Die Unterbrechung

von Verena Ullmann

Als sie klein war, sah sie den Kindern beim Spielen zu. Auf der Bordsteinkante balancierte sie. Vor und zurück. Nie jemandem im Weg. Jahrelang dasselbe Stück Asphalt im Blick, hörte sie sie: lachen, schreien, küssen, zur Arbeit und getrennte Wege gehen. Nie hat sie wer angesprochen. So konzentriert schien sie auf jeden ihrer Schritte. Keiner wagte, sie zu unterbrechen.

Alle fürchteten ihn wegen seiner wütenden Augen. Ein Geschenk seiner Eltern. Und seiner geballten Fäuste. Als wäre er kurz vorm Explodieren. Dabei trat das nie ein. Er wollte nur stark wirken. Wie der Wikinger aus seiner Lieblingsserie. Ohne sich einen Bart wachsen zu lassen. Nie hat ihn wer angesprochen. So konzentriert schien er auf jeden seiner Schritte. Keiner wagte, ihn zu unterbrechen.

Jahre später auf dem Heimweg hörte er Musik, die von seinem Kopf bis in sein schwaches Herz floss und seinen Körper durch die Fäuste wieder verließ und sah nicht die Frau auf dem Bürgersteig, die auf ihre Füße blickte.

Sie verlor ihr Gleichgewicht. Und kippte Richtung Stadtbus. Er musste seine Fäuste öffnen. Und sie ihren Kopf heben. Beide wollten sich entschuldigen, aber sie atmeten nur, hielten sich fest, sahen sich an und staunten über die Unterbrechung. Sie gingen weiter, aber vergaßen einander nie.

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