Der alte Mann

von Martin Trappen

Der alte Mann setzte sich an das Bett. Er nahm die Hand der Frau und lächelte sie an. Es war eine leere Geste. Sie lächelte zurück und der alte Mann konnte die Trauer in ihren Augen sehen. Eine Trauer, die er nicht verspürte. Die Frau war ihm fremd. In ihrem Gesicht lag ein zweites, jüngeres, doch er wusste nicht, wieso. Er wusste nicht, dass sie seine Urenkelin war. Der alte Mann konnte sich auch nicht daran erinnern, wie alt er war. Immer, wenn er daran dachte, war es, als suche er in einem leeren Schrank nach etwas Wertvollem.

Die alte Frau wirkte schwach und gebrechlich. Tiefe Falten durchzogen ihre Haut, ihr Haar war schlohweiß. Ihre Zeit würde bald kommen, das wusste er, ohne dass es ihm jemand sagen musste. Er legte seine Hand behutsam auf ihre Stirn. Sie fühlte sich eiskalt an. Ein Junge und ein Mädchen saßen am Fußende des Betts. Sie konnten nicht älter als neun sein. In ihren Gesichtern konnte er ablesen, dass sie zu klein waren, um wirklich zu verstehen, was vor sich ging. Der alte Mann wünschte sich, er könnte so sein wie sie. Er hatte es, weiß Gott, versucht.

Zusammen warteten sie auf den Tod. Alte Erinnerungen stiegen in ihm wieder auf. Er hatte lange genug gelebt, um ganze Reiche aufsteigen und wieder untergehen zu sehen. Umschwünge, Kriege, Aufstände, Friedensbeschlüsse waren gekommen und gegangen. Und doch war ihm seine Familie geblieben. Seine erste Frau war ihm früh genommen worden, ebenso seine erste Tochter. Es war zu viel gewesen, um es zu ertragen, das fiel ihm wieder ein. Er hatte sich gewünscht, den Schmerz vergessen zu können. Und dann war ihm das Wesen erschienen.

Ob er alles Schlimme, was ihm geschehen sei, vergessen könne, hatte er es gefragt. Die Trauer stand ihm noch ins Gesicht. Das Wesen gab ihm einen Spiegel. Alles, was er tun musste, war, hineinzuschauen, wenn er schlimme Erinnerungen loswerden wollte, sagte es. Doch es hatte ihn betrogen. Ein einziger Blick genügte, und der alte Mann wusste nicht mehr, wer er war, wo er war, und wie er dorthin gelangt war.

Er irrte durch die Lande, vergaß seine Frau und Tochter. Es dauerte Jahre, bis das Gesicht eines fremden Kindes wieder Erinnerungen in ihm wachriefen. Als der Schmerz des Verlustes zu viel wurde, versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Doch statt zu sterben, wachte er Tage später in einer Lache seines eigenen Blutes auf. Das Wesen würde ihn nicht sterben lassen, das sagte es ihm, als es ein weiteres Mal erschien. Es gab eine Chance, alles wieder zu vergessen, daran erinnerte es ihn. Er müsse dazu nur erneut in den Spiegel sehen. Welche Wahl blieb ihm schon?

Der Mann wurde älter, sein Haar grau, seine Haut fahl, die Erinnerungen, die er sammelte, übergab er dem erlösenden Spiegel. Sterben konnte er nicht. Das Wesen ließ es nicht zu.

Der Mann saß am Bett der alten Frau. Seine Enkelin. Ja, es war seine Enkelin. Kaum war es ihm eingefallen, ergriff eine kalte Angst sein Herz. Denn noch etwas war ihm eingefallen. Immer, wenn seine Erinnerungen zurückkehrten, würde er bald wieder vergessen. Den Spiegel hatte er längst zerbrochen. Vergeblich.

Der alte Mann fiel von seinem Stuhl und schnappte nach Luft. Er spürte den Griff des Wesens, wie es sein Herz umklammerte. Es würde sich an seiner Lebenskraft laben, wie es dies schon dutzende Male zuvor getan hatte. Die Kinder beugten sich voll Sorge über ihn, schüttelten ihn, wollten wissen, was mit ihm los war. Der alte Mann konnte nichts tun, als hilflos daliegen. Und Hoffnung daraus schöpfen, dass das Wesen bald nichts mehr an ihm haben würde.

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