Liebesnacht

von Lydia Wünsch Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, doch Gisela bekam nichts davon mit. Bei Gewitter konnte sie immer besonders gut schlafen, schon als kleines Kind war das so. Unter der weichen Bettdecke fühlte sie sich beschützt. Und so störte es sie auch heute nicht, dass Blitze das Zimmer erhellten und die Äste der…

Die Entscheidung

von Lydia Wünsch  „Hey Großer!“ Piotrek hörte Neles Stimme und drehte sich sofort um. Als sie ihm entgegen kam, bemerkte er, dass ihre roten Locken kürzer waren als früher. Aber dann lächelte sie ihn an und er erkannte die schmale Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. „Meine kleine Pippi Langstrumpf“, hatte er sie deswegen manchmal liebevoll genannt….

Im Café gegenüber …

von Lydia Wünsch „Ich werd‘ verrückt, was für ein Zufall, dass ich Sie hier treffe! Na, alles gut bei Ihnen?“ Das junge Mädchen kam an Elisabeths Tisch und ließ sich auf den Platz gegenüber fallen. Neugierig beugte sie sich vor. Man konnte nicht genau sagen, was Elisabeth bei dem Anblick der zerschlissenen Lederjacke und den…

Schneeschmelze – Papa bringt das in Ordnung

von Lydia Wünsch „Laaas mich!“, schreit Samuel und holt mit seiner kleinen Hand aus, um seinem älteren Bruder einen Schlag auf den Oberarm zu geben. „Jakob“, sage ich mit fester Stimme und drehe mich zu den beiden um. „Du sollst deinen Bruder nicht immer ärgern!“ „Er hat mich geschlagen!“, ruft Jakob empört aus. „Ich habe…

Zwei Hände

von Lydia Wünsch Zwei Hände, die arbeiten. Harte Arbeit. Kleine Hände. Diese Hände nähen zähes Leder zusammen. Die Fingerkuppen sind schon ganz wulstig. Früher wurden sie noch oft blutig von der Arbeit. Doch mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Eine dicke Schicht Hornhaut hat sich gebildet. Bald werden sie so hart sein, wie das Leder…

Das Weihnachtsabo

von Lydia Wünsch „Ich weiß, es ist Heiligabend und Sie freuen sich sicher jetzt schon auf Ihren Feierabend, um zu Ihrer Familie zu kommen, aber ich muss dennoch ein paar Worte mit Ihnen wechseln, die Ihre Arbeit hier betreffen, Frau Berggold.“ Die bebrillten Augen der, auf den ersten Blick nett aussehenden, etwas pummeligen, älteren Dame…

Ein guter Tag

von Lydia Wünsch Als sie an diesem Morgen aufwachte, wusste sie, dass es ein guter Tag werden würde. Es war der Tag ihrer ersten Lesung, denn sie hatte ein Buch geschrieben. Ausgerechnet sie: das kleine Mädchen vom Land, mit dem rumänischen Papa, der nie richtig deutsch gelernt hatte, und der Oma, die immer so gut…

Papà

von Lydia Wünsch   „Als sie ihn abholten, hat sie ihm seine Lieblingssachen heraus gesucht.“ Immer wieder hörte Aldo die Stimme seiner Frau Theresa. Heute Morgen beim Frühstück hatte sie ihm erzählt, dass Fredos Frau ihm sein blau-kariertes Hemd und seine beige Hose von Carlo Colucci hergerichtet hatte, als Fredo vom Bestattungsinstitut abgeholt wurde. Seitdem…

Der Garten

von Lydia Wünsch Wenn ich von Gärten rede, dann meine ich nicht die kleinen, grünen Vierecke in den sauberen Wohnanlagen. Ich rede von den richtigen Gärten. Den verwilderten. Von denen, die eine Geschichte erzählen. Ich rede von Gärten, in denen das Gras so hoch wächst, dass ein Kleinkind sich darin verstecken kann. Von einem Garten,…