Du bist wie ich

Sie hatte graublaue Augen, spitze Eckzähne und einen feinen Nasenring. Knallpinke, schulterlange Haare, die selbst von Weitem strohig aussahen. Als würden sie knistern und knacken, wenn man darüber strich. Mal knallte sie den Hörer aufs Telefon. Nölte: „So ne Flitzpiepe“.
Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie sie es zu mir sagte.

Undine

Es gibt viele Geschichten über Meerjungfrauen, die vergnügt im Wasser tollen. Aber das Spiel hatte sich verändert.

Das Geschenk

Sie dachte an die vielen scheußlichen Geschenke, die Antonio ihr schon gemacht hatte. Die schweinchenrosa Sporttasche, der giftgrüne Schal … doch bei diesem Geschenk schnappte sie erstmal nach Luft.

Lieber Markus

Siegertext des Literaturpreises 2020/2021 der Gemeinde Stockstadt am Rhein von Annika Kemmeter Lieber Markus, es ist schwer, dir das ins Gesicht zu sagen. Ich weiß schon, was du denken wirst, wenn du diesen Brief findest: „Wie feige!“ Und du hast Recht, aber… asdf jklö asdf jklö asdf jklö…. Lieber Markus, wie soll ich beginnen? Findest…

Rote Freiheit

Rot. Rot war es gewesen, das Kleid ihrer Träume. War es noch immer. Nur nicht an ihr.

Der Pfanne zuhören

von Annika Kemmeter Die alte Frau hieß Magarete, so lange sie Arbeitskolleginnen hatte. „Magarete, du glaubst nicht, wo ich den Chef gestern gesehen habe!“ So viel Gerede. Die alte Frau konnte sich nicht erinnern, worüber sie, bei Gott, all die Tage gesprochen hatten. Gretel hatte sie als Kind geheißen. So hatte sie zuletzt nur noch…

Delfter Kacheln

Blau-weiß windet sich
das Treppenhaus, gefliest mit Delfter Kacheln. Ich drehe mich, ich lege den Kopf in den Nacken und die ganze Welt ist zersprungen in tausend winzige Augenblicke, gemalt in Kobalt und weiß.

September

von Annika Kemmeter Der September ist für mich immer ein letztes Aufatmen gewesen.  Ein Luftschnappen, um die Lunge mit schwerer Sommerluft zu füllen. Sie schmeckt nach überreifen Weintrauben, nach Sandstaub und trockenem Gras. Erste Blätter bedecken schon die aus dem Boden ragenden Wurzelrücken. Sie haben die Äste lang genug mit ihrem Grün geschmückt, den starren…

Gedanken reisen

von Alexander Wachter In Gedanken gehe ich zurück zu unseren Gesprächen, auf dem Bett liegend. Meine Socken wandern die Wand hoch, meine Gedanken deinen Worten nach. Durch das Smartphone höre ich dich: jedes kehlige Lachen, jede fragende Stirnfalte. Den Kontinenten zwischen uns zum Trotz, fühlst du dich nah an. Ich gehe zurück und ich kuschele…