Brüderchen und Schwesterchen

am

von Ina Nádasdy

In einer Einöde nahe von Ipwisch gab es einen See. Das Besondere an diesem See war seine Tiefe und das einsame alte Holzhaus der Familie Upton. Sie lebte über Generationen dort, bis zu ihren letzten Sprösslingen.

Lavinia und Warren Upton waren Zwillinge. Sie waren in der Blüte ihres Lebens und zu besonders schönen Exemplaren von jungen Menschen herangereift. Besonders an sonnigen Tagen, wenn ihre aschblonden Haare heller wurden, ihre erdbraunen Augen glasig funkelten und ihre zarte, blasse Haut wie Keramik wirkte. Lavinia ging immer voraus, wenn sie ins Dorf gingen, und Warren folgte ihr wie ein Hund. Wenn sie im nächstgelegenen Dorf ihre Einkäufe erledigten, wechselten die Leute allerdings die Straßenseite, sobald sie den Geschwistern entgegen kamen.

Sobald sie ein Geschäft betraten, verfielen die Leute in Schweigen und Bewegungslosigkeit. Sie fürchteten sich vor Warrens Blick, der wölfisch unter seinem langen Haar hervorstach. Er sprach nie ein einziges Wort. Sobald die Geschwister den Laden verließen, bekreuzigten sich die alten Menschen und der Inhaber atmete tief aus.

Hinter ihren Rücken tuschelten die Leute über das Paar. Angeblich schliefen sie zusammen in einem Bett und praktizierten Hexenriten und Zauberpraktiken. Lavinia genoss das Gerede über sie. Zum einen, weil es um sie ging; zum anderen weil die Menschen nicht unrecht hatten. Also verließ Lavinia dann das Dorf mit einem Lächeln im Gesicht und Arm in Arm mit ihrem Bruder.

So auch dieses Mal. Als sie gingen, schmiegte sie sich eng an Warren und war zufrieden.

„Heute Abend“, flüsterte sie ihm ins Ohr, „können wir den Ritus vollenden. Dann bekommen wir endlich das, was uns zusteht.“ Warren grinste sie an und drückte sacht ihre Hand. Sein Zeichen der Zustimmung und der freudigen Erwartung.

Denn die Familie Upton lebte nicht immer in dem Holzhaus am See. Früher gehörte Ihnen ein prächtiges Herrenhaus in Providence. Sie waren eine sehr wohlhabende und einflussreiche Familie. Die Familie fiel in Ungnade wegen Ketzerei und wegen der Tatsache, dass die Familie nie Seitenlinien gebildet hatte. Sie verarmte schließlich, woraufhin sie in das Holzhaus am See ziehen musste. Lavinias und Warrens Eltern sprachen immer von der guten, alten Zeit, als die Familie noch angesehen war und in Wohlstand lebte.

Lavinia und Warren wurden in dem Glauben erzogen, dass der Familie übel mitgespielt wurde und sie ein Recht auf den alten Stand hätten. Warren war es schließlich gewesen, der das alte Tagebuch eines seiner Ahnen fand, in dem von Praktiken und Ritualen berichtet wurde, die Wohlstand und ein langes Leben versprachen. Dafür musste man sich nur an die alten Götter wenden, die sumerischen, die assyrischen, die mesopotanischen. Und das Geschwisterpaar versuchte sich an den Riten, an den einfachen zum Anfang. Sie hielten sich genaustens an die Regeln, an die Strukturen. Und es zeigte bald seine Wirkung. Lavinia und Warren wurden, seitdem sie die Rituale praktizierten, nicht mehr krank. Auch das restliche, angesparte Vermögen ihrer Familie wurde nicht weniger, trotz der Ausgaben.

Jetzt wurde es Zeit, den Ritus zu vollenden. Man musste das opfern, das für einen den meisten Wert besaß: Fetische, Tiere, Kinder. Lavinia und Warren hatten lange über ein passendes Opfer nachgedacht und versuchten über Monate, dieses zu erschaffen.

Sie sprachen nie darüber, zu frevlerisch war dieses Unterfangen. Aber sie konnten es tun und sie würden dafür belohnt werden. So vollzogen sie den Ritus in starrem Schweigen und übergaben ihren Säugling als Opfer an die Erde, nahe des Sees.

