Das Geschenk

von Lydia Wünsch

Als der Wecker um 6.45 Uhr klingelt, fühlt es sich an wie eine Befreiung. Schon seit zwei Stunden liegt Antonio wach. Aufgewacht aus einem seltsamen Traum, hat er sich hin und her gewälzt und hätte fast Isabell auch noch geweckt. Die Arme braucht ihren Schlaf, denkt er – wobei er Miriam im Kopf hat. Es gibt wahrhaftig weniger anstrengende Dreijährige als sie. Das liegt daran, dass Isabell sie so verwöhnt. Da ist sich Toni sicher. Isabell ist eine ganz andere Mutter als Livia. Irgendwie wirkte Isabell von Anfang an überfordert mit ihrer Mutterrolle. Und das, obwohl sie sich so sehr ein Kind gewünscht hatte.

Bei Livia hingegen war alles wie von selbst gelaufen. Sie besaß einen untrüglichen Instinkt, was ihren Sohn betraf. Antonio konnte sich damals aus vielem heraushalten. Für Livia war es, als würde das Muttersein sie erst zu einem vollständigen Menschen machen. Damals dachte Antonio noch, das wäre bei allen Frauen so. Überrascht hat er dann festgestellt, dass es Isabell nicht gelang, ihr Baby zu beruhigen, wenn es schrie. Stattdessen wurde sie nervös und frustriert, und das schien die kleine Miriam erst recht zu reizen. Immer lauter und fordernder wurden ihre Schreie, nach was auch immer. Dann stritten Antonio und Isabell, was für gewöhnlich damit endete, dass Isabell weinte und Antonio genervt eine Schachtel Zigaretten kaufen ging, obwohl er kurz zuvor aufgehört hatte.

Als Antonio sich in Isabell verliebte, war es wie eine zweite Chance auf Glück gewesen. Heute fragt er sich, was er eigentlich erwartet hat. Warum sollte sich alles ändern, wenn er doch der Gleiche geblieben ist?

Er robbt vorsichtig zum Wecker hin und stellt ihn ab. Isabell wird nun auch langsam wach. „Guten Morgen, Toni“, murmelt sie verschlafen, und Antonio versucht zu lächeln.

***

Morgen ist es soweit. Dieser Gedanke begleitet Antonio während er mit Isabell und Miriam am Frühstückstisch sitzt. Als er später unter der Dusche steht. Und auch noch im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Morgen wird er Livia endlich wieder sehen. Er hat sich den nächsten Tag frei genommen und alles geregelt. Erst wird er mit Livia Frühstücken gehen, danach will er sie in ihrer Wohnung absetzen. Antonio weiß nicht, wie er sich bei dem Gedanken fühlen soll.

Als er den Wagen auf den Firmenparkplatz lenkt, merkt er nicht, dass er vor sich hinmurmelt. „Ach, komm schon! Du musst auch immer alles falsch verstehen“, sagt er plötzlich laut und erschrickt vor seiner eigenen Stimme. Verstohlen blickt er sich um. In Gedanken hat er geprobt, wie er Livia begrüßen will. Wie begrüßt man seine ehemalige Partnerin, die gerade über zwei Jahre im Ausland verbracht hat? Auf einem Selbstfindungstrip wie sie es nannte. Antonio grinst und schüttelt den Kopf. Als wäre sie noch ein junges Ding, in den Zwanzigern. Keine Frau mit einem fast erwachsenen Sohn. Aber so ist sie schon immer gewesen. Unberechenbar.

Aber was soll er morgen mit ihr reden? Er kann sich ja kaum erinnern, wann er zuletzt alleine mit ihr gewesen ist.

Antonio parkt den Wagen und lehnt sich zurück. Für einen Moment schließt er die Augen und denkt nach. Heiligabend vor etwa drei Jahren. Das muss es gewesen sein.

„Ich geh‘ nochmal was besorgen“, hat er zu Isabell gesagt und war losgefahren.

Wenig später hat er in Livias Türrahmen gestanden. Sie hatte das Haar zu einem Zopf gebunden, einzelne Strähnen hingen ihr ins Gesicht, große erstaunte Augen. Wie oft hat sie ihn schon so angesehen? Wie ein Kind, das gerade im Begriff war, die Welt zu verstehen.

„Antonio? Was machst du denn hier? Ist was mit Fabi?“ Dieses Mal sollte ihr gemeinsamer Sohn Weihnachten bei ihm und der schwangeren Isabell verbringen.

„Ne, alles gut. Er hilft Isabell beim Kochen. Ich wollte nur mal nach dir sehen … und dir das hier bringen.“ Antonio zog das Geschenk aus der Jackentasche. Er ärgerte sich darüber, dass er auf einmal so verlegen war. Eigentlich sollte es ganz natürlich wirken. Das hatte er sich fest vorgenommen. Ihm war aufgefallen, dass Livia seit der Trennung immer seinen vollen Namen aussprach. Früher, da hatte sie ihn liebevoll „Toni“ genannt und war ihm schon an der Türe um den Hals gefallen. Warum schmerzte ihre Distanziertheit jetzt immer noch?

