Das kopflose Häschen

von Ina Nádasdy Ich liebe Fehler. Ich liebe Unvollkommenheiten, denn sie machen die Dinge besonders. Sie rebellieren gegen Massenproduktion. Sie sind anders und doch wunderschön. Ich liebte sie schon als Kind. Immer, wenn Mama mich zum Gärtner mitnahm, wollte ich verwelkte Primeln und andere Blumen mit kaputten Blüten und zerrissenen Blättern. Niemand würde sie wollen,…

Das Wissen des Teufels

von Ina Nádasdy Was wir wissen, ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. (Isaac Newton) Ich weiß, dass ich nichts weiß.1 Eine sokratische Weisheit, die Christopher nur unterschreiben konnte. Ein Grund mehr, das Angebot des fremden Mannes anzunehmen. Dieser saß in britischer Manier mit überkreuzten Beinen ihm gegenüber und trank schwarzen Tee mit…

Schenk Äpfel mir von aller Art

von Ina Nádasdy Christkind kam in den Winterwald, der Schnee war weiß, der Schnee war kalt. Doch als das heil’ge Kind erschien, fing’s an, im Winterwald zu blühn.* Eine Schneerose blühte am Waldrand, nicht fern vom Moor. Ungewöhnlich, es war doch erst Weihnachten. Elias stand unschlüssig auf dem Weg, starrte auf die kleine, weiße Pflanze…

Falsche Gedanken

von Ina Nádasdy Er roch den typischen Chlorgeruch, den er seit seiner Kindheit liebte, und er hörte das Kindergeschrei, das ihn heutzutage verkrampfen ließ. Denn dabei dachte er immer nur an sie. Seinen Stift hielt er so fest, dass seine Hand verkrampfte und die Knöchel weiß hervortraten. Normalerweise lenkte ihn das Schreiben immer gut ab,…

Fremde Heimat

von Ina Nádasdy Wenn ich einmal die Stadt für immer verlassen müsste, würde ich am selben Tag alt … (Antal Szerb) Schon von weitem konnte er die drei Meter großen Buchstaben in sattem Dunkelblau sehen. Das Grundig-Emblem prangte an den Gläsern des Gleishallen-Giebels des Münchner Hauptbahnhofes. Konstantin konnte nie den Grund dafür benennen, aber diese…

Tiefer als der Tod

von Ina Nádasdy Wenn jemand fragt, wo Albrecht steckt, dann ist die Antwort darauf: auf dem Friedhof. Er liegt dort nicht selbst. Auch keine Verwandten von ihm. Sondern es gefällt ihm dort einfach. Dort ist es still. Nichts und niemand regt sich. Seine Freunde wundern sich schon lange nicht mehr darüber. Ich übrigens auch nicht….

Ein gewogenes Leben

von Ina Nádasdy Julian hörte einfach auf zu essen. Er erinnerte sich noch genau an den Tag. Es war ein sonniger Dienstag. Ana war bei ihm gewesen. Sie hatte ihm gesagt, was er tun soll. Dass er jetzt das Stück Pizza weglegen und den Rest wegwerfen solle. Aber so, dass es niemand sieht. Damals war…

Schneeschmelze – Reise mit Hindernissen

von Ina Nádasdy „Raphael? Raphael, hörst du mir eigentlich zu?“ Maggie musterte ihren Mann vom Beifahrersitz aus. „Ja, ich höre dir zu“, stöhnte er. „Ich habe es vernommen. Nächste Woche kommt deine Mutter. Das ist nicht schwer zu erraten, weil sie jedes Jahr zur selben Zeit zu Besuch kommt.“ Raphael starrte weiter auf die Straße…

Tarot

von Ina Nádasdy Salem erinnerte sich noch gut an die jene Nacht. Trommeln und Klimpern. Der Geruch von gebratenem Fleisch, Curry, Rosmarin und Zimt hatte sich auf seine Zunge gelegt, als er dem Platz der Cigány näher gekommen war. Und erst dann hatte er die vielen bunten Zelte und Menschen sehen können. Hugh hatte ihm…