Sommermärchen

von Sophia Thomsen

Über den Strand ausgebreitet lag eine Patchworklandschaft aus Badetüchern.
Sonnenstrahlen krochen über nackte Leiber, kitzelten Schnörkel aus schwarzer Tinte, schlüpften in Drachenmäuler und verweilten auf Lebensweisheiten: 

You’ll never walk alone

Faith Hope Love

Too fast to live, too young to die

Sonnenlicht leckte entblößte Brustwarzen und verfing sich in Brusthaaren, sammelte sich in Bauchnabeln, zuckte erschrocken vor den glatten Flächen der Sonnenbrillen und Piercings zurück, erkundete die kleine Fältchen in Arm- und Kniebeugen, las die Zeitung vom Vortag, die ein Gesicht bedeckte, versuchte den Hut eines Kleinkindes zu lüften und sickerte schließlich in Dekolletés und hinter Hosenbunde.
Die ausgebreiteten Körper hatten die Färbung eines Sonnenaufgangs angenommen, von bläulichem Nebelweiß über Pfirsichrosa zu Krebsrot, eine atmende, von einem Sonnencremefilm überzogene Landschaft.
Ihr Bruder ging voraus, den Eimer mit den letzten Flaschen aus der Hausbar in der Hand, sie trug den pinken Flamingo zusammengefaltet unterm Arm.
„Wie Walrösser“, sagte sie zu seinem Rücken, während sie vorsichtig ihre nackten Fußsohlen in den heißen Sand setzte. Jetzt ärgerte es sie, dass sie die Flip Flops im Haus gelassen hatte.

.
„Hast du die Gashähne kontrolliert?“, fragte er von vorne.


Sie ging in Gedanken noch einmal das Haus ab. Die abgeblätterten Fensterläden waren fest verschlossen, bestimmt. Die Zwischenräume unter den Türen habe ich mit Lumpen verstopft, die Ritzen unter den Fenstern auch. Dann den schmiedeeisernen Schlüssel im Schloss gedreht bis der schwere Riegel hörbar einrastete. Den Schlüssel lag unter der Fußmatte, so wie ausgemacht. Dort würden die neuen Besitzer ihn finden.
Die Katze.
„Hast du an die Katze gedacht?“


Er antwortete, ohne sich umzudrehen. „Hast du schon mal gefragt. Freigelassen.“


Sie hatten ein freies Fleckchen Strand erreicht, direkt am Wasser. Während er den pinken Flamingo ausbreitete, studierte sie die dösenden Menschen. Ein Samurai auf einer nachlässig rasierten Wade, eine Schlange, die sich um Wirbelknubbel wand, die Salzränder eines frischen Sonnenbrandes, ein Totenschädel mit Zylinder. Ich könnte mir auch noch ein Tattoo stechen lassen, dachte sie. Einen Delfin am Knöchel oder eine kleine Palme am Handgelenk. Noch einen Monat. Sie haben gesagt noch einen Monat. Dann müssten wir raus. Heute war der Monat vorbei. Das Haus gehörte jetzt jemand anderem. Die alten Wände aus Naturstein mit dem bröckelnden Putz. Das Unkraut mit den schönen violetten Blüten, das aus den Ritzen wuchs. Sogar die feuchte Dunkelheit im Erdgeschoss, wenn man für den Winter die Läden schloss. Das Haus hatten die Eltern entdeckt, vor vielen Jahren, als die Insel noch kein beliebtes Reiseziel war. Damals hatten sie es noch zu einem Spottpreis erwerben können.


„Wo ist die Luftpumpe?“, unterbrach er ihre Gedanken.


Die Luftpumpe lag vergessen in dem träumenden Haus. Fluchend blies er den Vinylvogel mit dem Mund auf, dann wechselten sie sich ab, immer einer, bis ihm schwindelig wurde, und dann der andere. Der Geruch des Plastiks und das Geräusch, wenn die Luft in die Kammer strömte, hatte etwas von Kindheit. Endlose Sommer, Salzbrise und Wellenrauschen. Eigentlich waren es glückliche Jahre gewesen.
Zum Schluss richtet der Flamingo mit einem Plopp seinen Hals auf und stand stolz am Strand. Sie schoben ihn knirschend über den Sand, dann ins Wasser und warfen sich mit Schwung auf die Badeinsel. Der Flamingo klappte kurz in der Mitte ein und wackelte vorwurfsvoll mit dem Kopf. Kaltes Wasser lief ein und benetzte ihre Hintern und Oberschenkel. Kreiselnd entfernten sie sich vom Strand. Sie paddelten mit den Händen bis sie weit genug draußen waren und die Wellen sie weiter forttrugen, dorthin, wo Himmel und Wasser miteinander verschmolzen.
Das Licht brach ihre Beine im Wasser zu einem bleichen Zickzack, Sonnenflecken tanzten über den Wellen, Salzgeruch. So ungefähr musste sich das Paradies anfühlen. 

