In einem alten Kleiderschrank

Im Gartenschuppen steht ein alter Kleiderschrank mit Nussholzfurnier. Drei Türen, Klavierband statt Scharnieren, in der Mitte ein blinder Spiegel. Gedrechselte Füße, Wasserschaden. Innen riecht er nach alten Lavendelkissen, die drei Schubladen sind mit geblümtem Papier ausgelegt. Ein Schrank, zu groß zum Zerhacken. Nicht stilvoll genug für die Wohnung. Zu umständlich für den Sperrmüll. Ein Schrank, den man im Regen stehen lässt. Wir haben ihn noch einmal gefüllt, mit geliebten und verdrängten, geschätzten und missachteten, gefundenen und verlorenen Kleidungsstücken.

erinnert von Sophia Thomsen

Wollmusselin, gebügelt und ordentlich zusammengelegt

Meine Oma ließ bei einer alten Schneiderin nähen. Als meine Oma noch dunkle Haare hatte, waren die der Schneiderin schon lange weiß, und ich meine, jemand hätte mal gesagt, sie hätte schon immer für die Familie genäht – für meine Mama, als die noch klein war und für meine Oma, als diese noch jung war und davor für meine Uroma. In ihrer Wohnung in einem alten Mietshaus, in dem es nach Mehlsuppe und Pflaumenkompott roch, musste ich immer ganz gerade stehen, während sie meine Taille maß und mit geschäftigen Bewegungen und Stecknadeln zwischen den zusammengekniffenen Lippen den Stoff an mir zurecht steckte. Ich glaube, sie schneiderte mir zwei oder drei Kleider, bevor sie starb. An eines erinnerte ich mich – altmodischer brauner Wollmusselin mit Streublümchen, kurze Ärmelchen, der Rock in Falten gelegt. Vielleicht aus einem Wollrest, den man herübergerettet hatte aus einer Zeit, in der bürgerliche Familien noch Schneiderinnen besuchten. Ich mochte mein Kleid, aber es bestand schlecht im hellen Licht der achtziger Jahre, in denen die von mir bewunderten Mädchen enge Jeansröcke und getupfte Ballonröcke aus blauem Jersey trugen.

rausgewachsen von Annika Kemmeter

selbstgenäht, Polka Dots auf hellem Grund


Ich drehe den Schlüssel in der Haustür rum und rum und rum. Sie war also tatsächlich abgeschlossen. Mamas Auto stand auch nicht auf dem Parkplatz vor dem Haus. Wie jeden Tag. Bevor ich eintrete, rufe ich trotzdem, sicherheitshalber: „Mama?“ Keine Antwort. Erleichtert schließe ich die Tür hinter mir und renne, meinen Ranzen auf dem Rücken, nach oben. In meinem Zimmer fällt mein Blick auf das Mädchen im Spiegel und ich grinse mich an. Ich komme mir beihnahe heldenhaft wagemutig vor, jedenfalls aber frech. Das Mädchen, dass stets lieb und brav war, habe ich abgestreift wie einen Mantel. Wie eine Schlange habe ich mich gehäutet, halb noch verwundert darüber, was da in mir steckt. Aber ab jetzt entscheide ich über mein Leben! So schrecklich die Szene heute morgen war, so stolz bin ich jetzt auf mich. Ich setze den Ranzen ab, öffne ihn und hole die zerknüllten Kleider hervor. Meine Oma hat sie genäht: einen weißen Rock mit dunkelblauen, großen Punkten. Und ein dazu passendes Oberteil. Mit Kragen. Oberpeinlich. Nie hätte ich gedacht, dass meine Mutter mir diese beiden Kleidungsstücke zuwerfen würde, als ich wie jeden Morgen gequält erklärte: „Ich weiß nicht, was ich anziehen soll!“ Rock und Bluse flogen auf mein Bett. „Das bestimmt nicht! Das zieh ich nicht an!“, habe ich gesagt, doch meine Mutter ist plötzlich wütend geworden und hat mich dazu gezwungen, diese scheußlichen Sachen anzuziehen. Was Selbstgenähtes! In die Schule! Ich war ja schließlich kein Kindergartenkind mehr! Aber sie ist hart geblieben, da konnte ich zetern und schreien. Und dann, kurz bevor ich meine Sandalen angezogen habe, hatte ich den Plan gefasst und in die Tat umgesetzt. Wir waren heute nämlich früh dran! Es konnte klappen. „Habe mein Mäppchen vergessen!“, habe ich gelogen, bin mitsamt Ranzen hochgeflitzt und habe eine Jeans und ein normales T-Shirt in meinen Ranzen gestopft. Und gleich, nachdem Mama mich am Schulparkplatz rausgelassen hat, bin ich in die Schultoilette gerannt und habe mich in der engen Kabine umgezogen. Ich habe mich vor dem Boden geekelt und gleichzeitig ein wunderbares Rauschen im Körper gespürt. Wie im Film bin ich mir vorgekommen. Jetzt schiebe ich den Stapel mit den Pullis ein Stück nach vorne. Ich streiche Omas Genähtes glatt, faltet es ordentlich, lege es ganz hinten an die Schrankwand und schiebe den Pullistapel davor. Ich schließe die Schranktür und besehe mein neues Ich im Spiegel. Es sieht aus wie gestern. Nur ich weiß, dass seit heute Morgen eine schon fast Erwachsene drinnen steckt.

