Frühstück bei Stefanie

von Sophia Thomsen und Victoria Grader

Ein Mann liegt in meinem Bett. Er hat die Decke bis unter die Nase gezogen und oberhalb der Decke blickt er mich erwartungsvoll an. Unterhalb der Decke schauen Tennissocken raus, über den schlaffen Bündchen kräuseln sich dunkle Haare auf bleichen Unterschenkeln. Die mir zugewandten Sohlen sind schwarz vor Dreck. Als wäre er ohne Schuhe gelaufen. Es tut mir sofort leid um mein schönes, frisch gemangeltes Laken. Der Mann muffelt etwas in die Daunen hinein, und als er meinen verständnislosen Blick sieht, schiebt er sie etwas hinunter, gerade so, dass ich seinen klappenden Kiefer sehen kann. „Könnte ich bitte ein Ei haben? Mit flüssigem Dotter aber festem Eiweiß. Außerdem zwei Croissants und einen Milchkaffee. Kann auch Filter sein!“ Ich, noch in der Jacke, lehne mich an den Türrahmen. Ich lasse die Handtasche auf den Boden gleiten und streife die Schuhe dort ab, wo ich stehe, indem ich mit den Fußspitzen kräftig die Fersenkappen herunter trete. Ich bin gerade von der Nachtschicht gekommen. Ich bin müde. Ich will mich ausziehen und duschen. Ich möchte in mein Pyjama schlüpfen und mich in mein Bett legen. Aber dort liegt ein fremder Mann mit schmutzigen Füßen und hat soeben ein Ei bestellt. 

Die Worte liegen mir auf der Zunge. „Was machen Sie in meinem Bett? Wie sind Sie in meine Wohnung gekommen?“ Und: „Hätten Sie vorher nicht wenigstens Ihre Socken ausziehen können?“ Aber aussprechen kann ich sie nicht. Gähnend reibe ich mir die Augen. 
„Pochierte Eier sind mir jetzt zu stressig. Und Croissants hab ich auch keine. Wie wär‘s mit Spiegelei und Marmeladentoast? Kaffee kommt bei mir aus der Maschine übrigens.“

„Gut“, sagt er, ohne lange zu überlegen. Dann verschwindet sein Gesicht wieder unter der Decke. Ich bleibe noch einen Moment an den Türrahmen gelehnt. „Wären Sie so freundlich, Ihre Socken auszuziehen?“, frage ich höflich. Entnervtes Schnauben unter der Bettdecke. Dann schieben sich seine Finger unter dem Deckenrand vor, am Laken entlang, bis sie den Sockensaum zu fassen bekommen und den Stoff über die Füße stülpen. Saubere Nägel, saubere Füße, erleichtert atme ich auf. Ich drehe mich um und gehe in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Auch ich habe Lust auf Spiegeleier. Duschen kann ich ja danach.

Während ich das Frühstück mache, höre ich ihn im Bad singen, Schubert, Winterreise. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, die Tür hinter sich zu schließen. Ich setze den Kaffee auf. Warum mache ich das überhaupt? Jetzt putzt er sich sehr energisch die Zähne. Hoffentlich mit seiner eigenen Bürste. Ich fische ein Stück Eierschale aus der Pfanne. Woher hat er eigentlich den Schlüssel, denke ich, während ich die Brotscheiben in den Toaster schiebe. Vom Hausbesitzer? Ist das ein Versuch, mich zu entmieten? Oder ein Zweitschlüssel vom Vormieter, den er zurückbehalten hat? Aus dem Bad höre ich sein herzhaftes Gurgeln. Während ich den Tisch decke, Orangensaft in Gläser fülle und nach einem hübschen Schälchen für die Marmelade suche, denke ich über Möglichkeiten nach, ihn loszuwerden. Das geht schlecht, weil ich zu müde bin. Meine Gedanken gehen unsortiert durcheinander. Ich könnte ihn freundlich bitten zu gehen. Ich könnte die Polizei rufen. Ich könnte ihm Schädlingsmittel in den Kaffee tun, oder feingestoßenes Glas in den Orangensaft. Dann müsste ich nachher aber putzen. Er hat inzwischen das Bad verlassen und macht sich offensichtlich an meiner Kleidung zu schaffen – ich höre die quietschenden Schranktür und das Klappern der Kleiderbügel. Ich stelle mir vor, wie er sich meine Kleider prüfend anlegt und sich vor dem Spiegel dreht, in meine Schuhe schlüpft, meine Jacken anprobiert. Mir wird heiß. Hass steigt in mir auf. Plötzlich höre ich ein sehr lautes „Rumms“ aus meinem Zimmer.

