Weihnachten vielleicht allein

von Verena Ullmann

Sie nimmt am Esszimmertisch Platz. Ihre bordeauxrot lackierten Nägel klappern auf der Tischplatte. Der Steinboden glänzt unter ihren Stilettos. Das Feuer im Kamin taucht den Raum in ein zauberhaftes, weiches Licht. Frank Sinatra beginnt im Wohnzimmer zu singen, kleine Glöckchen erklingen … alles ist perfekt für ihre kleine Weihnachtsfeier, stellt sie fest. Worauf also warten? Sie öffnet den Merlot, schenkt ein, schwenkt das Glas und begutachtet die rosaroten Schlieren. Sie nippt und lächelt. Wie sie diesen Wein liebt! Eine samtige Bitterkeit legt sich um ihre Zunge. Auch die Kaviar-Kanapees schmecken vorzüglich. Das Steak ist zart und saftig. Zum Dessert gibt es Mousse-au-Chocolat mit Zimt. Sie weiß, wie sehr er Zimt liebt. Ihr Geschenk für ihn liegt auf dem Sideboard bereit, zwischen den sorgfältig arrangierten Tannenzweigen und goldenen Glaskugeln. Das tannengrüne Geschenkpapier ist farblich auf ihr Seidenkleid abgestimmt. Sein Geschenk für sie lag bereits letzte Woche vor der Tür und blitzt nun unter ihrem Kleid hervor. Sie tritt ans große Fenster und blickt auf die verschneite Hofeinfahrt. Sie stellt sich vor, wie er seinen Jaguar bis vor die Haustür rollen lässt. Aber der Schnee bleibt unberührt. Sie setzt sich zurück an ihren Platz, zieht mit dem Löffel kleine Furchen in das Mousse-au-Chocolat und schenkt sich Wein nach. Mit der Zunge fährt sie über die rosaroten Schlieren auf ihren Zähnen. Ihre Zehen streifen die Stilettos ab. Ein Glas zwischen den Fingern tanzt sie ein bisschen zu Frank und den Glöckchen. Der Steinboden vor dem Kamin ist angenehm warm unter ihren nackten Füßen. Sie glaubt, ein Geräusch zu hören, tänzelt noch einmal zum Fenster. Nichts. Nur ihre Vorfreude. Sie tanzt allein zum Feuer zurück, legt den Kopf in den Nacken und träumt, er wäre da. Eine Hand um ihre Taille. Eine an ihrer Wange. Vor ihr seine eisblauen Augen mit den tiefen Schatten darunter. Sie setzt sich zurück an den Tisch, genießt das zweite Steak, leckt die blutige Soße vom Teller und öffnet die zweite Flasche Wein. Auch das Mousse-au-Chocolat isst sie restlos auf. Kein Zimt für dich, Liebling. Und schade um die schwarze Spitze, denkt sie sich. Sie schlüpft aus ihrem Kleid und begutachtet ihre neuen Dessous im Spiegel. Er hat wirklich einen guten Geschmack. Sie reißt sich ihre Echthaarwimpern von den schweren Lidern und lacht über ihren verschmierten Lippenstift. Sie dreht die Musik lauter, schenkt sich Wein nach, prostet Frank zu und singt mit ihm das nächste Lied. Sie lässt sich auf die Ledercouch fallen. Schläft ein. Um Mitternacht klingelt es an der Tür. Das Beste hast du leider verpasst, denkt sie sich. Sie torkelt in Richtung Flur, zieht ihren Kimono über, fischt im Vorübergehen das Geschenk vom Sideboard, wischt sich die Haare aus dem Gesicht. Der Wind drückt tanzende Schneeflocken zur Tür herein, als sie sie öffnet. Da steht er. An seinen Stirnfalten kann sie die ganze Geschichte ablesen. Er konnte nicht früher, seine Frau, sogar die Kinder sind da. Und dann auch noch an Heilig Abend, dass er da überhaupt …

„Sag nichts“, sagt sie und lässt ihn eintreten.

„Frohe Weihnachten, Baby“, sagt er und küsst sie. „Unser erstes Weihnachten zusammen.“ Sein schwarzer Wollmantel ist nass und riecht komisch. Sie möchte ihm auch frohe Weihnachten wünschen, aber dann würgt es sie und das halbverdaute Festtagsmenü ergießt sich über seine Lederschuhe. Nein, es ist nicht er, der da vor der Tür steht. Er kann es nicht sein. Er hatte es die letzten drei Jahre schon nicht geschafft. Er hatte es immer nur versprochen. Genauso wie er versprochen hatte, seine Frau zu verlassen. Der Wind drückt tanzende Schneeflocken zur Tür herein, als sie sie öffnet. Da steht sie, mit Haaren wie ein Engel. Sie hatte sich seine Frau immer kleiner vorgestellt. Unscheinbarer. Aber sie schiebt sie aus dem Weg, stampft mit ihren matschigen Stiefeln in ihr Haus und brüllt:

„Wo ist er, verdammte Scheiße?“

Sie möchte ihr etwas von Hausfriedensbruch hinterherrufen, aber sie könnte mit dem Vorwurf von Ehebruch kontern und für Diskussionen hat sie zu viel getrunken. Also sieht sie zu, wie die Fremde die Badezimmertür und die Schlafzimmertür aufstößt, die Teller auf dem Esstisch mit einem Schnauben kommentiert und ein paar Mal „Wo bist du, Arschloch?!“, schreit. Aber nein, das würde seine Frau nicht machen. Eine solche Frau hätte er nie geheiratet. Der Wind drückt tanzende Schneeflocken zur Tür herein, als sie sie öffnet. Da steht sie und stellt sich vor. „Christiane Bergmann, guten Abend.“

„Guten Abend.“

„Ich suche meinen Mann.“

Ihr Blick fällt zunächst auf ihr verschlafenes Gesicht, dann auf das Geschenk.

„Ach, bei Ihnen ist er auch nicht?“

„Nein.“ Sie beginnt zu zittern in ihrem hauchfeinen Kimono, aber sie möchte Frau Bergmann nicht hereinbitten.

„Dabei war ich mir dieses Jahr so sicher, dass er mit Ihnen feiern würde, nachdem er letztes Jahr schon so nervös war zuhause an Heilig Abend. Machen Sie sich nichts draus! Ich dachte mir schon, dass er wieder eine Neue hat. Ich kann ihm aber das Geschenk gerne weitergeben, wenn sie möchten.“ Nein, nein. Es ist nicht seine Frau, die da vor ihr steht. Die Winternacht saugt die tanzenden Flocken durch den Türspalt zurück nach draußen. Die Tür schließt sich. Die Klingel ruht und schweigt als wäre sie schon lange eingefroren. Der Schnee in der Hofeinfahrt bleibt unberührt. Im Haus singt Frank Sinatra seine Lieder noch einmal von vorne. Im Kamin brennt ein Feuer vor sich hin. Auf der Ledercouch liegt eine Frau in neuer Unterwäsche, träumt und lächelt.  

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anna Neumann sagt:

    Gute Geschichte! Spannend erzählt. Wie ist das Ende?

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    1. Verena Ullmann sagt:

      Dankeschön! Am Ende kommt niemand und alles ist nur ein Traum. Aber vielleicht ist das in dem Fall auch besser so 🙂

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