Teigmännlein

von Sophia Thomsen.

In meiner Welt gibt es nichts, was irgendwem von Nutzen sein könnte.

Kinderschuhe aus Zeitungspapier.

Eine Krone aus Angelschnur.

Ein Grillhähnchen aus Wachs.

Dazwischen zerfällt ein Nachtfalter.

Das ist unsere lange Straße.

Vor den verstaubten Auslagen sitzen die Händler und halten untätig ihre schlanken Hände im Schoß gefaltet. Die Gesichter haben sie der Sommerstille zugewandt. Mit leeren Mägen drückt sich die Kundschaft an den Häusern entlang und kauft nicht.

Eine winzige Karawane aus Feuerkäfern kreuzt.

Ich taste nach den goldenen Zähnen in meiner Jackentasche.

„Die habe ich mir aufgehoben“, hat die Alte gesagt, und freundliche Gedanken legten sich als Blütenstaub auf ihre Schultern. „Jetzt brauche ich sie nicht mehr“. Dann hat sie die Zähne vorsichtig aus ihrem Gebiss gelöst und mir gegeben und mich mit schwarzen Lücken angelächelt. Und dann war sie nicht mehr da.

Am Ende der Straße, noch vor der Stadt, befindet sich das Feld. Träumende Schmetterlinge bedecken die nackte Erde und die vertrockneten Sträucher. Im Schlaf rascheln sie leise wie Papierscherben. Weiß erstreckt sich die Fläche bis zu den ersten Häusern der Stadt. Dort gibt es Brot.

Vorsichtig

setze ich

Schritt vor


Schritt

und


träumend


geben


sie  mir


den  Weg


frei


und rücken hinter mir wieder zusammen. Wie ich zum Markt komme, hat mir die Alte gut beschrieben. Ich zwänge mich zwischen Mänteln und Hüten hindurch und höre:

tsk tsk Zigaretten… ksch ksch Zucker… ks ks Schokolade…

So zischelt es aus dem Dunkeln, aus Hauseingängen, aus Kellerfenstern, aus Mauerlöchern. Auf dem Markt gibt es alles, und alles wechselt den Besitzer. Eine goldene Uhr gegen Zigaretten. Ein Ring mit einem grünen Stein gegen ein Glas Marmelade. Eine Geige gegen ein Stück Seife.

„Brot“ flüstert es aus einem Winkel. Da hockt eine mit einem Bündel auf dem Schoß und lässt das Weiße ihrer Augen blitzen. Die hat wohl meine Goldzähne klappern gehört. Sie öffnet das Bündel nur so weit, dass mir der Duft der schwarzen Rinde den Mund wässrig macht. So ein Brot haben! Und ich sehe mich mit dem Laib unterm Arm über das weiße Feld gehen, die lange Straße hinunter und die Stiegen hinauf und dann die Gesichter! So ein Brot halten, so ein Brot essen.

Eine Kralle streckt sich mir entgegen und ich greife in die Tasche und mit Schrecken ertaste ich nur noch einen Zahn. Er liegt in seinem Nest aus Lebenslinie und Herzlinie, eine kleine schimmernde Knospe. Sie greift ihn heraus aus meiner Innenhand und hält ihn vor eine Nase, und zwei trübe Augen schauen ihn an.

„Das ist Blei. Was soll ich mit Blei für mein schönes Brot.“

Tsk tsk… kommt es da aus dem Kohlenschacht. „Brot kriegt du dafür nicht“, sagt die Frau und tritt so fest mit der Hacke gegen das Kellerfenster, dass die Scheibe klirrt.

Man winkt mich die Treppe hinunter.

Unten hantiert jemand in der Dunkelheit, das Kellerlicht schält mal einen Arm heraus, mal ein Stück vom Gesicht. Oder den gebeugten Rücken. Als ich ihm den Zahn gebe, ist jeder Goldglanz verschwunden. Es ist wohl doch nur ein Zahn aus Blei.