Jetzt reicht’s. Wütend schiebe ich einen Löffel ins Marmeladenglas, stelle es mit Schwung ab, so dass es in die Mitte des Tisches rutscht. Bevor ich drüben nachsehen kann, was er in meinem Schlafzimmer veranstaltet hat, tritt er in die Küche. „Sieht gut aus“, murmelt er und rückt seinen Stuhl zurecht. „Kann ich schon mal anfangen?“ Ich schlucke. Er sieht eigentlich auch ganz gut aus. Hat lockiges Haar, dunkle Augen, einen markanten Kiefer, Dreitagebart. Trägt definitiv seine eigenen Sachen. Ein gut gebügeltes, weißes Hemd, hochgeschlagene Sommerhosen. Es ist ewig her, dass ich mit einem Mann beim Essen saß. An ein gemeinsames Frühstück kann ich mich nicht mal mehr erinnern, bei all den Nachtschichten. Ich schlucke nochmal. „Meinetwegen…“ Er stößt den Löffel in die Eier, zerteilt sie mit den Kanten, schaufelt sich die Hälfte auf den Teller. Ich schnappe nach Luft. „Auf keinen Fall mit dem Löffel in die Pfanne, sonst geht die Beschichtung kaputt!“, will ich sagen. „Wieso putzen Sie vor dem Essen Ihre Zähne?“, frage ich stattdessen. „Ich warte mit dem Orangensaft bis zuletzt“, erklärt er. 

„Ach so?“

„Genau.“

Ich tue so, als ob das meine Frage beantwortet hätte. Sehe ihm dabei zu, wie er Marmelade auf einem Toast verteilt. Dann setze ich mich auch hin, unterdrücke das Gähnen, greife nach der Kaffeekanne, aber sie ist leer. Ihm ist es noch nicht aufgefallen.

„Wie lange bleiben Sie noch?“

„Gerne noch etwas länger, wenn es Ihnen Recht ist. Sie sind ja selbst kaum da.“

Verwirrt sehe ich ihn an. Woher weiß er das? Ist er vielleicht schon länger mein heimlicher Mitbewohner, der sich heute zu erkennen gibt? So etwas soll’s ja geben. Und ist mir das vielleicht sogar wirklich Recht? Regelmäßig einen gutaussehenden Kerl nach einer Nachtschicht zu bedienen? Nur damit Einer mit mir frühstückt? Ich seufze, aber sage nichts. Nehme einen Schluck Orangensaft. Mein Teller ist immer noch leer.

„Kann ich den Rest von den Spiegeleiern haben?“, fragt er kauend. Ich nicke.

„Klar. Ich habe ehrlich gesagt auch gar keinen Hunger…“ Und duschen will ich auch nicht mehr. Und überhaupt, was soll das? „Ich glaube, ich möchte jetzt einfach ins Bett gehen“, sage ich. Dann stehe ich auf, versuche ein müdes Lächeln. „Ist jetzt ja frei.“ 

„Genau. Tagsüber können Sie das Bett nutzen“, nickt er kulant. Kurz vorm Schlafzimmer drehe ich mich um. „Sie brauchen nicht… kann später dann abräumen…“ Ich höre meine eigene Stimme, als wäre sie ganz weit weg. Dann mache ich die Tür hinter mir zu und lasse mich auf das Bett fallen. Während ich langsam eindöse, höre ich noch das Frühstücksgeschirr klappern. Dann das Surren der Kaffeemaschine. Ob er noch da ist, wenn ich aufwache? Ob ich ihn behalte, oder melde? Mal sehen. Wird sich schon klären.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Anna Neumann sagt:

    Das ist grauselig! Geht gar nicht! Gemeinsam duschen und ab ins Bett!

    Gefällt mir

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