Sonnenstich

von Arina Molchan Anton und Elias saßen nackt auf der Aussichtsplattform des Baumhauses und starrten auf den Berg am Horizont. Die Sonne knallte auf ihre Schultern und der einzige Schatten hatte sich unter das Blätterdach des schwitzenden Waldes zu ihren Füßen gewühlt. Beide hatten die Augen halb geschlossen, die Schenkelhaut in die Ritzen der Rattanstühle hineingeschmolzen,…

Reißen

von Arina Molchan Ihre Gedanken waren wie ein Klumpen verknoteter Ketten aus angelaufenem Silber: ein unentwirrbares Durcheinander; ein schmutziges, stumpfes Schwarz, weggeschlossen in einer Schädelschatulle und dort vergessen. Sie waren schon vor langer Zeit oxidiert, weil die Wände des Büros schwefelgelb waren; weil die Lüfter der Rechner einen fauligen Atem herausröchelten, der dann durch die…

Tischwolke 7

von Arina Molchan Sie lächelte, und er dachte an Wassermelonenschnitze: Ihre Lippen formten den wunderbarsten Halbkreis und zeigten viel zu viel Zahnfleisch. Sie verdeckte es mit ihren Fingerknöcheln, legte sich die Kirschkernfingernägel an die Zähne und kaute bei dieser Gelegenheit, bis der Lack splitterte und die Nagelhaut blutete. Dann umarmte sie, als wäre nichts gewesen, mit den aufgerissenen Fingern ihr Glas und…

Liebesbotschaft

von Arina Molchan Carolin schloss das Fenster und hängte das rote Bettlaken über die Gardinenstange, um Nico und seinen Traktor nicht mehr sehen zu müssen. Ihr Zimmer roch schon genug nach Gülle – und Nico … er arbeitete bestimmt wieder im Hof, nur um ihr auf die Nerven zu gehen mit seinem Flaum unter der Nase und dem Caro, schau mal,…

Das Haus ohne Türen

von Arina Molchan Wir hatten schon von ihr geträumt, noch bevor sie den Weg zum Haus ohne Türen fand. Wir sahen sie kommen, in ihren staubigen Strohschuhen, mit ihren schwieligen Fußknöcheln – wie alle anderen herumziehenden Waisen vor ihr. Nur ein Weg führte zum Haus, vorbei an dem Feld, auf dem die Erde aufgeworfen war,…

Stumm[el]

von Arina Molchan Auf ihrem Nachttisch schwelte der volle Aschenbecher. Sie lag in der Mulde der Matratze, Sprungfedern in jedem Wirbel, und zerrauchte die karierten Papierröllchen zu Stummeln. Sie waren innen ganz leer, nur Grafit und Luft statt des Tabaks: Liedentwürfe von ihm, dem Mitbewohner mit der immer geschlossenen Zimmertür. Sie inhalierte ihren Sinn und…

Arrogant

von Arina Molchan Ihre Zähne. Von diesem verätzten Weiß, das einem unweigerlich die Frage in den Kopf treibt: „Sind meine Zähne zu gelb? Zu grau?“ Und die Frage: „Leuchten die ihren im Dunkeln?“ Der einzige Makel an ihnen ist das dunkelgrüne Etwas in der Rille zwischen dem Eck- und Schneidezahn, das meinen Kussfantasien im Wege…

Butter & Sprühsahne

von Arina Molchan Sie liebte spitze Bleistifte. Vor allem aber das Geräusch, das kurze Zucken, wenn die frische Mine auf dem Papier brach. Sie schrieb Einkaufszettel damit und Hinweise an sich selbst. Wann, zum Beispiel, Gunther, der Nachbar, abends nach Hause kam. Er wohnte ihr gegenüber und hatte keine Frau. Oder die neuen Nachbarn rechts…