Frontbericht

von Verena Ullmann 4.7. Zwei Monate ist es jetzt her, dass mein Papa gestorben ist. „Gestorben“ sagen sie, umgebracht haben sie ihn. Beseitigt! BESEITIGT! Aber wenn man das laut sagt, sperren sie einen ja ein. Eine ganze Handtasche hab ich, voll mit Beweisen. Versteckt in Papas Waffenschrank: Seine Aufzeichnungen über alles, was uns die Politiker…

Der römische Brunnen und die Liebe

von Annika Kemmeter Es war einer dieser ersten Frühlingstage nach einem entsetzlich langen Winter. Und wie so oft kam er mit voller Wucht, als reiße schon der Sommer die Vorhange aus Schleierwolken auseinander. Am Morgen hatte ich noch geschwankt zwischen Winterjacke und Frühlingsmantel. Nun hing mein Frühlingsmantel über dem Kinderwagen und ich saß in einer…

Oktavarium

Von Martin Trappen Als ich die Augen öffne, sehe ich nichts. Ich wische mit meinen Händen vor meinen Augen, spüre den Luftzug, doch ich kann nichts erkennen. Mein Kopf brummt und meine Gedanken überschlagen sich. Wo bin ich? Ich strecke eine Hand aus und fühle eine Wand. Ich versuche aufzustehen, doch meine Beine geben unter…

Für immer halten

von Arina Molchan Gestern haben wir sie herausgezogen – die junge Frau aus dem Moor. Ihr Arm war in die Torfstechmaschine gekommen – man hatte die Knochen nicht knacken gehört, aber ihre gegerbten Finger auf dem Förderband zucken gesehen, bevor sie im Schlund des Hexlers verschwunden waren. Im Dorf sagten sie, dass sie dem alten…

Vaterseelenallein

von Alexander Wachter „Papa, jetzt bitte wart‘ doch auf mich!“ Er war so weit entfernt, ich sah ihn beinahe nicht mehr. Mein Rücken schmerzte, genauso wie meine Arme. Meine Hände verkrampften sich und meine Beine wurden immer schwerer. Mit jedem zurückgelegten Meter verstärkte sich das Zittern in meinen Muskeln. Ich versuchte mir klar zu machen, dass…

Das kopflose Häschen

von Ina Nádasdy Ich liebe Fehler. Ich liebe Unvollkommenheiten, denn sie machen die Dinge besonders. Sie rebellieren gegen Massenproduktion. Sie sind anders und doch wunderschön. Ich liebte sie schon als Kind. Immer, wenn Mama mich zum Gärtner mitnahm, wollte ich verwelkte Primeln und andere Blumen mit kaputten Blüten und zerrissenen Blättern. Niemand würde sie wollen,…

Sehnsucht nach Menschlichkeit

von Annika Kemmeter Trollen durch die Stadt? Ist es das, wonach dieser Affe sich wirklich sehnt? Das kann nur ein Übersetzungsfehler sein. Seit Tagen habe ich diesen Ohrwurm aus dem Dschungelbuch. Nicht den von Balu und seiner völlig überschätzen Gemütlichkeit. Nein, der swingende King Lui lässt mich nicht los: „Ich würde lieber auch Mensch sein…

Verschlossen

von Martin Trappen Wir saßen gemeinsam auf der Hackerbrücke, dein rechtes und mein linkes Bein aneinandergeschmiegt. Es war ein heißer Sommerabend, unsere Kleidung klebte vom Schweiß des Tages an uns. Eine leichte Brise verschaffte uns Abkühlung. Die Sonne war gerade untergegangen. Unter uns brauste ein ICE durch die Haltestelle. Du sahst nach unten, ich hatte…

Du sagst

von Arina Molchan Du sagst: „Ich unterstütze dich“ und gehst. Ich bleibe alleine auf der Terrasse zurück – über mir die Krähen, unter mir die Regenwürmer. Ich ziehe die Handschuhe an und wühle die schwarze Erde auf, während im Wohnzimmer blaues Licht flimmert. Ich höre von dir den ganzen Abend lang nichts, weil dort die…