Der Kater und das Schwert

von Ina Nádasdy

Es war ein sonniger Samstag Nachmittag. Gáspár konnte die Sonne nicht leiden. Sie war zu heiß, zu aufdringlich. Seine Haut brannte. Manchmal dauerte es einige Tage bis die kleinen Bläschen und Rötungen verschwanden. Es war nicht schlimm, aber es fühlte sich so an.

Deshalb hatte er sich in die schattigste Ecke des Gartens gelegt und zum gefühlt hundertsten Mal seit seiner Kindheit den kleinen Hobbit gelesen. Er war selten im Garten, denn dort war es dreckig und voller Insekten. Aber manchmal trieb es ihn doch aus seiner engen Wohnung hinaus – so wie heute.

Jetzt saß er in der Wiese. In der einen Hand hielt er das Buch, mit der anderen Hand fasste er ins weiche Gras. Er fühlte die spitzen Halme und die flauschigen Blüten der Gänseblümchen und Löwenzähne. Doch jedes Mal, wenn er im Augenwinkel etwas wuseln sah oder das Gefühl hatte, eine Ameise oder ein anderes Insekt würde auf seiner Hand krabbeln, zog er sie weg. Hektisch strich er dann über seine Hand, um alles zu entfernen. Dann aber legte er seine Hand wieder ins Gras. Er musste sich zwingen, weil er sich ekelte. Aber das Gefühl des Grases unter seinen Fingern erfüllte ihn mit einem so schönen Gefühl. Es beruhigte ihn.

So konnte er über Saras Einladung nachdenken. Sie traf sich mit ein paar Freunden am See und wollte ihn dabei haben. Sara war bislang einer der wenigen Menschen , die ihn verstanden. Oder zumindest versuchte sie es. Immer wieder lud sie ihn ein, sich mit ihr und ihren Freunden zu treffen. Sie wusste, dass er sich oft einsam fühlte. Aber sie verstand auch seine Angst.

Er wusste nicht, was er tun wollte. Deshalb atmete er tief aus und lauschte dem Pfeifen der Vögel und dem Brummen der vorbeifahrenden Autos. Auch das Maunzen einer Katze vernahm er. Das war sicher Figaro, schätzte er. Der schwarze Kater schlich zu ihm und miaute.

Gáspár stöhnte auf. „Bitte nicht!“ Er hatte schon so eine Vorahnung, was der Kater ihm mitteilen wollte. Gáspár stand auf und ging zum Haus.

Vor der Haustür lag eine tote Maus. Die Bissspuren, die Figaro ihr zugefügt hatte, waren blutig. Der Kopf der Maus war verdreht, vermutlich vom vielen Schütteln. Figaro schlich um Gáspárs Beine und schnurrte. Gáspár warf dem schwarzen Kater einen bösen Blick zu.

„Ich verabscheue deine Geschenke zutiefst“, knurrte er und schaute den Kater an. „Das da“, er zeigte auf die tote Maus, „kannst du dir sparen.“ Er ging in die Hocke und streckte die Hand aus, um Figaro zu streicheln. Sein Fell sah so weich aus. Es würde sich bestimmt schön anfühlen, aber dann dachte er wieder an all den Dreck, der im Fell sein könnte. Also scheuchte er den Kater fort. Mit einem Blick des Bedauerns legte er sein Buch auf die Treppe, die zur Haustür führte.

Gáspár ging in den Schuppen, um eine Kehrschaufel und einen Besen zu holen. Es schüttelte ihn, als er wieder vor der Mäuseleiche stand. Er wollte ihn nicht entsorgen, aber seine Vermieterin würde es nicht tun. Frau Bogner war eine kleine, alte Frau. Sie lebte mit ihrem Kater Figaro im Parterre. Mit dem Bücken hatte sie ihre Schwierigkeiten, weswegen er immer Figaros Geschenke entgegen nehmen musste. Sie hingegen ließ ihm sonst jeglichen Freiraum.

Gáspár ging in die Hocke und betrachtete das Tier. Es sah friedlich aus. Warum aber wagte er es nicht, es anzufassen? Er stellte sich vor, wie die Bakterien und Pilze schon dabei waren, es zu zersetzen. Wie Larven sich später durch das verrottende Fleisch fraßen. Gáspár verzog das Gesicht zu einer Fratze. Er spürte einen Klumpen in seinem Hals und wandte den Blick von dem Tier ab.

