Nachtgesicht

von Arina Molchan   zwei Schritte zur Seite um die Kluft spüren zu lassen im Gesicht schien die Nacht bald würden im Licht der Mondsichel erfrorene Glühwürmchen ihm seine Schulter ins Wanken bringen – er unterbrach mich ließ das Wort leicht gewellt der Mondsichel kräuselte die Fläche geschützt hinter Mauern bewehrt, überspannt   So ist…

Seelenverwandt

von Lydia Wünsch Er hat immer den bequemen Weg gewählt. Im Gegensatz zu ihr hat er nie verstanden, warum man sich das Leben unnötig schwer machen sollte. Aus was für einem Grund, sich selber quälen? Wenn man Hunger hat, isst man doch auch. Wenn man etwas nicht kann, lässt man es eben bleiben. Wenn etwas…

Vier Generationen Unendlichkeit

von Annika Kemmeter Ich kann die Glasmuschel mit einer Hand genau umschließen. Ich habe sie von zu Hause mitgebracht. Meine beste Freundin will nicht mit mir spielen. Ich hänge mich an Mama, aber Mama will zur Arbeit und mich allein zurücklassen. Alles, was ich will, geht nicht. Es ist so schlimm, dass ich weine. Ich…

Zupacken

Nikolai ist kein normaler Mensch. In seinem Inneren schlummert eine Kraft, die Berge versetzen kann. Er muss nur lernen, auf sich selbst zu vertrauen und die Dinge einfach geschehen zu lassen. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Bestimmung

Die Wände zwischen den Welten sind dünn geworden. Wenn man sein Ohr an den heißen Asphalt legt, hört man die Seelen in der Vorhölle miteinander sprechen. Sie flüstern, sie wispern, sie raunen, und manchmal jammern sie.

Käferliebe

von Victoria B. Vor einem Jahr habe ich beim Baden an der Isar einen Käfer gefunden, der nicht mal ein Zehntel so groß war wie mein Daumennagel. Er krabbelte von rechts nach links über den Nagelrand, den ich auf Höhe meines Gesichts bewegte. Das riesige Auge, vor dem er schwebte, versetzte ihn offensichtlich in Panik: Er zog…

Aushalten

von Ina Nádasdy Alles zerrt und alles spannt. Ich sitze auf dem harten Boden, gefangen in meiner Ecke, die mich nicht loslässt. Du bist nicht da. Aber doch neben mir. Durch eine Tür getrennt. Dein Rufen lockt, ich darf nicht folgen. Ich seh dich, die Arme verschränkt. Dein Blick ging an mir vorbei. Ich will…

Häutchen mein Liebchen

von Sophia Thomsen Beim Wasserkraftwerk, unten, wo der Bach ins Tosbecken stürzt, treibt etwas. Es bläht sich auf und schrumpft und wird heruntergedrückt und schnellt wieder nach oben. Eine Art Folie, aber organischer. Ein Riesenkondom, denkt Frau Rettich, und streckt den faltigen Hals noch ein bisschen weiter vor. Zwischen den Wirbeln und Schaumkronen zappeln und…

Das bin dann wohl ich

von Annika Kemmeter „Magen-Darm?“ Mit der Linken hielt ich das Handy an mein Ohr, während ich mit rechts versuchte, Fine einen Löffel Banane-Apfel-Dinkel-Brei in den Mund zu schieben. „Nein, natürlich, du musst zu Hause bleiben“, sagte ich. „Kein Problem, mir wird schon was einfallen … Danke. Und gute Besserung.“ Fine pustete mir den Brei entgegen. …