Leseprobe: Die letzte Flaschenpost

aus dem Debütroman von Annika Kemmeter Als ich mir meinen Weg durch die Bar bahnte, in der Menschen lachten, redeten, tranken, war mir dieser Ort in seinem gewohnt schummrigen Licht, mit seinen gewohnt exotischen Gerüchen und der dumpfen Musik, die die Stimmen untermalte, plötzlich fremd. Dinge fielen mir auf, die ich sonst nie gesehen hatte….

Leseprobe: Am Ende bin ich

aus dem Debütroman von Alexander Wachter Vor 17 Jahren Über meinem Bett hing ein großes Wimmelbild. Ein Wald mit seinen Bewohnern war darauf abgebildet: Ich entdeckte kleine Kaninchen, die neben ihren Eltern hoppelten und deren Namen mich ins Stolpern brachten, sah Dachse aus ihren Höhlen kriechen, noch bevor ich wusste, was ein Dachs war. Ich…

Mehr Raum

von Sophia Thomsen Sabine kämpft sich auf dem Bahnsteig durch, zwischen Cortisonkörpern, lärmenden Jugendlichen und Teenagermüttern. Sie würde sich gerne auf die Bank setzen, aber da stehen schon: eine Handtasche und mehrere Einkaufstüten. Die gehören zu einer älteren Frau mit grauer Raspelfrisur und nachgezogenen Augenbrauen. Die Frau hütet einen kleinen gläsernen Couchtisch – bestimmt zu verschenken,…

Märzgedichte: Dahoam bleim

von Verena Ullmann   I. Dahoam bleim Ned außegeh Bloß außeschaugn Bloß schaugn, nix doa Alloa Woartn Schnaufa Unterdaucha Schloffa Dramma Ois umramma, butzn, woschn und sortiern S’Dahoam verliern Und auße woin Ebs anders woin Oisse woin (Liacht und Luft und Leid) Nix woin derfa Bloß schaugn, nix doa Alloa dahoam Ma seiba bleim  …

Es gibt nur uns beide

von Ina Nádasdy Sie konnte ihn nicht leiden. Außer einer ärgerlichen Last war er nichts. Er tat, was er wollte und entzog sich ihrer Kontrolle. Er roch nicht so, wie sie es mochte. Er hatte so einen käsigen Geruch, der an einen vergammelten Parmesan im Kühlschrank erinnerte. Er passte nicht in die Kleidung, die sie…

Sehr gut, danke

von Verena Ullmann „Und? Hat’s geschmeckt?“ „Ja, sehr gut, danke“, antwortet Marlene der Kellnerin, die jedoch zu sehr mit dem rutschigen Besteck beschäftigt ist, um ihr tatsächlich zuzuhören. Das Fleisch war etwas zäh und die Kartoffeln kalt, aber was solls, denkt Marlene und prüft mit der Zungenspitze ihre Zahnzwischenräume. Es ist immer so viel los…

Ein Tag von höchster Qualität

von Annika Kemmeter Ich erkenne in den Wolkenformationen einen Engel. Ein Augenschlag und er verfliegt, verwischt, verschwindet. Ich habe ihn dir nicht zeigen können. Ist er überhaupt da gewesen? Stille trotz Radio. Einmal sage ich zaghaft deinen Namen. Der Hall huscht in die Sofakissen, schmiegt sich in den Teppich, kriecht unter die Tapete. Ein Hall…

Das gleiche Ende

von Ina Nádasdy Ich folge ihnen, den roten Rückleuchten, die mir wie Grabkerzen den Weg erhellen. Es sind viele. Niemand weicht von der Straße ab, dem vorgegebenen Pfad. Ich weiß, dass wir alle am gleichen Ende zusammentreffen werden. Die weißen Lichter, die mir entgegenkommen, scheinen mir wie kleine Hoffnungsschimmer. Aber auch sie werden am gleichen…