wie ihr letzter Retter, das wünschte sich Annik für ihn nicht. Ein Frösteln umklammerte ihre Glieder und fuhr wie Eiszapfen ihren Rücken hinauf. Julius tauschte das Leben dieser Kinder gegen seines ein. Benutzte sie wie eine Aufladestation. Annik hatte bislang geglaubt, er wäre zumindest besser als die anderen. Viele bezahlten die Mütter und ließen sie mit dem Kind zurück, nachdem sie ihnen ihre DNA entnommen hatten. Nicht wenige Mütter entsorgten ihre Kinder danach. Da draußen kam eine DNA-Entnahme einem Todesurteil gleich. Julius jedoch nicht. Er kümmerte sich um die Kinder, deren Leben er zerstört hatte. Bezahlte die Ermas, damit sie sich allzeit um sie sorgten. Doch dies war ein Trugschluss. In Julius gipfelte die Herzlosigkeit der Menschen. Er genoss es, seine DNA-Lieferanten um sich zu haben. Er ergötzte sich an ihrem Leid. Es geilte ihn auf. Eigentlich hatte sie es schon immer gewusst. Himmel, sogar seine eigene Tochter hätte er benutzt. Dieses Scheusal. Entschlossenheit brachte den kleinen Gedanken ans Tageslicht, den Annik schon des Öfteren gehegt hatte und drang ihn zur Tat. Zwei Finger genügten. Zeigefinger und Daumen auf beide Nasenflügel. Antes Augen weiteten sich unmerklich. Zwei bewegungslose Murmeln, die in die Dunkelheit starrten.

Die Lichter wuschen über sie hinweg, ließen neben Kummer und Schuldgefühlen auch Dankbarkeit zurück. Cara neben ihr brachte wenig Wärme. Die Kälte war in Annik selbst. Ihre Tränen fühlten sich falsch an, deswegen unterdrückte sie sie. Wie viele Male hatte sie um einen ihrer Retter getrauert? Zu oft. Antes Phiole strahlte heller als die anderen. Vielleicht hatte sie richtig gehandelt. Ilija bot ihr seine Hand an. „Mein Beileid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …“ Sie nahm ihn nur am Rande wahr.  Beim Packen merkte Annik, wie wenig sie mitnehmen wollte. Draußen benötigte sie keine Erma-Uniformen, keine medizinischen Materialien, keine Erinnerungen an ihr Leben hier. Einen Neustart begann man ohne alten Ballast. Cara und Ilija wussten, dass sie gehen würde. Beide hatten ähnlich reagiert: erst entsetzt, dann ärgerlich. Zuletzt traurig.

Julius Gebäudekomplex stach wie immer unbarmherzig in den Himmel, doch heute flüsterte er von Freiheit. Noch ein Gespräch mit Julius stand ihr bevor. Er erwartete sie mit Cocktailgläsern in den Händen. „Auf dich“, sagte er und sie prosteten sich zu. Annik nahm einen Schluck und stockte. „Alkohol?“ Julius lachte. „Ein Vorgeschmack auf die Welt, die dich draußen erwartet. Setz‘ dich!“ Julius wischte über den Tisch zwischen ihnen, dessen Oberfläche ein Display war. „Ich übermittele dir die aufgezeichneten Daten deines Chips und dessen Nutzungsberechtigungen.“ Ein Wischen seines Zeigefingers und der Chip in Anniks Hand blinkte blau auf. „Erledigt. Du bist frei zu gehen. Dein Fahrer wird dir alle Informationen über die Details deiner Anstellung in Birmingham mitteilen. Ich würde dir vorschlagen, du suchst sofort nach einer Unterkunft. Auf der Straße leben, stelle ich mir sehr unbequem vor.“ Er nippte grinsend an seinem Cocktailglas. Annik war davon ausgegangen, dass er für Unterkünfte für alle seine Angestellten im Depot sorgte. „Das werde ich“, sagte sie dennoch ohne Zögern. Julius Mundwinkel fielen. „Gut. Eine Frau überlebt auf der Straße nicht lange.“ Die Tür öffnete sich piepend und Ilija kam herein. „Patron, der Fahrer wäre hier.“ Annik sprang auf die Beine. Sie streckte Julius ihre Hand entgegen. „Danke für alles.“ Julius nahm einen erneuten Schluck. „Eine Sache wäre da noch“, sagte er ohne sie anzublicken. „Weißt du, wie viel der Marktpreis für ein Menschenleben zurzeit ist?“ Die Frage überrumpelte Annik. Worauf wollte er damit wieder hinaus. Sie wechselte einen flüchtigen Blick mit Ilija, bevor sie sagte: „Ich weiß es nicht.“ „750.000 Euro.“ Julius musterte Annik. Sie wusste nicht, was sie mit dieser Information anfangen sollte. „Ich habe deinen nächsten Retter für dich persönlich ausgesucht und gekauft. Um exakt diesen Betrag.“ „Das ist sehr nett, aber es wird sich bestimmt auch eine andere Erma  um das Kind kümmern wollen.“ Sie griff nach ihrem Koffer. „Nein, sie ist kein Kind mehr.“ Annik wollte sich nicht mehr auf seine Spielchen einlassen. Sie endeten nie gut für sie. Ilijas Anwesenheit im Raum gab ihr etwas Sicherheit. „Ich verstehe nicht“, sagte sie. „Erinnert dich der Name Jasmin an irgendetwas?“ Annik dachte nach. „Jasmin? Ich kenne niema–“ Ihr Atem stockte. Julius Grinsen verriet ihr, dass er mit dieser Reaktion gerechnet hatte. „Nun?“, fragte er süffisant. „Das kann nicht sein.“ Anniks Brust bebte. „Du sagtest, sie wäre gestorben.“ Nachdem sie ihr Mädchen zur DNA-Entnahme freigegeben hatte, war sie an Komplikationen während der OP gestorben. Zumindest hatte sie das bis jetzt immer geglaubt. Sie konnte Ilija hinter ihr nähertreten hören. „Ich habe dich angelogen.“ Julius lachte und hob die Arme, als wolle er sie umarmen. „Entschuldige, aber ich wusste, du würdest deine beziehungsweise unsere Tochter irgendwann suchen und für sie sorgen wollen. Das passte mir nicht. Aber so, wie sich die Dinge entwickelt haben …“ Annik glaubte ihm kein Wort. „Nein, das ist unmöglich.“ „Doch natürlich ist das möglich.“ Ihr Unglauben amüsierte ihn. „Bislang habe ich sie bei einem befreundeten Millionär untergebracht gehabt. Aber sie sollte theoretisch bereits hier sein. Sie kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“