aufgehoben von Elias Vorpahl

für alle Kopfgrößen passend, pflegeleicht

Meinen grauen Schlapphut habe ich zusammen mit Daniel gekauft. Ich war 16, er 15, und in drei Tagen wollten wir zu meinem Onkel nach Ägypten fliegen. Wir fanden es cool für den Trip die gleiche Sonnenbrille und den gleichen Hut zu tragen. Die Sonnenbrille ist längst kaputt, verloren, was weiß ich. Den Hut gibt es immer noch. Schon seit 20 Jahren! Es ist ein verdammt hässlicher Hut. Ich hatte ihn damals ausgesucht. Mir ist lange Zeit nicht aufgefallen, wie hässlich er ist. Trug ihn im Freibad, beim Tennis. Er deckt die Sonne gut ab, sitzt nicht so stramm, wahrscheinlich kann man mit ihm auch angeln. Heute traue ich mich nicht mehr, den Hut in der Öffentlichkeit zu tragen. Nur noch allein im Garten, wenn ich etwas lesen möchte und die Sonne blendet. Wenn es Nachbarn gibt, trag ich das Basecap. Wegschmeißen kann ich ihn aber nicht. Deshalb ab in den Schrank. Ganz nach hinten. In den Freiraum hinter den T-Shirts. Da liegt er gut.

verloren von Verena Ullmann

Bierflecken auf Polyester, für immer verschwunden

Es ist ein pflegeleichtes Standard-Dirndl auf das man nicht besonders aufpassen muss: Schwarzer, synthetischer Stoff, rosa Bordüre, rosa-weiße Blümchen und zartgrüne Blätter und Ranken draufgestickt. Weiße Bluse, rosa Schürze. So hab ich es vor zehn Jahren gekauft. Ich habe auf dem Straubinger Volksfest getragen und auf der Mai-/Herbstdult in Regensburg. Vor allem die Schürze wurde in Mitleidenschaft gezogen. Sie bekam Bier ab, Regen, Sambuca, Ketchup und Tränen. Eines Nachts verschwand sie spurlos. Als ich um drei Uhr früh im Bus nach Hause saß, fehlte sie einfach. Vorher habe ich mir über das Wort „Schürzenjäger“ nie Gedanken gemacht.
  

vergessen von Arina Molchan

zarte Baumwollspitze, Maßanfertigung

Es war kurz vor Halloween und ich hasste Verkleidungsparties. Ich war Studentin, tüchtig-sparsam und lebte seit einem Monat im Ausland aus einer kleinen Reisetasche heraus. In einem Second-Hand-Laden in der zwielichtigeren Gegend der Stadt hing ein rotes Kleid im Schaufenster. Ich wollte etwas kaufen, das sowohl als Kostüm als auch im Alltag herhalten könnte. Deshalb ging ich hinein. Der Boden war mit Teppich verlegt, die Umkleidekabine bestand aus grauen Zeltstoff und auf den vier Metallkleiderstangen hing überteuerter Synthetikkitsch. In einer Ecke aber, auf dem Boden neben blauen, halb ausgeräumten IKEA-Taschen, wölbten sich zwei BH-schalenförmige Hügel aus Hochzeitskleidern. Haufen eins: zehn Pounds; Haufen zwei: dreißig, erklärte der Ladenbesitzer seinem Handy, obwohl ich gefragt hatte. Ich griff hinein und da war es: schmal wie abgestreifte Schlangenhaut, hochgeschlossen, Baumwolle, Spitze. Es war handgenäht – man sah es an den säuberlich gesetzten, aber nie ganz gleichmäßigen Stichen, an der Art der Versäuberung. Es hatte eine Wirbelsäule aus Knöpfen, die nicht zur Zierde da waren. Kein Reißverschluss. Es roch nach Jahrhundertwende und meine Finger schwitzten, als ich vorsichtig hineinstieg – ich hatte Angst es zu reißen. Man sagt ja – Kleider machen Leute – und dieses Kleid machte. Irgendeine kosmische Konstellation aus Zeit und Raum hatte uns zusammengeführt. Es wurde genäht für mich und ich wurde dafür geboren um es hier, in der Zeltstoffumkleidekabine in einer zwielichtigen Gegend der Stadt, anzuziehen. Es passte. Die Länge, die Ärmel, der Brustumfang. Sogar um den Hals schloss es sich so, dass es weder würgte noch abstand. Nur an der Taille ging es nicht zu. Ich bekam die Knöpfe nicht zusammengeführt. Um gute zehn Zentimeter. Ich dachte: Was für ein Mensch hat bitte so eine Taille? Und dann: ein Korsett. Ich starrte mich im Spiegel an, aus der Zeit gefallen, und dachte: Nimms mit. Trotzdem. Dir fällt etwas ein. Und dann: Dreißig Pounds. Drei-ßig Pounds. Seit diesem Tag träume ich einen dunklen, modrigen Traum: Ich träume von einem weißen Kleid, Baumwolle, Spitze, Jahrhundertwende. Es liegt auf dem Betonboden, begraben unter schrecklichen Dingen aus Tüll. Der Raum ist unbeheizt und es schimmelt. Und das alles nur, weil dreißig zu viel war.

