Fischen

von Victoria B. Gegenüber der Mädcheninsel, auf dem Festland von Kadiköy sitzen zwei Männer auf der Steinbrüstung und schauen aufs Meer. Ihre Angelruten sind ausgeworfen und lehnen an der Mauer hinter ihnen. Zafir, der ältere von beiden, hebt die Nase in die Luft, atmet die salzige Brise ein, kneift die Augen zusammen und sucht den…

Erkältungsgedichte

von Verena Ullmann   Selbstbehandlung I bin mei oanziger Patient Bis morgn muass‚ wieder geh Ois ligt etz in meiner Händ Irgendwo lign meine Händ Danebn a Tassn Tee Und braillebedruckte Schachterl Mach i af und zua I les de Beipackzedl Kämpf mid de Beipackzedl Lassts ma doch mei Ruah Sehr häufig schmerzt da Koopf…

Sophie im Hier und Jetzt

von Annika Kemmeter Sophie schlägt die Decke zurück. Es ist 6:30 Uhr, der Wecker hat gepiept. Sie entledigt sich ihres Schlafshirts und zieht die Kleidung an, die sie gestern zurechtgelegt hat: schwarze Unterhose, schmale schwarze Hose. Weißer BH, geblümte Bluse, zartes Jäckchen, dass das Blau der Blumen aufnimmt. Auf die Socken kann sie heute verzichten….

Notizen

von Victoria B. und Elias Vorpahl „Muss: Handyzeit drastisch reduzieren. Maßnahmen: Internetsperre, Passwort per Generator festlegen, nicht notieren. Hintergrundaktualisierung ausschalten. Videoapps blockieren. Mehr Zeit gewinnen!“ Ich schreibe diesen Text auf dem Bett liegend. Das Gesäß drückt in die Matratze, die Ellbogen stützen mich. Der Kopf ist abgeknickt. Der Nacken steif. Das Display vor meinen Augen….

Da versteckte Himme

von Verena Ullmann, frei nach Jules Supervielle   Wenn na koana oschaugt Is da Himme koa Himme mehr Er is wia mia a Wenn uns koana sigt Kriagt a anderne Farb Andre Woikan dazua A Himme fürn Himme alloa Und a Himme wiara wad Wenn na i etz dramma dad

Das Wesen des Trotzes

von Ina Nádasdy „Mach das doch so“, sagst du. Nein, so will ich das nicht machen. Ich schlage das Notebook zu. „Du kannst das nicht“, sagst du. Ja, hat meine Mutter schon gesagt. Ich kann das! Ich weiß, dass ich es kann. Und es ist mir egal, was du erzählst. „Du machst das falsch“, sagst…

Wärmeisoliert

von Alexander Wachter Lombardei März 2020. Überalldiese rastendenTürgriffe, flimmernd gefliest undeingeigeltin Nachrichten serieller Übertragungen,beliefert mit Hilflosenund behüteten Topfmaskenjener Liebkosungenbei denen Flatscreens Energie tanken. Manche erleben ihn,den Wärmemodus,manche nicht. Lattenroste werden gesäubertvon jenen Fieberkissen,die Klopapier auch nicht beruhigt.Zu spät die Hilferufermit Beatmungsgerätenverzweifeln an den Nachleidenarbeitsarmen Zusammenhalts – es bleibt der Abstand.

Märzgedichte: Dahoam bleim

von Verena Ullmann   I. Dahoam bleim Ned außegeh Bloß außeschaugn Bloß schaugn, nix doa Alloa Woartn Schnaufa Unterdaucha Schloffa Dramma Ois umramma, butzn, woschn und sortiern S’Dahoam verliern Und auße woin Ebs anders woin Oisse woin (Liacht und Luft und Leid) Nix woin derfa Bloß schaugn, nix doa Alloa dahoam Ma seiba bleim  …