Danach saßen sie, wie jeden Abend, auch an diesem Tag am See. Warren hatte ein kleines Feuer entzündet und Flammen knisterten in der kühlen Abendluft. Dem Spiel der Funken und der Glühwürmchen zuzusehen, wie sie um die Wette tanzten, war für das Paar immer eine besondere Freude. Der Duft von verbrannten Buchen- und Birkenholz stieg ihnen in die Nasen und erfüllten die beiden mit süßen Erinnerungen an schöne Zeiten. Wie immmer tranken sie Wasser aus dem See dazu. Es schmeckte weich und süß, aber nicht aufdringlich. Doch heute war es anders. Es war sauer, gab aber keinen anderen Geruch als sonst ab.

Als sie im Mondschein am Feuer saßen und das Wasser tranken, da wurde ihnen plötzlich sehr übel. Warren musste nur einen Blick auf seine Schwester werfen, um zu erkennen, dass es ihr ebenso erging wie ihm. Er packte sie an der Hand und zog sie ans Seeufer. Als sie knietief im Wasser standen, hielt er seine Hände hinein und legte sie, kühl und nass wie sie waren, auf Lavinias Stirn. Sie tat es ihm gleich. Eine Weile standen sie regungslos im See, die Hände einander aufgelegt und warteten, bis die Übelkeit verging.

Was aus den Geschwistern Lavinia und Warren Upton wurde, haben die Dorfbewohner nie erfahren. Wie konnten sie auch? Die Transformation, die das Paar durchlebte, konnte kein menschlicher Geist erfassen. Denn sie waren keine Menschen mehr.

„Se wurd’n riesige Ungeheuer, die wie die Fisch im Wasser schwomm’n“, erzählt der alte Seemann Tilly, wenn er im Wirtshaus sitzt und vom vielen Bier gefährlich auf seinem Stuhl schwankt. Niemand hört ihm mehr zu und trotzdem erzählt er es immer wieder dem Raum.

„Wenn ich’s Ihn’n sag, die Zähne der Ungeheuer war’n spitz wie Nadeln, lang un dünn. Die Haut schuppig un ledrig zugleich. Ich un manch andrer ham die Monster g’seh’n, hat ‚türlich keiner glaubt. Aber der Marsh, was einer der Fischer g’wes’n is, hat erzählt, dass im ganz’n See kein einz’ger Fisch mehr war. Kein Fisch, kein Aal, nich ma mehr Frösche und Kröt’n.

Dann wurd’n auf ein ma Wand’rer vermisst, weil se g’meint ham, se müssen da am See rum spazier’n. Hat ihn’n nich gut getan. Manch ein hat man g’funden, zumindest Teile von ihn’n. Ich sag’s Ihn’n, dicke Zähne ham sich ins Fleisch gebohrt, die ham riesige Löcher zurück gelass’n. Knoch’n, Muskeln un Sehn’n war’n völlig zerdrückt g’wes’n. Das Vieh muss die Leut‘ so g’schüttelt ham, dass se in Teile g’riss’n wurd’n. Das is dann auch mit and’ren Wand’rern und Fischern g’scheh’n.

Aber dann is es passiert: das Wasser, was aus’m See is, hat sich blutrot g’färbt. Hab’s selbst g’sehen! Mit den eig’nen Augen! Eins der Vieher muss das andre g’fress’n ham. Ob’s die Lavinina oder der Warren war … wer überlebt hat, das hat nie nich einer erfahr’n. Klar is, dass eins der Ungeheuer dann ganz allein im See g’wes’n war. Allein in der Tiefe … ‚S muss dann irg’ndwann v’hungert sein.

Ich mein‘, dass das Opfer der beid’n nich groß genug war, un se desweg’n bestraft wurd’n. Wenn man was opfert, dann hat’s wahrscheins nich den groß’n Wert für ein‘ gehabt. Die gute Zeit, nach der se sich so g’sehnt ham, is nich angebroch’n. Glaub’n Se das nich auch?“

Am Ende seiner Geschichte sieht der alte Tilly immer einen der Leute ganz eindringlich an. Eine Antwort bekommt er allerdings nie.

In einer Einöde nahe von Ipwisch gibt es einen See. Die Familie Upton lebte über Generationen dort, bis zu ihren letzten Sprösslingen. Lavinia und Warren Upton waren Zwillinge.

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