Frontbericht

von Verena Ullmann 4.7. Zwei Monate ist es jetzt her, dass mein Papa gestorben ist. „Gestorben“ sagen sie, umgebracht haben sie ihn. Beseitigt! BESEITIGT! Aber wenn man das laut sagt, sperren sie einen ja ein. Eine ganze Handtasche hab ich, voll mit Beweisen. Versteckt in Papas Waffenschrank: Seine Aufzeichnungen über alles, was uns die Politiker…

Obdach

von Verena Ullmann Fünf Tage lang hatte ich mich eingesperrt – oder ausgesperrt, wie man es sehen mag – und mein Leben auf zwölf Quadratmeter reduziert. Ich versprach mir von der gewonnenen Überschaubarkeit, ganz pragmatisch, eine Vereinfachung meines Lebens. Was für eine naive Idee, denke ich mir inzwischen. Damals dachte ich nicht viel. Ich wollte…

Der verliebte Herr Wunderlich

von Verena Ullmann Eines Frühlings, da hatte ich plötzlich Schmetterlinge im Bauch. Ist doch schön, denken Sie? Also bitte, muss ich einwerfen: Wer hat schon gerne Insekten im Verdauungstrakt. Und wer verlässt sich in so wichtigen Dingen denn bereitwillig auf diese fragilen, unberechenbaren Tierchen, die nicht mehr fliegen können, sobald man der Versuchung nachgibt, mit der…

Vollnarkose

von Verena Ullmann Es fühlt sich komisch an, auf einem Bett durch die Gegend geschoben zu werden, wenn man doch zwei gesunde Beine hat und sich auch sonst recht fit fühlt. Mein verunsicherter Chauffeur sagt nach jeder Kurve bestätigend „So“,  bugsiert mich durch unnötig mitleidige Blicke und parkt mein Bett dann, wie ein Auto vor…

Hinter der Tür

von Verena Ullmann Wäsche aufhängen hat irgendwie etwas Meditatives, denke ich mir. Herausfischen, ausschütteln, aufhängen. Herausfischen, ausschütteln, aufhängen. Herausfischen … Der Türgriff geht nach unten und ich erschrecke mich kurz. Trotz zahlreicher Nachbarn, die ja laut Klingelschild inzwischen hier wohnen müssten, bin ich hier unten noch nie jemandem begegnet. Ich möchte schon freundlich grüßen, da sehe…

Keine 11 Minuten

von Verena Ullmann Verdammt! Aus dem Weg jetzt! In zwei Minuten geht meine S-Bahn, oder in einer?! Wegen euch werde ich sie nicht verpassen, ihr rumtrödelnden Idioten! Aber ihr habt ja auch sonst nix zu tun! Und ich darf dann wieder 20 Minuten rumstehen bei der Scheiß-Hitze und in meinem Anzug verrecken! Auf keinen Fall!…

Katzen im Mondschein

von Verena Ullmann Schwere Katzen warten auf die Sonne. Räkeln sich im Mondschein, wie du dich auf deiner Decke. Kleine Pfützen trinken gierig Regen, als wären sie ambitionierte Kinder der Ozeane. Du fehlst mir wie Toilettenpapier auf dem Rastplatz. Alles ist eklig. Ich will weg. Mich auflösen als Milchschaum in einer Tasse Erinnerungen. Kaffee stinkt…

Was von dir bleibt

von Verena Ullmann Ich gehe auf dem Friedhof spazieren, wie jede Woche, und versuche, Abschied von dir zu nehmen. Dein Name ist nach wie vor in meine Schädelplatte gemeißelt. Nicht mehr so tief, aber ich spüre ihn deutlich genug, wenn er fällt oder einfällt. Deine Fotos sind gelöscht, nicht endgültig, doch außer Reichweite archiviert, direkt…

Schneeschmelze – Der Tag, an dem die Welt aus dem Gleichgewicht geriet

von Verena Ullmann Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem die Welt aus dem Gleichgewicht geriet. Es war an einem Samstagmorgen, kurz nach meinem elften Geburtstag, als mich Vater aus dem Schlaf riss. „Guten Morgen, mein Großer. Wir fahren in den Urlaub! Überraschung!“, sagte er und ich wollte es erst nicht so…