gefunden von Lydia Wünsch

ausgewaschener Strick, Markenware

Meine Jacke schaut aus der Tasche heraus. Beziehungsweise würde sie das, wenn eine Jacke schauen könnte. So hängt der Ärmel eben einfach nur heraus. Es ist eine olivgrüne Strickjacke. Sie ist schon recht ausgewaschen, aber immerhin von Calvin Klein. Das Olivgrün macht sich sehr gut auf dem braunen Leder der Tasche. Gefunden habe ich die Jacke in einem heißen Sommer, in einem Straßengraben in der Toscana. Ich stelle mir gerne vor, dass sie einer jungen hübschen Italienerin aus der Tasche gefallen ist, während sie sich gerade an ihren Schatz geschmiegt hat, der auf seinem Motorino viel zu schnell um die Kurve fuhr. Natürlich um sie zu beeindrucken und dazu zu bringen, sich noch enger an ihn zu schmiegen. Wahrscheinlich hat die Jacke auch aus ihrer Tasche herausgeschaut und mit dem Ärmel im Wind gewunken, bis sie herausfiel und im Graben landete. Und jetzt lugt sie aus meiner Tasche und wundert sich, wo sie gelandet ist. Warum da weit und breit kein Schatz ist, an den man sich schmiegen kann? Und vielleicht überlegt sie auch gerade schon, wo ihre Reise als nächstes hingegen wird.

beschädigt von Ina Nádasdy

gepflegt, aber mit einem Brandloch

Vor vielen Jahren habe ich mir einen glänzend schwarzen Morgenmantel gekauft. Er besteht aus 100 Prozent Polyester und ist seidig weich. Ich trage ihn von morgens bis abends, wenn ich zuhause bin. Eines Abends – ich wärmte mich an unserem Pelletofen im Flur – berührte ein Teil des Mantelsaumes die Glasscheibe des Ofens. Der Stoff schmolz sofort zu einem feuerzeuggroßen Loch. Ich ärgerte mich arg. Ich ging doch sonst immer so achtsam mit meinen Sachen um. Und es war – und ist – mir immer wichtig, dass sie so neu wie möglich aussehen.
Ich wusste, dass meine Schwester den gleichen Mantel hatte, ihn aber nicht sonderlich mochte. Ich überlegte, zu tauschen. Warum ein Kleidungsstück behalten, das Schaden genommen hat?
Aber es war eben mein Mantel und mein Fehler. Und heute, wenn ich meinen Mantel mit dem Loch im Saum trage, denke ich gerne an seine Unvollkommenheit.

verschmerzt von Victoria Grader

weicher Kaschmir, Mottenlöcher, voller Katzenhaare

Als ich in London war, habe ich mir einen Kaschmir-Pullover gekauft. Er war cremefarben und wurde in milchig-weißes Seidenpapier eingepackt. Ich wollte ihn für einen besonderen Moment aufheben.

Als ich das Kastaniengranulat geschenkt bekam, wusste ich, noch nicht, dass die Motten das organische Waschmittel lieben würden. Den Pulli habe ich damit nie gewaschen. Aber all die anderen Kleidungsstücke, die unter und über ihm lagen. Als ich ihn das erste mal anziehen wollte, war er bereits durchlöchert. Bis heute kuschelt sich die Katze in die Überreste von meinem besonderen Pulli. Wir hatten ein kurzes Vergnügen.


bewahrt von Alexander Wachter

gebürsteter Stahl, matt-schwarz

In der Nacht vor meinem Auslandsjahr weckte mich mein Bruder. Er legte mir seine Kette um den Hals und umarmte mich. „Sie beschützt dich!“, flüsterte er. „Bring sie mir wieder zurück, hörst du?“ Die Kette bestand aus gebürstetem Stahl, der Kreuzanhänger war silber lasiert.

Ich hielt sie umklammert, als das Flugzeug mich über den Atlantik in die neue Welt trug. An meinem ersten Schultag in der High School gab sie mir Sicherheit, auf dem Winterball den notwendigen Mut für den ersten Schritt. Bei meinem ersten Kuss schwang sie zwischen unseren Körpern, klopfte abwechselnd an ihr Herz, dann an meines.

Ich legte die Kette nur zum Duschen ab, konnte ohne sie nicht einschlafen. Ohne sie fühlte ich mich schutzlos – als würde ein wichtiger Teil von mir fehlen. Wenn ich einsam war, redete ich mit ihr.

Nach meiner Rückkehr in die Heimat gab ich meinem Bruder die Kette zurück. „Hast du sie auch mal angehabt?, fragte er. „Ja, manchmal“, sagte ich.

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