Märchen, nachts

von Arina Molchan Ich habe schon immer in dieser Hütte gelebt – wahrscheinlich schon immer. Sie hat schwarze Wände, eine schiefe Tür. Die Dielenbretter sind so morsch, dass sie nachts gefrieren. Tagsüber schmelzen sie und riechen nach faulendem Holz und nasser Erde, riechen wie meine Kleidung, wie meine Haare. Manchmal höre ich ein Herz unter den Brettern schlagen. Vielleicht ist…

Undine

von Ina Nádasdy „Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas.“ (Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau, 1837) Heutzutage ist das Wasser nicht mehr klar und nicht mehr rein. Es ist grau wie Beton und trüb wie die Plastiktüten, die darin…

Heimsuchung

von Sophia Thomsen Ein heftiger Regen geht nieder. Auf den Fernstraßen kapitulieren die Scheibenwischer vor den Wassermassen. Er füllt Unterführungen und spült aus den Feldern Schlamm auf die Straßen, beugt die Blätter und drückt das Gras nieder. Knietiefe Pfützen bilden sich auf dem gekiesten Parkplatz vor dem Treff. Regen prasselt auf das Blechdach, lässt die Regenrinne…

Café Friendzone

von Verena Ullmann Noch drei Stationen würde Jakob fahren, Drei noch. Dann würde er sich an den auf der Rolltreppe rumstehenden Leuten vorbei drängeln, zum Café eilen und ihr endlich sagen, was er für sie empfindet. „Nächster Halt: Marienplatz“, vernimmt er in der Pause zwischen zwei Songs. Die Playlist auf seinem Smartphone überlässt er dem…

Das Haus ohne Türen

von Arina Molchan Wir hatten schon von ihr geträumt, noch bevor sie den Weg zum Haus ohne Türen fand. Wir sahen sie kommen, in ihren staubigen Strohschuhen, mit ihren schwieligen Fußknöcheln – wie alle anderen herumziehenden Waisen vor ihr. Nur ein Weg führte zum Haus, vorbei an dem Feld, auf dem die Erde aufgeworfen war,…