Ich glaube, dachte er, wir finden nicht das Tote abstoßend. Tote Materie ist ja nichts anderes als ein Gegenstand, wie ein Tisch oder ein Stuhl. Aber das Tote ist nicht nur tot: Es wimmelt darin von Leben, von Bakterien und Insekten. Es ist das Lebendige im und am Toten, das uns abstößt.

Aber aufgeräumt musste werden. Er kehrte die Maus auf die Schaufel und warf sie in den Mülleimer. Dann ging er zurück zu seinem Buch. Ein freudiges Hallo holte ihn aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Er drehte sich zu der Stimme. Sara strahlte ihn an.

„Hat Figaro wieder Geschenke hinterlassen?“, lachte sie.

„Ja. Schrecklich. Du weißt, ich mag Katzen. Zulegen würde ich mir aber keine.“

Sara strich ihm über den Arm. „Nur weil du dich so vor Lebendigem fürchtest.“

„Tu ich gar nicht“, widersprach er. Er war zusammen gezuckt, obwohl er die zarte Berührung ihrer Hand sehr genossen hatte. Sie war warm gewesen. Mit sanftem Druck.

„Kommst du nun mit zum See?“, fragte sie grinsend.

Er riss die Augen auf. „Ich weiß nicht … Ich glaube, das wird mir zu viel.“ Gáspár strich sich mit beiden Händen durch die Haare. In seinem Kopf baute sich eine Spannung auf.

„Irgendwann musst du dich den Menschen mal stellen. Du kannst doch nicht dein Leben nur in der Arbeit und in diesem Haus verbringen. Es sind auch nur zwei andere dabei.“

Als Gáspár nicht auf ihre Worte reagierte, versuchte sie es noch einmal: „Bilbo ist auch nicht daheim geblieben.“ Sie zeigte auf das Buch, das er auf die Treppe gelegt hatte. „Er ist mit den Zwergen ins Abenteuer gegangen.“

Er schnaufte. „Bilbo hatte aber auch ein Schwert.“ Er schüttelte den Kopf. Allein der Gedanke daran, dass er mit der Welt, dem Leben, der Menschen in engerem Kontakt treten könnte … Zwei Menschen in seinem Leben waren doch ausreichend, oder nicht?

Und wenn er mitginge? Saras Freunde würden ihn abschätzend ansehen. Er spürte ihre Blicke auf seiner Haut jetzt schon wie die Blasen, die er von der Sonne bekam. Sie würden über das Wetter reden. Denn sie würden sich nicht für ihn interessieren. Welches andere Thema könnten sie dann schon wählen?

Er hob das Buch auf. „Aber er war nicht allein. Er hatte ein Schwert. Wie soll ich denn kämpfen? Ich habe kein Schwert, keine Waffen wie die Figuren in den Büchern und Filmen“, entgegnete er und wedelte mit Buch in der Hand. „Was ist denn mein Schwert in diesem Leben?“

„Die Zuversicht“, sagte Sarah. „Der Glaube daran, dass es gut werden wird.“ Dann nahm sie ihm das Buch aus der Hand und legte es weg. „Beschützen kann ich dich nicht, aber ich kann dir helfen. Ich kann ein Stück mit dir zusammen gehen. Und wenn es schlimm ausgeht, dann bin ich für dich da. Du musst es nur tun. Du musst nur gehen.“

Er dachte an all die Sorgen, die er sich schon seit seiner Kindheit machte. Was würden die anderen über ihn denken? Was, wenn sie ihn ablehnten? Wie die Kinder im Hort oder in der Schule? Konnte er mit einer weiteren Enttäuschung leben? Konnte er wirklich hoffen? Zuversichtlich sein?

Aber: Vielleicht waren diese Fragen nicht wichtig. Vielleicht musste man es einfach tun. Wie Sara gesagt hatte: einfach nur tun, einfach losgehen – und vielleicht würde es gut werden.

Er spürte, wie Figaro sich wieder an seine Beine schmiegte. Vorsichtig ging er in die Knie und streichelte den Kater – zum ersten Mal. Dann richte er sich wieder auf und nahm Saras Hand. Er drückte sie fest, dann nickte er. „Lass uns gehen.“

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