Der Klang von Schnee

von Sophia Thomsen

Kurz vor Weihnachten war immer noch kein Schnee gefallen. Ich fuhr durch Ortschaften, in denen leuchtende Rentiere den nackten Rasen der Vorgärten beschienen. Von den Traufen fraßen sich Girlanden aus LED-Licht in die Nacht hinein,  mild flackerten Bildschirme in den Stuben. Auf schwarzen Teichen in Kurgärten lagen unbeweglich vereinzelte gelbe Blätter und um die Straßenlaternen hatten sich Lichthöfe gebildet.  Ich war auf dem Weg zu Herrn Gettke.

Ich schreibe eine Kolumne für eine regionale Fernsehzeitschrift. Meist geht es um Phänomene aus Grenzbereichen der Wissenschaft. Zum Beispiel wie sich die Struktur von Wasser verändert wenn man es in einem Glas einfriert auf dem „Hitler“ steht. Oder wie Spreewasser auf Leitungswasser reagiert, unterm Mikroskop betrachtet. Herr Gettke schien mir in die Reihe zu passen. Ein Jugendfreund hatte mir den Kontakt vermittelt. Er warnte mich vor – Herr Gettke galt als Sonderling. Ich hörte mich um – in den örtlichen Büchereien kannte man ihn. Oft saß er stundenlang dort, bekleidet mit einer alten Daunenjacke in deren Taschen das Kleingeld für den Kopierer klimperte. Er ließ sich vergessene Kleinstausgaben mit Leinenrücken herbeischaffen, auf denen die Magazinnummern noch mit Hand geschrieben waren. Man tolerierte ihn, obwohl man ihn verdächtigte, gelegentlich mit einer kleinen Rasierklinge Seiten herauszuschneiden und sie nach draußen zu schmuggeln. Als Antwort auf meine Anfrage schickte Gettke mir seine Koordinaten und bat mich, Gulasch in Dosen, Guthaben und Pulverkaffee mitzubringen.

 

Der Wohnwagen von Herrn Gettke stand an einer schmalen Umgehungsstraße zwischen Viehweiden. Auf dem Dach war eine Wetterstation aufgebaut, die Windfahne stand still, der Nachthimmel war mit Wolken verhangen. Als ich die Autotür zuschlug, roch ich zum ersten Mal in diesem Jahr Schnee. Herr Gettke öffnete die Tür. Er hielt eine Blechtasse mit dampfendem Kaffee in der Hand, in seinem Bart hingen Brösel von hartgekochtem Ei. Seine Begrüßung hing als durchscheinendes Wölkchen in der Luft. Er bat mich herein und wischte mit dem Ärmel Mäusekot vom Tisch. Als er lächelte, verschwanden seine Augen fast zwischen kleinen Fältchen.

„Der Schnee“, fing er an. „Sie kommen wegen dem Schnee.“

Im Wohnwagen war es kaum wärmer als draußen. Wir saßen in einem engen Raum voller Messgeräte. Zeiger schwankten über Anzeigen, Skalen maßen die Ausdehnung von Flüssigkeiten,  ich erkannte ein altmodisches Barometer. Ein Mann in Schwarzwälder Tracht stand vor einem Wetterhäuschen, in einer Ecke zitterte der Arm eines Haarhygrometers über eine Papierrolle und hinterließ eine zarte Linie. Herr Gettke goss mir schwarzen Kaffee ein und kramte in einem Papierstapel während er über die idealen Wetterbedingungen für die Bildung zart geformter, vereinzelter Schneeflocken sprach. Schließlich zog er die abgegriffene Kopie einer Buchseite hervor. In der Mitte, gerahmt vom gelblichen Abdruck eines Bechers, sah ich grobe Wolken, aus denen Symbole auf die Erde zu stürzen schienen. Eine Glocke, eine Hand, sogar ein Auge.

Historia de gentibus septentrionalibus stand klein darunter.

„Sehen Sie? Das hier sind Butzenscheiben mit Eisblumen. Rechts davon ein Schneefall, wie wir ihn bei gemäßigten winterlichen Temperaturen wie heute erwarten dürfen. So hat ihn der Schwede Olaus Magnus 1555 für seine römischen Zeitgenossen festgehalten.“ Herr Gettke war meinem Blick gefolgt und schaut mich erwartungsvoll an.

„Das sind keine Schneeflocken,“  bemerkte ich, „es fehlt die Symmetrie und die typische Form. Diese Schneeflocken sind völlig falsch dargestellt. Das sind einfach beliebige Zeichen. Warum? Er wusste doch, wie sie aussehen.“

„Vielleicht hat ihn das Aussehen der Schneeflocken auch nicht interessiert. Vielleicht ging es ihm darum, was Schneeflocken bedeuten.“

„Eine Botschaft aus Schneeflocken?“

„Die ganze Welt ist eine Botschaft. Denken Sie an die DNS – eine Anweisung in Form einer Kette, wie indianische Knotenschnüre. Und irgendwo steht „Sei, atme, lebe!“, und dann sind wir da – mit Kartoffelnasen und angewachsenen Ohrläppchen, weil das genauso dasteht. Ein kleiner Schreibfehler, ein Komma an der falschen Stelle – und wir plagen uns mit einem chronisch entzündeten Darmtrakt ab oder mit der Schwermut. Und diesen Text tragen wir in uns und leben ihn ohne uns sonderlich dafür zu interessieren. Schauen Sie, jede Rille auf unseren Fingerkuppen, jede Ader in einem Blatt, jede Maserung in einem Gestein ist eine ausgelesene und entzifferte Botschaft. Nur die Schneeflocken nicht. Eine Botschaft schneit auf uns herab. Wir verstehen sie nicht, und sie schmilzt ungehört. Aber ich habe einen Weg gefunden. Hier – “