Eine bloße Hand greift in den Bottich und nimmt einen Batzen Teig. Man lässt mich das Hemd ausziehen und klatscht ihn mir zwischen die Schulterblätter, dass sich alles zusammenzieht von der feuchten, kalten Berührung. Jemand verstreicht mir die Masse über den ganzen gebeugten Rücken bis zu den Seiten. Ein einzelner Tropfen rinnt mir runter bis zum Steiß. Man batzt mir eine Handvoll Teig auf die Brust, verschmiert sie über den Solarplexus bis runter zu den Schamhaaren. Da steh ich im Teig, und der Teig formt ein Negativ meines Körpers. Meine Gänsehaut als winzige Krater, Härchen als Risse, Rippenbögen als Gewölbe und der Bauchnabel als Pfropf.

Ich knöpfe mich wieder zu und trage zwischen Stoff und Haut eine Rüstung aus Teig.

Als ich zum Feld komme, rascheln die Falter unruhig im Traum. Sie erheben sich schlafwandelnd von der kahlen Erde, formen in der Luft ein Banner und hüllen meinen Kopf in eine Wolke aus Flügelschlägen. Unbewusst tasten sie nach mir, aber noch ist meine Angst unsichtbar. So können sie mich nicht finden. Ich gehe sacht. Der Schweiß sickert mir in den Teig. Mein Herzschlag reißt winzige Risse hinein. Der Schwarm verdeckt meine Sicht, verschließt mir Ohren und Nasenlöcher, und

mit angehaltenem Atem

durchquere ich schnell

das Feld von Faltern

bis ich endlich meinen Fuß auf die lange Straße setze und mich auf den Weg nach Hause mache.

Da sitzen meine Geschwister. Ich kann ihre Sorgen sehen – grau und dicht wie Ascheregen umschwirren sie ihre Köpfe. Ich bringe Teig an meinem Körper.

Wir haben noch einen Stuhl. Wenn wir ihn zerschlagen, ihm die Beine rausreißen, die Rückenlehne zersplittern und die Sitzfläche zerbersten, dann haben wir genug Hitze für ein Brot.

Und die Großmutter schabt den Teig ab von mir, bis in die letzte Halsfurche und das letzte Fältchen und spuckt dann hinein und knetet das Männlein, und als es fertig ist, setzt sie es auf den letzten Stuhl.

Als wir uns an ihm sattgesehen haben, stellen wir ihm Fragen.

„Teigmännlein, Teigmännlein, warum weinst du nicht?“

„Ich habe Salz, aber keine Tränen.“

„Teigmännlein, Teigmännlein, warum lachst du nicht?“

„Wenn ich lache, bekomme ich Risse und muss zerspringen. Ich gebe Acht auf mich.“

So sitzen wir vor leeren Tellern und hören dem Teigmännlein zu, und es erzählt und erzählt.

Und als wir uns mit schmerzenden Bäuchen in die Betten legen, da lauschen wir ihm weiter, wie es in die Dunkelheit hinein Geschichten spinnt, bis endlich um die Köpfe meiner Geschwister Träume wie Blütenregen kreisen, rosig und schillernd und duftend.

So ist das Teigmännlein einer von uns geworden.

Es kann Kränze aus Gänseblumen flechten.

Es fädelt Schnürsenkel zwischen den Fingern hindurch und spielt mit uns ein Spiel.

Es knotet ein Lumpenpüppchen.

Aber Freude füllt keinen Magen, und so sitzen wir nach einigen Tagen wieder da und schauen das Teigmännlein mit großen Augen an. Schwarze Angst umflattert uns wie ein Krähenschwarm, verdunkelt die Stube und nimmt uns den Atem.

Da fühle ich ein kleines Gewicht im Taschenfutter. Dort hat sich der zweite Zahn verfangen.

Ich werde noch einmal gehen.

Ich werde die lange Straße entlang gehen, auf das Feld zu. Da nehme ich eine feine Bewegung am Rande meines Gesichtsfeldes war. Jetzt endlich schwirren auch um meinen Kopf Gedanken.

Und schon von weitem sehe  ich, dass

die

Schmetterlinge

erwacht

sind

und

sich

heben

.

Photo by Ksenija Čunichina from Pexels

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Eine wirklich wundervolle Geschichte!

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    1. Sophia Thomsen sagt:

      Dankeschön!

      Gefällt 1 Person

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