„Ist das ein Mitleidsgeschenk oder bin diesmal ich deine heimliche Geliebte?“ Livia lachte und Antonio ärgerte sich noch mehr. Es war doch eine blöde Idee gewesen. Livia wollte und brauchte eben niemanden. Wie hatte er das nur vergessen können.

„Ich wollte dir einfach nur eine Freude machen“, murmelte er. „Ich dachte, weil du so ganz alleine bist an Heiligabend.“

„Ach deswegen“, Livia winkte ab. „Ich bin ganz froh mal meine Ruhe zu haben. Nachher lege ich mich noch in die Wanne und öffne eine Flasche Wein.“

„Na dann. Kannst es ja später aufmachen. Ich muss dann auch wieder los“, sagte Antonio betont lässig und ging weg, ohne Livia noch einmal anzusehen.

Sie mag überhaupt keinen Wein. Dieser Gedanke kam Antonio erst, als er wieder im Auto saß. Schon ein Glas machte sie unerträglich müde. Außerdem hätte ich lachen können, als sie den Scherz mit der Geliebten gemacht hat. War eigentlich ziemlich witzig. Wir hätten zusammen lachen können, statt wieder so auseinander zu gehen. Ich bin ja eigentlich gekommen, um ihr eine Freude zu machen. Stattdessen habe ich sie einfach an der Türe stehen lassen.

Antonio widerstand dem Drang, auf der Stelle umzudrehen und sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Sie zu fragen, was sie heute Abend wirklich vorhatte. Benimm dich nicht schon wieder wie ein Idiot, schimpfte er sich selbst. Dieses Mal wirst du das Richtige tun, sagte er sich und fuhr weiter geradeaus zu Isabell.

***

Livia hatte die Tür geschlossen, nachdem Antonio gegangen war. Sie hielt das verpackte Geschenk in der Hand und
wollte es am liebsten ungeöffnet in den Müll werfen. Warum hat er ihr etwas gebracht? Nur, um ihr indirekt wieder Vorwürfe zu machen? Weil sie nicht daran gedacht hat, ihm etwas zu besorgen? Sie musterte das Päckchen. Es war im Geschäft verpackt worden. Antonio hätte das nie so hingekriegt. Mal davon abgesehen, dass er sich gar nicht erst die Mühe gemacht hätte, ein Geschenk zu verpacken. Wahrscheinlich war er zum Juwelier gegangen. Aber Livia konnte kein Siegel finden.

Sie dachte an die vielen scheußlichen Geschenke, die Antonio ihr schon gemacht hatte. Die schweinchenrosa Sporttasche, der giftgrüne Schal, die kitschige Schachtel mit den aufgeklebten Muscheln. Bei letzterer musste sie widerwillig lächeln. Sie erinnerte sich, wie sie die Schachtel damals erwartungsvoll geöffnet hatte und dann ganz enttäuscht war, weil sie leer war. Sie sah Antonio an, der sie freudig anstrahlte und kapierte dann erst, dass die Schachtel selbst das Geschenk sein sollte. „Ist sie nicht toll?“, fragte er. „Ich habe sie gesehen und wusste sofort, dass ich sie kaufen muss.“

Idiot, dachte Livia nun etwas versöhnter, während sie langsam das Papier löste und feststellte, dass sie Recht gehabt hatte. Antonio war beim Juwelier gewesen. Als sie sah, was in der kleinen schwarzen Schachtel war, schnappte sie nach Luft. Es war die Kette, die die beiden vor vielen Jahren beim Stadtbummel zusammen entdeckt hatten. Livia hatte sie gesehen und gesagt, dass sie so eine viel lieber hätte, statt eines Verlobungsrings. Es war ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen, den Antonio nie verstanden hatte. Zumindest hatte sie das geglaubt.

Livia nahm sie vorsichtig heraus – Eine silberne Kette mit einem fliederfarbenen Edelstein. Sie drehte und wendete sie in ihren Fingern. Sie funkelte und sah einfach wunderschön aus. Livia stellte sich vor den Spiegel und probierte sie an. Es dauerte eine Weile bis sie den kleinen Verschluss greifen und in die winzige Öse stecken konnte. Dann betrachtete sie sich und Antonios Kette. Vorsichtig fuhr sie mit den Fingern über den kleinen Stein. „Ach, Toni“, murmelte sie.

Er hatte daran gedacht. Viele Jahre, eine Ehefrau und ein weiteres Kind zu spät, aber er hatte daran gedacht. 

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