Der letzte Kuss

von Lydia Wünsch

Lasst es mich noch einmal rekonstruieren:

Ich habe mich von hinten an ihn geschmiegt … nein, ich muss noch früher anfangen.

Wir lagen im Bett. Er hatte mir – wie immer in letzter Zeit – den Rücken zugewandt. Da habe ich ihn von hinten umarmt. Genauer gesagt: Ich presste mich hilfesuchend an ihn. Ich war es längst gewohnt, dass er keine Notiz davon nahm. Mein einsames Ziel war ein Rücken, an den ich mich schmiegen konnte. Nur, um eine andere Haut zu spüren.

Da drehte er sich um und küsste mich auf die Wange … Oder war es die Stirn …?… Nein, es war das Augenlied … Irgendwo zwischen Augenbraue und Nasenrücken muss es gewesen sein.

Mein Herz war so überrascht, dass es für einen Moment aufhörte zu schlagen. Verdutzt hielt es inne, als wüsste es nicht, wie es nach dieser unerwarteten Geste weitermachen sollte.

Als er endgültig fort war, dachte ich noch lange darüber nach. 

Immerhin hatte es diesen Moment gegeben. Trotz all der Gleichgültigkeit, die sich zwischen unsere Ängste geschoben hatte.

Wir sind nie nur Angst oder nur Glück. Wir sind immer alles, denke ich heute, wenn ich im Bett liege und über das kalte Laken auf seiner Seite streiche.

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