Die Nebenwirkung

von Annika Kemmeter

Als Georg Samba eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Schwarze, muskulöse Stangenarme, zwei Paar; längere, ebenso muskulöse Stangenbeine. Ihm war, als habe er es vorausgeträumt. Gewiss war aber, dass er in diesem Augenblick wach war. Alles war real: Das Gefühl des warmen Kissens unter seinem Kopf, die weggestrampelte Decke, die muffige Luft, auch die detailgetreuen Bilder an der Wand…
Aus dem Bett zu steigen war schwieriger als er es erwartet hatte, denn er war, wie an anderen, üblicheren Morgen auch, auf dem Rücken liegend erwacht. Er versuchte einige Bewegungen, doch ungünstiger Weise waren seine Armgelenke derart angebracht, dass er sich nicht aufstützen konnte. ‚Ich werde mich nie wieder am Rücken kratzen können‘, dachte Georg. Er ließ die sechs Gliedmaße, die er eben noch in alle möglichen und unmöglichen Richtungen zu verdrehen versucht hatte, auf seinen Bauch sinken. Hellgelb war der, doch den Kopf anzuheben, um sich seine Unterseite anzusehen, verursachte ihm unerträgliche Nackenschmerzen. Also ließ er auch den Kopf wieder sinken und blieb erst mal liegen.
So lag er.
Arme und Beine eingeknickt.
Die Augen geschlossen.
Atmete ein und aus.

Er war skeptisch gewesen. Hatte mit Nebenwirkungen gerechnet. Hatte sich vieles Schlimme ausgemalt: Lähmungen, Kopfschmerzen, Schlaganfälle. Man hörte viel. Aber das? Nicht mal auf Telegram hatte er von Fällen wie seinem gelesen. In Gedanken verfluchte er die Spritze und verfluchte die Politik. Wider besseres Wissen hatte er sich ergeben. Und jetzt das?

Doch Rumliegen und fluchen würde ihn nicht weiterbringen.

Georg öffnete die Augen. Oft hatte er Käfer beobachtet, die sich stundenlang auf dem Rücken im Kreis drehten, ehe sie liegenblieben, um schließlich von einem Vogel befreit zu werden. Aber er war im vollen Besitz seiner geistigen Fähigkeiten und die überstiegen die eines gewöhnlichen Insekts. Scharf war sein Verstand wie die Zunge einer Schnecke. Und entschlossen war er auch. Er streckte alle Arme und Beine in die Höhe, schwang sie in Richtung Fenster und dann mit einem Ruck in Richtung Schrank.

Er spürte, wie sein geflügelter Rücken das Bett verließ und wie er auf seinen beiden Beinen landete. Mit so viel Energie hatte er gar nicht gerechnet. Da stand er, aufrecht vor dem Spiegel, und kratzte sich verwundert mit dem Ende des unteren rechten Arms an der lichter werdenden linken Schläfe. Er sah eigentlich aus wie immer. Fast. Er überlegte, ob er einen Frack anziehen sollte, um die Flügel zu verdecken, entschied sich aber dagegen. Die anderen Ungeziefer mühten sich auch nicht mit so etwas ab.

Sein Spiegelbild sah ihn mit feurigen Augen an. Steckte er, Mensch Georg Samba, in diesem Panzer aus Chitin? Oder hatte es schon immer in ihm gesteckt? Hatte eine Spritze genügt, dass es aus der menschlichen Hülle ausgebrochen war wie aus einem Kokon? Freilich, er war kein Reptil, aber obwohl er viel über sie wusste, über die heimlichen Herrscher der Welt, war ihm nicht bekannt, wie die Verwandlung bei ihnen vonstatten ging. Ging es ihnen wie ihm? Georg seufzte. Er wollte sich setzen. Allein, es ging nicht.

Er öffnete die Tür und schlurfte in die Küche. Seine Mutter saß am Tisch und las in ihrem Laptop. „Hol dir deinen Becher bitte aus der Spülmaschine. Ist schon durchgelaufen“, sagte sie ohne aufzusehen.
Georg blieb unsicher in der Küchentür stehen. Vertrugen Ungeziefer Kaffee? Sollte er nicht lieber mit einem Tee beginnen? Jetzt sah seine Mutter doch auf.
„Georg! Zieh dir bitte etwas an, bevor du in die Küche kommst!“
Georg nickte. Er warf seiner Mutter einen ungesehenen, feindlichen Blick zu und verließ die Küche, um sich anzuziehen. Seine Mutter! Wie immer hatte das Schlafschaf auf dem Weg zur Schlachtbank seine Augen geschlossen.

Es gelang ihm, in die Hose zu steigen. Ein Paar Arme blieb unter dem T-Shirt verschrenkt. Er stand in der Küche, trank seinen Kaffee und wartete auf den ersten Befehl.

Image by Med Ahabchane from Pixabay

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