Er wischte erneut über den Tisch und öffnete ein Bild von einem jungen Mädchen im Rollstuhl, das schief in die Kamera lächelte. „Sie kommt sehr nach dir, findest du nicht?“ Obwohl das Mädchen offensichtlich schwer krank war, erkannte Annik das Lachen wieder und auch die Augen, die sie darüber anstrahlten. „Das kann nicht sein.“ Ilija hielt sie fest, damit sie nicht umkippte. Er selbst sah so überrascht aus, wie Annik sich fühlte. „Glaub‘ es!“, schrie ihr Julius ins Ohr. „Freu dich! Mutter und Tochter, endlich wieder vereint. Und du bist frei und kannst für sie sorgen. Ist das nicht schön?“ Er stand auf. „Und deinen Liebhaber kannst du auch noch behalten“, sagte er und klopfte Ilija auf die Schulter. „Ich weiß, du hättest mir gar nicht zugetraut, so selbstlos zu sein.“ Ilija sah verwirrt zu Julius und dann zu Annik. „Sie wussten davon?“ Julius verstärkte den Griff an Ilijas Schulter. „Junge, Sie denken doch nicht, dass es etwas auf meinem Anwesen gibt, das ich nicht weiß.“ Sein Lachen zog sich über sein jugendliches Gesicht. Er legte einen Finger unter Anniks Kinn. „Und jetzt, kleine Annik, soll ich dich zu ihr bringen?“ Annik sah ihn für einen Moment an. Ausdruckslosigkeit traf auf offenkundige Häme darüber, das Spiel gewonnen zu haben. Ich möchte aber nicht mehr spielen.

Annik streifte Ilijas Hand von ihrer Schulter. „Vielen Dank für alles.“, wiederholte sie ihre Worte von zuvor. „Was tust du?“ Julius Lächeln verschwand schlagartig. Annik wandte sich von den Männern ab und lief zu der Tür, durch die Ilija gerade gekommen war. „Du willst doch nicht wirklich gehen?“ Julius sprang ihr nach. „Wo gehst du hin?“ Seine Stimme drang laut durch das Foyer. Annik hörte ihn von der Treppe über ihr. „Du lässt also tatsächlich deine einzige Tochter im Stich?“ Julius Maske von Contenance fiel endgültig. „Ja, dann geh doch und verrecke! Wirst schon sehen, was du davon hast. Ich nehme dich nicht mehr zurück!“ Er brüllte laut. „Meine Güte kennt Grenzen!“

Der Fahrer nahm Annik ihren Koffer ab und sie setzte sich in das Fahrzeug. Sie besann sich, ruhig zu bleiben und ihr Zittern unter Kontrolle zu bringen. „Schön, dass Sie hier sind, Erma Annik. Zum Flughafen!“, fügte der Fahrer laut hinzu und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Die Efeu-Rosenhybriden reckten ihre Blüten wie zum Abschied, als Annik durch das große Tor in das Grau der umliegenden Gebäude eintauchte.

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