Sommermärchen

Über den Strand ausgebreitet lag eine Patchworklandschaft aus Badetüchern.
Sonnenstrahlen krochen über nackte Leiber, kitzelten Schnörkel aus schwarzer Tinte, schlüpften in Drachenmäuler und verweilten auf Lebensweisheiten.

Frühstück bei Stefanie

Ein Mann liegt in meinem Bett. Er hat die Decke bis unter die Nase gezogen und oberhalb der Decke blickt er mich erwartungsvoll an. Unterhalb der Decke schauen Tennissocken raus, über den schlaffen Bündchen kräuseln sich dunkle Haare auf bleichen Unterschenkeln. Die mir zugewandten Sohlen sind schwarz vor Dreck.

Sehnsucht nach sich selbst

von Sophia Thomsen Wenn Sidonie abends im Bett lag, zögerte sie den schrecklichen Moment hinaus, in dem sie kurz vor dem Einschlafen zerfließen würde und drängte die Nacht nach hinten. Eingehüllt in ihren Herzschlag und im sanften Licht des Handydisplay suchte sie nach sich selbst, in einer besseren Version. Diese kleidete sie in Träume, hüllte sie…

In einem alten Kleiderschrank

Ein Schrank, zu groß zum Zerhacken. Zu umständlich für den Sperrmüll. Wir haben ihn noch einmal gefüllt, mit geliebten und verdrängten, gefundenen und verlorenen Kleidungsstücken.

Familienbilder

Wenn wir an die alten Menschen unserer Kindheit denken, erinnern wir uns, wie wir auf dem Schoß sitzend mit den Fingern die Adern an ihren Händen entlanggefahren sind, an das Gebiss auf dem Nachttisch und den vertrauten Geruch ihrer Kleider.

Delfter Kacheln

Blau-weiß windet sich
das Treppenhaus, gefliest mit Delfter Kacheln. Ich drehe mich, ich lege den Kopf in den Nacken und die ganze Welt ist zersprungen in tausend winzige Augenblicke, gemalt in Kobalt und weiß.

Mehr Raum

von Sophia Thomsen Sabine kämpft sich auf dem Bahnsteig durch, zwischen Cortisonkörpern, lärmenden Jugendlichen und Teenagermüttern. Sie würde sich gerne auf die Bank setzen, aber da stehen schon: eine Handtasche und mehrere Einkaufstüten. Die gehören zu einer älteren Frau mit grauer Raspelfrisur und nachgezogenen Augenbrauen. Die Frau hütet einen kleinen gläsernen Couchtisch – bestimmt zu verschenken,…

Am Schatten amputiert

Diesen Text auch als Podcast hören! von Sophia Thomsen Das ist Herr Grünbeck, wie er lässig an der Ausgabe vom Kiosk lehnt, Standbein/Spielbein und mit der Pächterin schäkert. Dabei zieht er ab und zu seine Hose hoch, denn er ist mager und die Hose rutscht. Nachher dann der Herr Grünbeck auf einer Bank im Park,…