Getrieben

von Ina Nádasdy Tag ist’s, als er nach Hause eilt. Unruhe jagt und hetzt ihn. Seine Augen tanzen, sie fangen kein Bild. Sein Blut pulsiert, die Adern zu eng. Alles in ihm ist bewegt und getrieben. Das Räderwerk in ihm dreht durch, nichts ist verbunden und alles geht frei. Dann steht die Zeit wie schwüle…

Aushalten

von Ina Nádasdy Alles zerrt und alles spannt. Ich sitze auf dem harten Boden, gefangen in meiner Ecke, die mich nicht loslässt. Du bist nicht da. Aber doch neben mir. Durch eine Tür getrennt. Dein Rufen lockt, ich darf nicht folgen. Ich seh dich, die Arme verschränkt. Dein Blick ging an mir vorbei. Ich will…

Undine

von Ina Nádasdy „Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas.“ (Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau, 1837) Heutzutage ist das Wasser nicht mehr klar und nicht mehr rein. Es ist grau wie Beton und trüb wie die Plastiktüten, die darin…

Ekel

von Ina Nádasdy Vor Schweiß triefend liegen zwei Bücher offen auf dem Tisch. Biotope aus Blut und Exkrementen, ein einziger Sud. Wie geöffnete Körper mit rissiger Haut liegen sie dort.   Die Körpersäfte fließen als Worte vertraut ins Auge. Natürlich … ehrlich. Sie fühlen sich warm an. Lustvoll, wie eine Ohrfeige, die danach angenehm brennt.

Vermisst mich wer?

Jan sah bereits zum fünften Mal auf die Bahnhofsuhr. Natürlich hatte sein Zug Verspätung. Der eisige Wind machte das Warten nicht angenehmer. Unschlüssig schlenderte er über den Bahnsteig, während er immer wieder auf die Laufanzeige schaute. Er sah sich das Schaufenster des Bahnhofkiosks an. Darin waren Esoterik- und Sprachzeitschriften, Koch-, Back- und Sportmagazine ausgestellt –…

Guinness

von Ina Nádasdy Für »nein« gibt es in der irischen Sprache kein Wort, wie Sie vielleicht schon gemerkt haben, als Sie Iren fragten, ob sie etwas trinken wollten.

Das kopflose Häschen

von Ina Nádasdy Ich liebe Fehler. Ich liebe Unvollkommenheiten, denn sie machen die Dinge besonders. Sie rebellieren gegen Massenproduktion. Sie sind anders und doch wunderschön. Ich liebte sie schon als Kind. Immer, wenn Mama mich zum Gärtner mitnahm, wollte ich verwelkte Primeln und andere Blumen mit kaputten Blüten und zerrissenen Blättern. Niemand würde sie wollen,…

Das Wissen des Teufels

von Ina Nádasdy Was wir wissen, ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. (Isaac Newton) Ich weiß, dass ich nichts weiß.1 Eine sokratische Weisheit, die Christopher nur unterschreiben konnte. Ein Grund mehr, das Angebot des fremden Mannes anzunehmen. Dieser saß in britischer Manier mit überkreuzten Beinen ihm gegenüber und trank schwarzen Tee mit…

Schenk Äpfel mir von aller Art

von Ina Nádasdy Christkind kam in den Winterwald, der Schnee war weiß, der Schnee war kalt. Doch als das heil’ge Kind erschien, fing’s an, im Winterwald zu blühn.* Eine Schneerose blühte am Waldrand, nicht fern vom Moor. Ungewöhnlich, es war doch erst Weihnachten. Elias stand unschlüssig auf dem Weg, starrte auf die kleine, weiße Pflanze…