Tinnitus und Tartarus

Gerade schiebe ich meine Zehen in die Pantoffeln, als ich es höre: Es surrt in meinen Kopf. Ich sehe mich nach dem Auslöser des Geräusches um. Neben mir liegt meine schlafende Frau, die Fenster sind geschlossen. Ich kontrolliere den Wasserhahn und den Boiler, sie glucksen, aber surren nicht. Am Nachmittag drückt es unangenehm in meinen Ohren, manchmal abwechselnd im rechten, dann im linken, meistens aber in beiden. Meine Frau redet wie in Watte gepackt, das Flügelflatterschlagen ihres Wellensittichs klingt farblos und dumpf. Nur das Surren hallt ungehindert in meinem Kopf.

Zunächst erwähne ich es nicht. Ich lasse meine Frau von ihren Einkäufen und den Sonderangeboten bei Billa erzählen. Ihre Worte sind verzerrt, ich höre ein Säuseln, das nicht zu ihrer Stimme gehört. Die irritierenden Töne verändern sich, werden lauter. Vor dem Einschlafen pfeift es schriller in meinen Ohren als es ihr Vogel je könnte. Ich träume vom Ertrinken, fühle den Druck des Wassers um mich herum. Als ich aufwache, surrt es immer noch. „Frau“, sage ich schließlich. „Ich denke, da stimmt was nicht.“

Wir fahren zum Hausarzt, der uns an den HNO verweist. Ich werde in eine Röhre geschoben, mein Hörnerv wird gemessen. Der Doktor teilt mir die Frequenz des Tinnitus mit sowie dessen Lautstärke. Die Suche nach der Ursache beginnt. Der Doktor vermutet psychischen Stress gepaart mit einer Innenohrentzündung. Gegen letzteres verschreibt er mir Antibiotika und die homöopathischen Medikamente Arnica, Aconitum und Belladonna. Ergänzend bekomme ich Vitamin-C- und Selen-Tabletten und dazu noch Betablocker, welche meinen Blutdruck senken sollen. Als wir nach Hause kommen, liegt der Wellensittich tot in seinem Käfig. Seine Augen sind geweitet, sein Schnabel geöffnet. Ich höre seine schrillen Rufe, obwohl sich die kleine Brust nicht hebt. Wir beerdigen ihn im Garten.

Meine Frau redet lange mit dem Arzt; sie stellt meine Ernährung um. Wir setzen entzündungshemmende Wirkstoffe auf meinen Speiseplan, viel Kurkuma und Knoblauch. Auf tierische Fette soll ich komplett verzichten. Salz schadet auch, genauso wie Kaffee und Alkohol. Ich werde zum Kohlrabi-Esser, verzehre mich nach etwas Schokolade, aber bekomme lediglich Grünzeug auf meinen Teller. Zur Durchblutungssteigerung trinke ich viel Ingwertee, meine Frau macht mir Leber- und Beinwickel. Ich zwinge mich, im Intervall zu duschen – erst warm, dann kalt, dann warm, dann kalt, …

Beim nächsten Termin bestätigt der Doktor, was ich schon längst bemerke: „Der Tinnitus ist noch da und sogar lauter geworden. Fast 13 Dezibel.“ Das Pfeifen und Surren ist allmählich ohrenbetäubend. Ich werde auf eine Therapie mit hochdosierten Glukokortikoiden gesetzt. Als das nichts hilft, verschreibt man mir Amitriptylin, ein Antidepressiva und Mittel gegen Langzeitschmerzen. Ich bin nicht depressiv, denke ich mir, und nehme sie dennoch.

Meine Tage werden merkbar kürzer, morgens komme ich nur schwer aus dem Bett, obwohl ich kaum schlafe. Meine Frau durchfrostet das Web nach Möglichkeiten, um mir zu helfen. Sie attestiert mir einen Magnesium-, Eisen- und B12-Mangel und ich füge meinem Vitamin- und Medikamentencocktail drei weitere Tabletten hinzu. Neben der Ernährung sieht sie auch in meinem unsportlichen Lebensstil Grund für den pfeifenden Vogel in meinem Kopf. In meiner Vorstellung sieht er aus wie ihr Wellensittich, aber pfeift lauter und singt grässlicher. Einmal die Woche laufe ich nun Runden im benachbarten Wäldchen. Manchmal ist meine Frau verhindert, dann verbringe ich die Zeit mit einem Buch auf meiner liebsten Sonnenbank. In solchen ruhigen Momenten harmoniert mein Vogel mit dem anderen Gezwitscher um mich herum. In solchen Momenten kann ich vergessen.

Von der besten Freundin bekommt meine Frau den Ratschlag, dass eine Verspannung im Atlas-Halswirbel der eigentliche Auslöser für den Tinnitus sein könnte. Folgsam wende ich mich an einen Physiotherapeuten, der mir Übungen zeigt, an denen ich verzweifle. Mein bequemer Fernsehsessel fliegt raus und wird durch einen ergonomischen Stuhl mit Rutschnoppen ersetzt. Ich darf die Einkäufe nicht mehr selbst tragen.

Mein Tinnitus bekommt offiziell den Präfix „chronischer“. Der Doktor hat keinerlei weiteren Ratschläge für uns. Meine Frau wirkt ausgezerrt und verzweifelt. In einem letzten, verzweifelten Versuch wendet sie sich an ihren Zahnarzt, der ihr bestätigt, dass Fehlstellungen im Ober- oder Unterkiefer zu einer Funktionsstörung des Kiefergelenks und damit zu Tinnitus führen kann. Ich habe eindeutig die Anzeichen eines solchen Fehlbisses. In einer aufwendigen OP werden mir beide Kiefer gebrochen, dazu drei Zähne gerissen und das Gaumenbein angeschliffen. Als ich aufwache, höre ich ein Pfeifen und bete, dass es Vogelstimmen sind, die aus dem offenen Fenster zu mir hereinströmen, aber es ist geschlossen.

Kurz darauf erklärt mir meine weinende Frau, dass sie eine Auszeit braucht. Sie fahre weg mit ihrer Freundin und werde eine Zeitlang Abstand brauchen. Die Umstände seien zu schwer für sie, sie könne mit der Situation, dieser grässlichen Ohnmacht nicht mehr umgehen. Sie geht und ich verharre in meinem ergonomischen Stuhl; nur ich und mein Hochfrequenzsittich bleiben zurück. Kurzentschlossen stemme ich mich hoch, krame meinen Tablettenpackungen aus der Schublade hervor und schmeiße sie in den Müll. Ich gehe in die Abstellkammer und finde eine verstaubte Packung Schokokekse. Ich esse alle auf und eine Leichtigkeit überkommt mich. Ich stelle mich unter die Dusche und genieße das heiße Wasser auf meiner Haut. Ich laufe barfuß durch das Haus, bestelle mir Ente süß-sauer und Frühlingsrollen beim Chinesen und erwarte es kaum, bis der Lieferant eintrifft. Zwischen zwei Bissen halte ich inne. Ich atme aus und ein Wohlgefühl überkommt mich. Zum ersten Mal seit langem höre ich Stille.

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