Die Straße meiner Kindheit

von Sophia Thomsen Meine Straße zieht sich von Süden nach Norden, fast vom Hauptbahnhof weg bis zur schönen weißen Josephskirche mit den grünen Dächern und dem Platz davor. Aber ich kann sie nur andersherum denken, immer von den großen Hausnummern bis runter zur Dachauer. Die Straße hat ein nüchternes Gesicht. Gelbe und grüne Fassaden, schlichte…

Teigmännlein

von Sophia Thomsen. In meiner Welt gibt es nichts, was irgendwem von Nutzen sein könnte. Kinderschuhe aus Zeitungspapier. Eine Krone aus Angelschnur. Ein Grillhähnchen aus Wachs. Dazwischen zerfällt ein Nachtfalter. Das ist unsere lange Straße. Vor den verstaubten Auslagen sitzen die Händler und halten untätig ihre schlanken Hände im Schoß gefaltet. Die Gesichter haben sie…

Halbschatten

von Sophia Thomsen Ein flirrender Sommertag, fast wie ein Trugbild. Die Luft riecht nach Wasser und dem Schatten der Bäume, Mücken schweben über der schillernden Oberfläche des Sees. In Ufernähe tummeln sich Larven und winzige silbrige Fische. Wie eine seltene Brosche hängt die Libelle vor ihm in der Luft, zuckt vor und zurück, schwebt so…

Am Badeplatz

Ein Sommertag an einem wilden, schönen Fluss, der in allen Grüntönen schimmert. Und unter Korbweiden und Buchen ein Badeplatz.

Mehr Raum

von Sophia Thomsen Sabine kämpft sich auf dem Bahnsteig durch, zwischen Cortisonkörpern, lärmenden Jugendlichen und Teenagermüttern. Sie würde sich gerne auf die Bank setzen, aber da stehen schon: eine Handtasche und mehrere Einkaufstüten. Die gehören zu einer älteren Frau mit grauer Raspelfrisur und nachgezogenen Augenbrauen. Die Frau hütet einen kleinen gläsernen Couchtisch – bestimmt zu verschenken,…

Am Schatten amputiert

von Sophia Thomsen Das ist Herr Grünbeck, wie er lässig an der Ausgabe vom Kiosk lehnt, Standbein/Spielbein und mit der Pächterin schäkert. Dabei zieht er ab und zu seine Hose hoch, denn er ist mager und die Hose rutscht. Nachher dann der Herr Grünbeck auf einer Bank im Park, mit der Sommersonne im Genick. Und…

Bunkerkind

von Sophia Thomsen Es war einmal ein Riese, der sah die Welt und weinte. Der weinte Tränen aus flüssigem Beton, und während sie von seinem Gesicht fielen, wurden sie langsam fest. So standen sie dann überall in der Landschaft, halberstarrt, wie seltsame Pilze. Dann kamen die hungrigen Mäuse und fraßen sich durch den Beton, fraßen…

Ich, versunken

von Sophia Thomsen Damals gab es immer etwas zu tun. Ich strich die Tischdecke glatt und polierte das Besteck noch einmal. Ich zog den Zipfel der Tischdecke gerade und rückte den Stuhl zurecht. Der Braten in der Küche stand bereit. Ich ordnete die Gläser anders an, hauchte gegen das Vitrinenglas und rubbelte einen widerspenstigen Fingerabdruck weg….