Der Erdgeist und der Fuchs – Teil 2

von Miyazawa Kenji: 土神と狐 (Tsuchigami to kitsune)

frei übersetzt von Arina Molchan

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Als der Erdgeist den Holzfäller bemerkte, durchströmte ihn wilde Schadenfreude. Er streckte seinen Arm in die Richtung des Mannes aus, packte dann mit der anderen Hand sein eigenes Handgelenk und tat so, als würde er den Arm zurückziehen. Der Holzfäller, der immer noch dachte, dass er dem Pfad folge, irrte daraufhin immer tiefer und tiefer in die Senke hinein. Er beschleunigte voller Angst seine Schritte, sein Gesicht wurde kreidebleich, sein Mund öffnete sich und er fing an, nach Luft zu schnappen. Der Erdgeist drehte langsam sein Handgelenk. Und als er dies tat, begann der Holzfäller im Kreis zu laufen. Dabei wurde ihm immer banger ums Herz. Er schnaufte verzweifelt, während er sich immerzu drehte und drehte. Sein einziger Gedanke war, so schnell wie möglich der Senke zu entkommen, aber trotz all seiner Bemühungen blieb er dort, wo er war: um dieselbe Stelle kreisend. Am Ende fing er an zu schluchzen. Er warf seine Arme hoch und rannte.

Das schien dem Erdgeist Freude zu bereiten. Er grinste nur und schaute zu, ohne aufzustehen. Irgendwann brach der Holzfäller, völlig erschöpft und vom Schwindel geplagt, in einer Pfütze zusammen. Der Erdgeist richtete sich langsam auf. Mit langen, schmatzenden Schritten bahnte er sich einen Weg zu dem Ort, an dem der Holzfäller lag. Er hob ihn auf und schleuderte ihn hinüber auf die Wiese neben dem Sumpf. Der Holzfäller landete mit einem dumpfen Geräusch im Gras. Er stöhnte einmal und zuckte kurz, kam aber nicht zu Bewusstsein.

Der Erdgeist lachte laut auf. Sein Lachen stieg in großen Wellen in den Himmel. Von dort sprang es zurück zu dem Ort, an dem die Birke wuchs. Diese erbleichte so stark, dass das Sonnenlicht grün durch ihre Blätter hindurchleuchtete. Es schauderte sie.

*

Der Erdgeist zog mit beiden Händen an seinen Haaren. „Dieser Fuchs! Nur wegen ihm fühle ich mich so miserabel!“, sagte er zu sich selbst. „Oder besser gesagt: wegen der Birke. Nein, wegen des Fuchses und der Birke. Beide sind Schuld daran, dass ich so leide. Wenn mir doch nur die Birke egal wäre! Dann wäre mir auch der Fuchs egal. Ich mag ja nicht groß sein, aber immerhin bin ich ein Naturgeist, und es ist beschämend, dass ich mir solche Gedanken um einen einfachen Fuchs machen muss. Und das Schreckliche daran ist, dass ich es trotzdem tue. Warum vergesse ich nicht die Birke einfach? Weil ich es nicht kann. Wie prächtig sie heute aussah, als sie so bleich wurde und bebte! Es war falsch, diesen erbärmlichen Menschen zu quälen, nur um meinem Ärger Luft zu machen, aber ich konnte nicht anders. Niemand kann vorhersagen, was einer tut, wenn er richtig wütend wird.“
Diese Gedanken machten ihn so schrecklich niedergeschlagen, dass er in seiner Verzweiflung mit den Fäusten in die Luft schlug. Ein anderer Vogel kam über den Himmel geflogen, aber dieses Mal schaute der Erdgeist ihm einfach still nach.

Irgendwo in der Ferne hörte man das Knallen von Gewehren – es klang, als hätte man Salz ins Feuer geworfen. Vom Himmel strömte blaues Licht in Wellen herab. Das musste dem Holzfäller gutgetan haben, denn er wachte auf, setzte sich vorsichtig hin und schaute sich um. Dann, wie ein Pfeil, den man aus einem Bogen gelassen hatte, schnellte er davon. Er rannte weg, in Richtung des Berges Mitsumori.

Der Erdgeist schaute ihm nach und lachte erneut. Wieder schwang sich sein Lachen hinauf in den blauen Himmel und sauste hinab zur Birke. Wieder wurden ihre Blätter bleich. Sie zitterten so zart, dass man es kaum bemerkte. Der Erdgeist drehte ziellose Kreise um seinen Schrein herum, solange, bis er sich innerlich wieder gefangen hatte und hinein huschte.

*

Es war eine neblige Augustnacht. Der Erdgeist war so schrecklich einsam und so fürchterlich verärgert, dass er spontan seinen Schrein verließ und loszog. Bevor er es selbst bemerkte, trugen ihn seine Füße zur Birke. Er konnte nicht sagen warum, aber wann immer er an sie dachte, schien sich sein Herz umzudrehen und er fühlte sich unendlich niedergeschlagen. Heute war es viel ruhiger in seinem Kopf. Er hatte sein Bestes getan, nicht an den Fuchs oder an die Birke zu denken. Doch egal wie sehr er versuchte, sie zu verdrängen: Sie tauchten immer wieder in seinen Gedanken auf. Jeden Tag sagte er sich: „Du bist doch ein Naturgeist! Was soll dir eine Birke schon bedeuten?“ Dennoch machte es ihn so schrecklich betrübt. Im Besonderen schmerzte ihn der Gedanke an den Fuchs: Wann immer er sich an ihn erinnerte, fühlte es sich an, als stünde sein ganzer Körper in Flammen.

Ganz versunken kam der Erdgeist dem Baum immer näher und näher. Schließlich wurde ihm bewusst, dass er sie gleich sehen würde und sein Herz begann, vor Freude zu tanzen. Sie hatten sich schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte sie ihn vermisst. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt. Wenn sie ihn tatsächlich vermisst habe, dann tat es ihm leid, dass er sie vernachlässigt hatte. Sein Herz hüpfte, als er durch das Gras den Hügel hinauf stapfte. Dann stockte er und gefror: Eine große, blaue Welle Traurigkeit spülte über ihn hinweg.

Der Fuchs war dort.

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