„Malibu?“ fragte er und reichte ihr eine Flasche aus dem Eimer. 

Rücken an Rücken saßen sie da, spielten mit den Zehen im Wasser und dachten an die Tiefe unter sich, an Schiffswracks und Fische und Korallen.


„Weißt du noch, wie wir uns betrunken haben und du mir ein Ohrloch stechen wolltest?“ fing sie an, während er Cognac aus der Flasche trank. „Du hast mich den Kopf auf den Tisch legen lassen, zur Sicherheit. Dann hast du die Sicherheitsnadel mit so viel Kraft durch das Ohrläppchen gestochen, dass du mich am Tisch festgenagelt hast. Ich habe geschrien und geblutet und kam nicht mehr hoch. Und du hast zugeschaut und wusstest nicht, was du tun solltest.“ 

Er lachte auf. „Ich hatte eine Riesenangst. Wer hat dich damals eigentlich gerettet?“

Der Piniengeruch blieb am Strand hängen, die Rufe der Kinder waren verklungen, die bunten Rechtecke der Strandtücher zu einer unbestimmten Farbe verblasst. Sie kicherte bei dem Gedanken an die Ohrlochgeschichte und merkte, dass sie schon etwas betrunken war.


„Wir waren doch auf eine bestimmte Art sehr behütet. Aus der Zeit gefallen. Kinder in einer Seifenblase.“


Eine Weile saßen sie da mit leeren Köpfen und tranken und waren froh, dass sie wenigstens an die Sonnenhüte gedacht hatten. Der Strand war jetzt nur noch ein schmaler Streifen am Horizont, der sich mit jeder Welle hob und senkte.

Der Rum aus ihrer Flasche war warm und klebrig.

„Schade eigentlich, das wir keine Eiswürfel dabei haben. Und Gläser.“


„Stell dir vor“, meinte sie, „wir hätten einmal etwas Außergewöhnliches gemacht. So überhaupt, oder aus uns. Ein Jahr in die USA fahren. Trampen.“


„Haben wir doch gemacht. Wie alle anderen auch. Und fotografiert. Weißt du noch? Jakobsweg oder Bolivien oder Vietnam.“

„Warum hat es sich nie wie ein Abenteuer angefühlt?


„Hat es doch, solange man unterwegs war. Zu Hause ist alles so schnell verblasst.“


„Wir hätten etwas Neues tun sollen. Was die Welt verändert. Oder uns. Etwas von Bedeutung.“


„Baum pflanzen, Kinder bekommen.“


„Ich dachte eher was Großes. Für etwas gelitten.“


„Haben wir nicht gelitten?“

„Doch, aber still, so dass man nichts zu erzählen hat. Behütet eben.“

Der Flamingo schwankte auf den größer werdenden Wellen und auf dem Flamingo saßen sie beide, jetzt leicht verschränkt, ihr Kopf auf seiner Brust, unter einem Himmel mit gezupften Wolken und tranken Wodka und Blue Curacao.

„Meinst du, es ist schon Nachmittag? Sie wollten am Nachmittag kommen.“ 

„Weiß nicht. Ich habe mein Smartphone nicht mitgenommen. Hab gedacht, es wird eh nass.“

„Schade. Wir hätten vielleicht doch Fotos machen können.“

„Meinst du, man wird was sehen?“

„Von hier aus? In welche Richtung ist eigentlich der Strand?“

„Keine Ahnung.“

Ein Feuerpilz, das wäre was. mächtige Rußwolken, die die Sonne verdunkeln, heftige Wellen, der pinke Flamingo dazwischen, hin- und hergeworfen wie eine Nussschale. Stühle und Möbelstücke, die durch die Luft geschleudert würden wie zerfetzte Puppenmöbel, dazwischen Glassplitter und Fleischbrocken. Vielleicht würde eine abgerissene Hand neben ihnen ins Wasser klatschen, oder ein Schuh, in dem noch ein Fuß steckte. 

„Meinst du, sie sind schon tot?“

Er zuckte mit den Schultern. Sie reichte ihm ihre Flasche Whiskey. 

„Magst du das noch trinken? Ich glaube, mir ist schlecht.

„Ist dir klar, wie dünn die Atmosphäre über uns eigentlich ist? Und über uns und unter uns ist alles schwarz, und dazwischen ein paar Löcher aus Licht. Planeten, irgendwo in der Ferne. Auf manchen ist Leben, ein paar Farne und Moose, Bakterien. Vielleicht in Millionen Jahren intelligentes Leben. Oder vor Millionen Jahren, aber längst ausgestorben.“

„Glaubst du, jemand wird uns vermissen?“

Und dann schlossen beide die Augen und trieben weiter auf dem pinken Flamingo in die blaue Leere.

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