Sparbuch

von Elias Vorpahl

Ich fühle mich wie ein Verräter. So als hätte ich das Weißglas in den Container für Braunglas geworfen. Schlimmer noch. Als hätte ich vorher nicht mal den Deckel abgeschraubt und die Mayonnaisenreste im Glas gelassen. Ich habe Deutschland betrogen. Vielleicht sogar die Bundeskanzlerin. Mit mahnendem Zeigefinger höre ich sie sagen: „Altglas ist der wichtigste Bestandteil neuer Glasverpackungen und kann beliebig oft recycelt werden. Wir können stolz darauf sein, was wir schon erreicht haben. Je sorgfältiger die Menschen in unserem Land sortieren, desto besser wird es uns allen gehen. Wir sind auf einem guten Weg.“ Doch es war nicht das Deutsche Recyclingsystem, das ich in Gefahr brachte. Es war viel schlimmer: Ich brachte die finanzökonomische Solidität der Bundesrepublik Deutschland in Gefahr.

Das Telefon steht jetzt ruhig vor mir. Es blickt betrübt. Ist verletzt von den Worten, die es zuvor transportieren musste:

Sparkasse an der Lippe. Frau Scholz am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Da spricht Stefan Vorhof. Ich würde gerne meine Kundenbetreuerin sprechen.“

„Um was geht es denn?“

„Ich möchte mein Girokonto und das Sparbuch kündigen.“

„…“

„Hallo? Hören Sie?“

„Frau Kramski ist gerade in einem Termin. Ich gebe ihr Bescheid, dass Sie angerufen haben.“

Ich hatte es gesagt. Ich hatte es wirklich gesagt. Seit dem Abitur fuhr ich, was die Banken anging, mehrgleisig: kostenloses Girokonto und Kreditkarte bei der DKB, Wertpapierdepot bei Cortal Consors. Auf meinem Sparbuch befinden sich exakt 1,52 EUR. Auf dem Sparkassen-Girokonto 41 Cent. Anfangs hatte mich Frau Kramski noch alle sechs Monate angerufen. Ob ich nochmal über den Bausparvertrag nachgedacht hätte, fragte Sie dann. Und ob ich schon wüsste, was ich mit dem Sparvertrag machen würde, der in zehn Monaten fällig sei. Ich hatte dankend abgelehnt und vorgegeben, es noch nicht zu wissen. Später hatte sie nur noch jährlich angerufen. Sie empfahl mir, den Freistellungsauftrag anzupassen, um Steuern zu sparen. Sie fragte mich, ob ich nicht einmal wieder zu ihr in die Filiale kommen mochte. Früher sei ich doch so oft dagewesen. Ihre Worte hatten geschmerzt. Doch ich hatte es geschafft, abzulehnen, und ihr versprochen, mich nach den Vordiplomprüfungen bei ihr zu melden. Ich denke an mein Sparschwein. Eine Eule mit Brille und rotem Schal, in der ich als Kind die 5-Mark-Stücke gesammelt hatte, die ich von Oma Else bekam, wenn ich ihr am Abend vorlas. Am Weltspartag war ich mit der Spareule, wie meine Oma sagte, zu Frau Kramski gegangen. Wir hatten die Stücke stets gemeinsam abgezählt. Ich war stolz auf jeden neuen Eintrag im Sparbuch. Was würde Oma Else sagen, wenn sie wüsste, was ich jetzt vorhatte? Ich sehe die Kanzlerin neben Peer Steinbrück. Mit ernster Miene erklärt sie: “Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Dafür steht die Bundesregierung ein.“ Was würde passieren, wenn jeder Deutsche sein Sparbuch kündigen würde? Wären die Einlagen dann noch sicher? Wäre Deutschland dann noch sicher?

Das Telefon klingelt. Der Ton verzagt. Ich hebe ab.

„Stefan Vorhof.“

„Schönen Guten Tag, Herr Vorhof. Hier spricht Frau Kramski. Wie geht es Ihnen?“

„Danke. Gut.“

„Und den Eltern?“

„Auch gut. Danke.“

„Sehr schön. Was kann ich denn für Sie tun?“

Ich denke an das Weißglas im Braunglascontainer und an den befallenen Buxbaum letzten Monat, den ich einfach im Biomüll entsorgt hatte, weil ich nicht extra zum Wertstoffhof fahren wollte. Was für ein Deutscher war ich eigentlich?

„Hallo? Herr Vorhof? Sind Sie noch dran?

„Ja. Entschuldigen Sie. Ich bin noch da.“

„Was darf ich denn für Sie tun?“

„Ich, … ich wollte. … Ich wollte fragen, ob Sie mir immer noch einen Bausparvertrag anbieten können?“

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