Er zeigte mir einen Artikel auf Englisch, eine Untersuchung über das Geräusch, das Schneeflocken verursachen wenn sie in einer windstillen Nacht auf die bewegungslose schwarze Oberfläche eines Pools fallen. Einige Passagen waren markiert, die Ränder mit hastigen Notizen versehen.

„Wenn Regentropfen auf eine Wasseroberfläche prallen, dann erzeugen sie ein charakteristisches Geräusch, das mit ihrer Form zusammenhängt. Bei Schneeflocken ist das anders.“

Herr Gettke arbeitete sich durch seine Papiere. Das hier war sein Schatz, die Grundfeste seiner Welt. Er brachte ein Buch mit Fotografien von Schneeflocken zum Vorschein und erinnerte sich an den schwarzen Nerzkragen seiner Mutter auf dem sie ein kleines bisschen länger liegen blieben als auf seiner Hand. Dabei zitierte er irgendeinen Japaner. Und immer waren sie da – sechseckig, zart und geheimnisvoll.

„Schneeflocken bestehen aus winzigen Strukturen, keine gleicht der anderen. Wenn sie an die Wasseroberfläche stoßen, bringen sie diese zum Klingen. Gleichzeitig befinden sich in ihrem Inneren winzige Luftbläschen, und während die Schneeflocke zergeht erzeugen sie ein Geräusch das sich von Schneeflocke zu Schneeflocke unterscheidet. Für uns völlig unhörbar, für die Wasserlebewesen muss es unbeschreiblich  laut sein. Die Anordnung konnte ich nachbauen, aber es gibt ein Problem. Ich höre den Klang, aber verstehe die Worte nicht. Und so habe ich dies entwickelt.“

Herr Gettke blätterte durch die Seiten von Notizbüchern, die mit einer Art Stenografie bedeckt waren. Da gab es, wie er ausführte, Zeichen für weiche oder kreischende Töne, angefügte Kreise zeigten eine stumpfe, Kommata eine schmatzende Qualität, Unterstriche und Akzente markierten, ob Töne erstarben oder zum Ende hin ausfransten. Und irgendwo in ihrer Anordnung verbarg sich eine Struktur, eine Grammatik, und wenn Herr Gettke  sie entschlüsselt hatte, dann gab es kein Geheimnis mehr.

„Ich reise dem Schnee nach, soweit ich kann. Wenn die Bedingungen günstig sind, baue ich meine Apparatur auf und warte. Ich halte den Klang fest. Später werte ich meine Notizen aus. Sehen Sie“, er deutete auf einen Kringel, der sich immer wieder wiederholte, flankiert von zwei Kreuzchen – „manchmal zeichnet sich eine Regelmäßigkeit ab, aber dann ergibt sich wieder etwas, das mein ganzes System durcheinanderbringt und meine Arbeit war vergeblich. Kommen Sie. “

Herr Gettke führte mich um den Wohnwagen herum zur Apparatur. Um ein aufblasbares Kinderbecken herum hatte er fantastische Gerätschaften aufgebaut. Sein Hydrometer bestand aus Gulaschdosen. Er setzte billige Kopfhörer auf, die wohl aus einer Bücherei stammten. Er bot mir einen Klappstuhl und eine Wolldecke an, und setzte sich an einen Campingtisch. Ich nahm das zweite Paar Kopfhörer.  Wir blickten schweigend zum wolkenverhangenen Himmel.

Dann fiel die erste Schneeflocke, gefolgt von weiteren. Herr Gettke beugte sich über sein Notizbuch, seine Hand flog über die Seiten und hinterließ eine rätselhafte Spur.

Ich setzte mir die Kopfhörer auf und hörte sie – sie schlichen heran und zerstoben jubelnd, umspielten mein Gehör und prasselten auf mich ein. Ein einzelner Klang arbeitete sich heraus, wuchs an und zerbarst. Schneeflocken fielen auf die Wasseroberfläche, blieben dort für einen winzigen Moment und lösten sich dann auf, aber ich hörte ihn – den Klang von Schnee – unendlich beeindruckend und rätselhaft. Ich sah Herrn Gettke an, der dort eingewickelt in seine Decke saß, ganz eingesponnen in seine Welt aus Tönen. Nach einer Weile setzte ich die Kopfhörer ab, machte noch ein paar Fotos und fuhr.

Bald lag auf den Weiden Schnee und ließ die Welt aussehen, als wäre sie ein friedlicher, von Menschen unbewohnter Ort.

Photo by Egor Kamelev from Pexels

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Rhiannon sagt:

    Wasser ist beeinflussbar. Gab es doch Experimente mit Beschriftungen auch in Japan.

    Und Schnee hat einen Klang, vor allem Winterfreunde wissen es.

    Gefällt mir

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