Die Bettlerin

von Ina Nádasdy

Ein junger Mann spaziert über den Stadtplatz. Unter einer Esche sieht er ein kleines, hübsches Mädchen sitzen. Es trägt nur Lumpen am Leib, aber hat eine wunderschöne blaue Kette um den Hals. Das Mädchen hat sie wohl selbstgemacht aus allem, was es bekommen oder gefunden hat. Seine Hände, die bloßen Füße, das Gesicht sind dreckig und beinahe genauso dunkel wie ihre braunen Locken. Das Mädchen streckt die Hände nach Gaben aus. Doch egal, was die Leute ihm geben – Geld, Essen, Kleidung, Dinge – es wirft alles von sich fort und streckt erneut seine Hände aus.

Der junge Mann will dem Mädchen auch etwas geben, er weiß nur nicht, was. Er steckt die Hände in seine Manteltaschen und da fühlt er es. Er geht zu dem Kind und legt in seine Hände ein goldenes Medaillon, welches er von seiner Mutter, die vor einigen Jahren gestorben war, bekommen hat. Es ist das Wertvollste, das er hat. Das Mädchen schließt die Hände darum, zieht diese zu sich und wirft das Medaillon von sich. Der junge Mann nimmt seinen Schatz wieder an sich und zieht seiner Wege.

Am nächsten Tag kommt er wieder zum Stadtplatz und geht zu der Esche, unter der er das Mädchen vermutet. Aber sie ist nicht da. An ihrer Stelle sitzt eine junge Frau. Sie hat die gleichen Lumpen an, wie das Mädchen. Nur an einigen Stellen sind neue Stofffetzen hinzugenäht worden. Sie streckt die Hände nach Gaben aus. Doch egal, was die Leute ihr geben – Geld, Essen, Kleidung, Dinge – sie wirft alles von sich fort und streckt erneut ihre Hände aus.

Der junge Mann geht zu ihr und legt in ihre Hände sein Medaillon. Die Frau schließt die Hände darum, zieht diese zu sich und wirft das Medaillon von sich. Der junge Mann nimmt seinen Schatz wieder an sich und zieht seiner Wege.

Am dritten Tag geht er abermals zu der Esche. Er findet eine alte Bettlerin dort sitzen. Die dunklen Haare sind teilweise ergraut und von einem Kopftuch bedeckt. Ihre Haut im Gesicht, auf den Händen, auf den bloßen Füßen ist faltig und gegerbt. Ihr Blick ist leer. Sie streckt die Hände nach Gaben aus. Doch egal, was die Leute ihr geben – Geld, Essen, Kleidung, Dinge – sie wirft alles von sich fort und streckt erneut ihre Hände aus.

Der junge Mann geht zu ihr und legt in ihre Hände sein Medaillon. Die Frau schließt die Hände darum, zieht diese zu sich und wirft das Medaillon von sich. Und bevor der junge Mann seinen Schatz wieder an sich nehmen und seiner Wege ziehen kann, greift sie nach seinen Händen und hält sie fest.

„So warm“, sagt sie. Und eine Weile bleibt der junge Mann so bei ihr sitzen.

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