Die Legende der O’Keeffe-Zwillinge

von Alexander Wachter Die Familie O’Keeffe besaß bereits seit vielen Generationen ein Anwesen neben dem Lough Inagh [lɒx aɪnᵊ] im Landkreis Galway. Sie waren die Nachfahren eines edlen Familiengeschlechts und über alle Landesgrenzen hinaus für ihren Ehrgeiz und Fleiß bekannt. Die jüngsten Nachkommen der O’Keeffes waren die Zwillinge Darragh [diɹə] and Méadhbh [mef]. Es ranken…

Messertanz

von Martin Trappen   Die Tänzer sie drehen sich leise im Rhythmus Die eintausend Stimmen sie singen voll Freude Im Lichterglanz wirken sie leblos und hager Doch niemand lehnt ab wenn Er bittet zum Tanz Sie tanzen mit Ihm einen Walzer voll Kummer Er kennt keine Gnade – das Ende ist sicher Ein eiliger Schritt…

Was von dir bleibt

von Verena Ullmann Ich gehe auf dem Friedhof spazieren, wie jede Woche, und versuche, Abschied von dir zu nehmen. Dein Name ist nach wie vor in meine Schädelplatte gemeißelt. Nicht mehr so tief, aber ich spüre ihn deutlich genug, wenn er fällt oder einfällt. Deine Fotos sind gelöscht, nicht endgültig, doch außer Reichweite archiviert, direkt…

Prosaplätzchen #2

von Ina Nádasdy Heiligabend stand vor der Tür. Das ganze Jahr über hatte Mira sich darauf vorbereitet. Und jetzt war es da! Das erste Weihnachten ohne Papa. Sie hatte es sich schon gedacht, aber sie hatte nicht gewusst, wie schlimm es wirklich sein würde. So ganz allein in dem Haus. An Weihnachten. Im Advent hatte…

Papà

von Lydia Wünsch   „Als sie ihn abholten, hat sie ihm seine Lieblingssachen heraus gesucht.“ Immer wieder hörte Aldo die Stimme seiner Frau Theresa. Heute Morgen beim Frühstück hatte sie ihm erzählt, dass Fredos Frau ihm sein blau-kariertes Hemd und seine beige Hose von Carlo Colucci hergerichtet hatte, als Fredo vom Bestattungsinstitut abgeholt wurde. Seitdem…

Der Wolf

von Elias Vorpahl „Wenn Blicke töten könnten. Einhundert Messerstiche. Jeden Tag. Tot bin ich trotzdem. Mein Name ist Wolf. Wolfgang, aber die Paar, die ihn nennen, sagen Wolf. Ja, das passt. Der einsame Jäger. Trotzt Kälte und Hunger. Lieblosigkeit. Trotzt Leblosigkeit. Es war ein kurzes Leben: Kindheit. Ich sehe sengend heiße Bolzplätze. Wir spielten trotzdem. Lachen,…

Liebes Leben,

um mir nicht vollkommen nutzlos vorzukommen, habe ich mir heute von der Kellnerin einen Stift und einen Zettel geliehen. Und jetzt schreibe ich diesen Brief an dich. Weil mir sonst nichts Besseres einfällt. Außerdem habe ich sowieso ein paar Fragen an dich. Aber zunächst will ich dir versichern: Ich habe stets versucht, ganz in deinem…

Letzter November

von Verena Ullmann Irgendwann im Oktober hatte sie aufgehört, sich im Spiegel zu betrachten. Der Prozess war nicht aufzuhalten. Das Gesicht zersplitterte nach und nach in Einzelteile, über die ihre Blicke stolperten. Linkes Auge. Rechte Augenbraue. Lippen. Irgendein Nasenflügel. Fremde Wangenfragmente. Blass zu dieser Jahreszeit. Zu viel Arbeit, alles zu schminken, ohne etwas zu vergessen. Das…

Die großen Bäume

von Serina Naß Die Bäume strahlen jene Ruhe aus, die einen erfasst, wenn man durch eine Allee fährt. Die Lichtfetzen sprenkeln den Boden, der Wind verwischt jegliche Form. Frieden breitet sich in mir aus. Diese Ruhe, die einem manchmal kurz vorm Einschlafen gegönnt ist. Wenn die Atmung ohne Anstrengung ganz tief wird und man sich selbst,…