Familienbilder

Wenn wir an die alten Menschen unserer Kindheit denken, erinnern wir uns, wie wir bei ihnen auf dem Schoß saßen und mit dem Finger die Adern an ihren Händen entlanggefahren sind, an das Gebiss auf dem Nachttisch und den vertrauten Geruch ihrer Kleider. Für uns waren sie immer alt gewesen und würden für immer alt sein. Als unser Leben begann, neigte ihres sich bereits dem Ende zu. Von alten Fotos, aus denen junge Menschen herausschauen, Erzählungen, die ein Eigenleben entwickelt haben, Briefen und Tagebüchern und einer Schublade, in der abgegriffene Karten lagen, haben wir uns ein Bild gemacht.

Lebensfreude von Verena Ullmann

Leider war ich relativ klein, als mein Opa Max an Krebs starb, aber Fotos bezeugen: er machte gerne Kopfstand auf dem Hausdach mit dem Kopf im Kamin, war Braut bei der Faschingshochzeit und konnte sich mit der Schiffschaukel überschlagen. Er reiste auch ohne Geld sehr viel, z.B. mit einem Orchester nach New York, obwohl er kein Instrument spielte. Laut meiner Mama war niemand so lustig wie er.

Wagemut von Victoria Grader

Meine Oma war ein Flüchtling aus dem heutigen Tschechien. Ihr Vater, ein ausgezeichneter Konditor und Pferdehändler, hat die Räder einer Kutsche mit Gummi beschlagen und ist so über die Grenze nach Deutschland gekommen. Mit einer List hat er seine Tochter, meine Oma, aus einem Judenhaus in Kassel geholt. Am Ende hat er die ganze Familie wieder zusammenbekommen: Zuletzt fand er seinen Sohn in Neu-Rohlau, nach dessen Befreiung aus dem KZ durch die Amerikaner.
Meine Oma hat mir nicht nur Backen und Kochen beigebracht, sondern auch, wie man seine Geldscheine in einen Mantelsaum einnäht und dass man alle wichtigen Papiere am besten in einem Waschzuber versteckt.

Eigensinn von Alexander Wachter

Frisch verheiratet, mit einem offiziellen Siebenmonatskind im Bauch, zog meine Oma von Norddeutschland in das Dorf meines Opas, das so gar nicht war wie sie. Sie bestand darauf, eine funktionierende Toilette im Haus zu haben und eine ordentliche Badewanne, keinen Trog. Während die anderen Frauen ihre Kleidung am Fluss auf Waschbrettern schrubbten, saß meine Oma Zigaretten rauchend auf ihrer Terrasse und ließ ihre Waschmaschine arbeiten.
Man erzählt sich heute noch, dass sie jeden Sonntag mit ihren vier Kindern im Schlepptau mit Stöckelschuhen in die Kirche stolziert war. Kein Mann hatte sich an ihr satt sehen können. Ihrem eifersüchtigen Mann zuliebe ging sie irgendwann nicht mehr hin.
Von den Frauen im Dorf wurde sie nie gemocht, selbst im hohen Alter nicht.

Bitterkeit von Ina Nádasdy

Ich erinnere mich am meisten an die zusammengekniffenen Lippen meiner Großmutter, die kaum noch sichtbar waren. Sie war eine harte Frau. Abgehärtet durch die Flucht von Rumänien nach Deutschland, ledig und schwanger. Meinen Vater brachte sie 1946 im Lager Dachau zur Welt, von dem man in unserer Familie nur als dem ‚KZ Dachau‘ sprach. Über seinen Vater ist nichts bekannt. Die ganzen Jahre liegen unter einem unendlichen Schweigen und ungesehenem Leid.

Vorsorge von Arina Molchan

Meine Oma konnte nichts wegschmeißen. Zum Beispiel eine alte, hölzerne Brotbox, obwohl man ihr eine neue geschenkt hatte. Sie nutzte die alte so lange, bis der Leim auseinander ging und sie innen morsch gefault war. Aus gerissenen Nylonstrümpfen knüpfte sie kleine Teppiche. Der Kinderbademantel meiner Tante hing am Haken an der Schlafzimmertür, zusammen mit anderen, sinnlos gewordenen Kleidungsstücken. In den Schränken lag originalverpackte Damastbettwäsche und ein zweiter Fernseher stand – noch im Karton – auf dem Boden. Die Spielkarten waren so braun und zerfleddert, dass Bube, Dame, König nur noch als leichte Schemen zu erkennen waren.
Sie hob alles auf – für schwere Zeiten. Zur Sicherheit.

Selbstlosigkeit von Elias Vorpahl

Ich erinnere mich an eine Frau, die nie ein eigenes Auto besaß, nie eine Wohnung oder teuren Schmuck. Bei jedem Besuch gab sie uns Kindern Geld. Aber nicht nur das: Socken (die Guten von Falke), Unterwäsche und neue Pullover. Tante Friedel gab immer alles, was sie hatte. Den Luxus, den sie sich gönnte, war der Urlaub in den Dolomiten: im Sommer drei Wochen Wandern, im Winter drei Wochen Skifahren. Die Stullen packte sie sich ein. Bestellt wurde nur für die Kinder. Als Tante Friedel dement wurde, besuchte ich sie in der Kurzzeitpflege. Es zerriss fast mein Herz, als sie mir zum Abschied ihr Shampoo in die Hände drückte. „Im Leben ist es besser mit warmer als mit kalter Hand zu geben“, hatte ihr Mann einmal gesagt. Eigene Kinder hatten die beiden nicht, obwohl sie es sich gewünscht hätten.

Größe von Sophia Thomsen

Meine Oma war winzig. Wenn sie auf einer Bank saß, baumelten ihre Füße in der Luft wie bei einem Schulkind. Sie wohnte alleine im zwölften Stock, in einer kleinen Wohnung unter dem Dach. Beim Frühstücken saß sie an ihrem Küchenfenster und blickte hinaus auf die Vögel über den Dächern, die Erlöserkirche, weiter hinten den Fluß und dahinter am anderen Ufer die Hochhäuser der Vorstadtviertel.

Güte von Annika Kemmeter

Wenn ich als Kind neben meiner Oma durch die Weinreben spazierte und vor mich hinquasselte, lächelte sie immer. Auf Fragen kam immer dieselbe Antwort: „Still, Kind! Ich muss mei‘ Gebetter verrichten!“ Jeden Tag betete sie für alle Menschen, die ihr wichtig waren. Als wir einmal von der Kirche kamen, hingen mir die Worte des Pfarrers nach: „Aber sag nur ein Wort und so wird meine Seele gesund!“ „Ist deine Seele gesund, Oma?“, fragte ich. Sie brauchte nicht zu überlegen. „Ja, meine Seele ist gesund.“ Sie war die selbstloseste und friedliebendste Person, die ich je kennengelernt habe. Kein Wunder, dass Gott sie schnell zurückwollte.

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