Märchen, nachts

von Arina Molchan Ich habe schon immer in dieser Hütte gelebt – wahrscheinlich schon immer. Sie hat schwarze Wände, eine schiefe Tür. Die Dielenbretter sind so morsch, dass sie nachts gefrieren. Tagsüber schmelzen sie und riechen nach faulendem Holz und nasser Erde, riechen wie meine Kleidung, wie meine Haare. Manchmal höre ich ein Herz unter den Brettern schlagen. Vielleicht ist…

Hoch hinaus

von Lydia Wünsch Ich erinnere mich nicht an vieles. Nur eine Sache. Es war das einzige Mal, dass du recht hattest. „Weißt du, es gibt Menschen, die gehen ganz schnell von hier zu ihrem Ziel.“ Du zeigtest mit dem Finger auf einen Punkt, etwa da, wo mein Bauchnabel war und fuhrst eine imaginäre Linie hoch…

Undine

von Ina Nádasdy „Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas.“ (Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau, 1837) Heutzutage ist das Wasser nicht mehr klar und nicht mehr rein. Es ist grau wie Beton und trüb wie die Plastiktüten, die darin…

Der alte Mann

von Martin Trappen Der alte Mann setzte sich an das Bett. Er nahm die Hand der Frau und lächelte sie an. Es war eine leere Geste. Sie lächelte zurück und der alte Mann konnte die Trauer in ihren Augen sehen. Eine Trauer, die er nicht verspürte. Die Frau war ihm fremd. In ihrem Gesicht lag…

Ekel

von Ina Nádasdy Vor Schweiß triefend liegen zwei Bücher offen auf dem Tisch. Biotope aus Blut und Exkrementen, ein einziger Sud. Wie geöffnete Körper mit rissiger Haut liegen sie dort.   Die Körpersäfte fließen als Worte vertraut ins Auge. Natürlich … ehrlich. Sie fühlen sich warm an. Lustvoll, wie eine Ohrfeige, die danach angenehm brennt.

Sportler sein

von Alexander Wachter Beißende Lungen pumpen Kraft in den Körper, während Milchsäuren durch verklebende Faszien stoßen, an schreienden Muskeln ziehen. Auf dem Gesicht drücken sich Stirnfalten über blutleeren Lippen. Endorphine dribbeln, rennen, sprinten über die Kopfhaut, die Wirbelsäule hinauf, die Schenkel hinunter. Erregen pure Lebendigkeit. Und in den Augen ein kleines bisschen Wahnsinn.

wir, jünger

von Arina Molchan Ich erinnere mich: wir, jünger, zwischen unseren Händen die Milchstraße, zwischen unseren Händen nichts. Wie habe ich dich geliebt, damals, bloß durch das Spüren deiner Haut        

Weihnachten mal anders

von Annika Kemmeter Irgendetwas musste wohl in Katharinas Kindheit gründlich schiefgegangen sein. Oder vielleicht war es ererbt, aber Katharina wusste nicht, von wem. Jedenfalls hasste sie alles, was der Norm entsprach, oder genauer hasste sie es, selbst der Norm zu entsprechen. Sie konnte es nicht leiden, wenn sie Erwartungen erfüllte. Sie versuchte stets, die Dinge…

Fußspuren im Schnee

von Victoria B. Es ist ein kleines Holzhäuschen, das auch in Schweden stehen könnte. Die eine Hälfte ist blass-pastellblau. Bohus Blå, Schwedenblau. Im Sommer und im Winter gehe ich daran vorbei, kurz bevor ich den Feldweg verlasse. Aber wirklich weh tut es nur im Winter. Dann denke ich immer, dass wir sehr glücklich geworden wären,…