Endstation

von Victoria B. Surren überall, ein bisschen so, als wäre ich im Elektrofachhandel. Tatsächlich aber stehe ich auf einer Brücke kurz vor der Endstation – genauer gesagt, auf den S-Bahngleisen – und breite meine Arme aus. Warte und friere. Ein weihrauchartiger Verbrennungsgeruch liegt in der Luft. Doch das ist vielleicht nur Einbildung, wie wahrscheinlich auch das…

見ず知らずの [mizushirazu no]

von Victoria B. What are you doing? Working?“, frage ich, als wir uns das erste Mal im Flur begegnen. Ich bewohne mein Zimmer schon seit einer Woche und habe dich erst jetzt zu Gesicht bekommen, als du gerade an der Küche vorbei huschen wolltest. Mit der Hand vorm Mund, die Wangen leicht gerötet, peinlich berührt….

Zwischen den Zeilen

von Victoria B. Ich bin mir sicher: Seit dem ersten geschriebenen Wort meines Schriftstellerdaseins teile ich das Zimmer mit einem Plagegeist. Er macht sich ungefragt an meinem Eigentum zu schaffen. Nimmt, frisst, verdaut und spuckt es wieder aus. Die Reste seiner nächtlichen Exzesse finde ich am Morgen unkommentiert vor. Das dramatische an unserer stillen Beiwohnerschaft…

Wiedergeburt

von Victoria B. Nathanael saß vor einer Schoko-Mandeltorte mit 22 brennenden Kerzen und grinste zufrieden in sich hinein. Die Freude dämpfte das Geräusch von Mutters Stimme, die ihm gerade aufzählte, wofür er alles dankbar zu sein hätte. Er nickte, lächelte. Achtete darauf, interessiert zu wirken und spielte ihr den guten Sohn, den er sonst nicht…

Orangenmarmelade

von Victoria B. Das Putzen meines Kühlschranks ist mir zum Verhängnis geworden: Hinter Bergen von Gemüse, fettfreien Magermilchprodukten und dem Räuchertofu habe ich tatsächlich ein Glas Marmelade gefunden. Woher es kommt und was es dort zu suchen hat, kann ich mir schlichtweg nicht erklären. Ich wohne alleine und habe schon lange keinen Besuch mehr gehabt,…

Kristallklar

von Victoria B. „Heute ist ein guter Tag.“ Ich inhaliere von der Pfeife und beobachte, wie die Nacht die Schatten aller Bewohner verschlingt. Eine gierige, dürre Hyäne ohne Skrupel. Von ihren Klauen zerfetzt, werden sie den stinkenden Schlund hinunter gewürgt und anschließend verdaut. Dann verlieren einige ihren menschlichen Teil. In der U-Bahn sehe ich sie fast nur nachts: Gestalten,…

Kernfusion

von Victoria B. „Ich hab die Welt nicht verstanden, also bin ich bei dem geblieben, was mir Spaß gemacht hat.“ Sie sagte die Wahrheit. Das ewige Träumen vom Kosmos hatte sie zur Physik geführt. Ihre Augen wanderten nach oben, zum Himmel. Das Observatorium war zu ihrem liebsten Schlafplatz geworden, weil das überhaupt der einzige Ort…

Das Gesetz der Natur

von Victoria B. Pamiuq zog sich die Schnüre seiner fellbesetzten Kapuze fest um den Kopf. Die Kälte traf ihn nur im Gesicht. Seine Handschuhe und auch seine Stiefel waren gefüttert und schützten ihn vor dem brennenden Eis. Der Mond war hell genug um sich wortlos zu verständigen. Er gab Unalaq und Anuun ein Zeichen, damit…

Die Faser aller Dinge

von Victoria B. Ein Leben wird in Zeit gemessen. Vielleicht kommt sie uns so real vor, weil der Moment, in dem wir sterben müssen, unausweichlich ist. Wir haben gehört, dass sie eine Illusion ist, erzeugt vom Ticken der Uhr, von jedem Korn, das im Stundenglas fällt. Aber sie existiert doch. Der Fluss hat nur eine…