Enteignung

von Elias Vorpahl

Bernhard Vogt stand auf dem Gehweg vor dem Mehrfamilienhaus und wartete auf die nächsten Interessenten. Es war ein Acht-Parteien-Haus, und ihm gehörten drei der acht Wohnungen. Eine Vierte war ihm letzten Sommer von einem jungen Pärchen aus Düsseldorf weggeschnappt worden. Der alten Dame, die 40 Jahre lang in der Wohnung gewohnt hatte und jetzt in eine kleinere Wohnung zur Miete ziehen wollte, um den Kindern mit dem Geld zur Seite zu stehen, hätte die beiden sympathischer gefunden. Der Makler hatte ihm das gesagt. Nina kam nie mit zu den Besichtigungen. Er hatte es ihr schon zig Mal gesagt. Pärchen, die für sich selbst suchten, bekamen den Zuschlag. Aber ihr war das zu anstrengend. Die Urlaube in den 5-Sterne-Hotels waren ihr aber überhaupt nicht zu anstrengend.

Bis letzten Monat waren alle 15 Wohnungen, die er im Ruhrgebiet besaß, noch gut vermietet gewesen. Und jetzt wurden ihm gleich zwei Wohnungen gekündigt. Junge Pärchen waren das letzte: Sie schnappten ihm beim Kauf die Wohnungen vor der Nase weg, und als Mieter taugten sie auch nichts, weil sie sich viel zu häufig trennten.

„Herr Vogt?“

Bernhard drehte sich um und blickte in das sommersprossige Gesicht eines Mädchens. Ihr Freund, dunkelhaarig und ein paar Jahre älter, stand dicht an ihrer Seite. „Wir hatten telefoniert. Wengert ist mein Name.“

„Hallo, Frau Wengert. Schön, dass Sie es geschafft haben. Herr Wengert?“ Er streckte dem jungen Mann die Hand entgegen. „Oh, wir sind noch nicht verheiratet. Wir ziehen jetzt erst zusammen.“

Bernhard schloss die Haustür auf. „Bilder täuschen manchmal. Warten Sie, bis sie selbst auf dem Balkon stehen. Westausrichtung in den Innenhof. Sie haben den ganzen Abend Sonne.“

Die Wohnung befand sich im zweiten Obergeschoss. Nur ungern kaufte er Wohnungen, die höher lagen. In den Häusern aus den 20er bis 70er Jahren, auf die er es abgesehen hatte, waren selten Aufzüge eingebaut. Die Leute hatten keine Lust, die vielen Treppen zu laufen. Erdgeschoss war auch gut. Speziell für Rentner, wenn die Gegend einigermaßen passte. Im Dortmunder Norden brauchte man sich keine Erdgeschoss-Wohnung kaufen. Da haben sie zu viel Angst vor Einbrüchen.

Bernhard zog die Tür hinter sich zu. „Schauen Sie sich in Ruhe um. Ich bin hier, wenn Sie Fragen haben.“

Er holte sein Handy heraus und sah die neuen Anfragen für die beiden Wohnungen. Vier in Körne und sieben für die Zwei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt. Er hatte die kleine Wohnung in der Anzeige etwas größer gemacht, als sie eigentlich war. Zehn Prozent Abweichung war erlaubt. Auf ImmoScout sah sie so pro Quadratmeter billiger aus. Im Mietvertrag später würde er gar keine Quadratmeter mehr angeben.

„Herr Vogt, die Wohnung ist toll. Wann dürfen wir einziehen?“

„Es freut mich, dass Ihnen die Wohnung gefällt. Im Moment gibt es schon drei Zusagen. Wären Sie denn bereit, noch einmal 50 Euro mehr zu zahlen? Das würde es leichter machen.“

„Wenn wir die Wohnung dann bekommen, können Sie die Miete gerne erhöhen.“

In zwei von drei Fällen klappte das. 72 Cent bekam er so mehr pro Quadratmeter. Auf ImmoScout wären sie zur nächsten Wohnung gescrollt. Waren sie erst einmal hier und gefiel ihnen die Wohnung, bezahlten sie den Mehrpreis auch.

„Ich kann Ihnen den Mietvertrag morgen zuschicken. Aber lassen Sie sich bitte nicht allzu lange Zeit mit der Unterschrift. Ich möchte den anderen Interessenten gerne absagen.“

Bernhard schüttelte den Beiden die Hände und verabschiedete sie. Dann zog er wieder sein Handy hervor. Er musste den anderen Interessenten anrufen – es gab nur einen – vielleicht würde er ja noch einmal 50 Euro mehr bezahlen.

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