Zu wenig zu spät

von Annika Kemmeter

Keiner machte, was er sollte. Statt glatt und geduldig auf dem Schreibtisch zu liegen, verbogen sich die Blätter zu Papierfliegern. Der Stift kullerte über die Tischplatte bis er ein erhelltes Plätzchen gefunden hatte. Dort reckte er seine Mine der Sonne entgegen, dass sie ihn austrockne. Der Tesafilmhalter öffnete sich und ließ die Tesarolle herausspringen, worauf sie im Slalom um verstreut herumliegende Büroklammern rollte, während diese begannen, mühsam aufeinanderzu zu robben, sich farblich sortiert aneinander zu hängen, um eine Polonaise zu dem Rhythmus zu tanzen, den meine Finger trommelten. Ich saß vor dem Tisch und beobachtete hilflos das bunte Treiben. Draußen vor der Terrassentür standen die Patroninnen, die Haare zu makellosen Türmen aufgedreht, mit roten, spitzzulaufenden Brillen und schwarz lackierten Fingernägeln, die sich in die verschränkten Arme krallten. Gnadenlos tickte die Uhr die Zeit davon. Es blieben nur noch Sekunden. Jetzt wusste ich es! Ich wusste es! Perfekt! Sofort hörten die Finger mit dem Trommeln auf und warfen die Büroklammerkette zurück ins Schublädchen, sie stopften die Tesarolle in ihren Halter, hoben den Kuli an den Mund, der ihn anhauchte, und falteten den ersten Papierflieger auseinander. Doch: zu spät. Im Augenwinkel sah ich, wie die Patroninnen einander zunickten und ihre Arme entknoteten. Die Anführerin schickte sich an, ihren rechten Arm der Tür entgegenzustrecken, während ich kritzelte, kritzelte, kritzelte. Bekanntlich braucht man für seine schnellsten Gedanken eine Achtelsekunde. Eine Achtelsekunde, das entspricht der Dauer eines Wimpernschlags. Ein Gedanke zu Blatt zu bringen, dauert bei einem schnittigen Gedanken und einer geübten Schreiberin etwa 3.42 Sekunden. Etwa so lange, wie ein Jaguar braucht, um ein Fußballfeld der Länge nach zu überqueren. Das war auch in etwa die Geschwindigkeit, mit der Sätze durch mein Hirn rasten, und meine Hand, die gute alte Hand mit ihren langen, verkrampften Fingern, die den Stift über das Papier zog, hechtete ihnen hinterher. Doch, wie schon gesagt: Es war zu spät. Die Terrassentür öffnete sich. Die Patroninnen betraten den Raum. Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Eine andere auf meine Hand. Eine dritte zog das Blatt unter meinem Stift weg.
Sie beugten ihre Köpfe über das Blatt. Ich sah nicht viel von ihnen. Eine gerunzelte Stirn ragte über dem Blatt hervor. Ein Räuspern. Als sie das Blatt sinken ließen, hockte ich geduckt auf dem Stuhl. Ich versuchte mit aller Konzentration, meine Ohren zu verschließen, damit das Urteil nur gedämpft und über Umwege in mein Bewusstsein eindringen würde. Ich weiß nicht, warum ich das immer mache. Es hat noch nie funktioniert.

Die Patroninnen verständigten sich mit Blicken, die keinen Schluss zuließen. Dann öffnete die Anführerin ihren korallenroten Mund.

„Durchgefallen!“

Sie gab mir das Blatt zurück. Ich nahm es und sah es an. Der Stift hatte gehetzte Linien auf dem Papier hinterlassen, Striche mit kleinen Hügeln und Tälern, die manchmal abrupt abrissen, manchmal schludrig verblassten. Ich selbst konnte kein einziges Wort identifizieren.
„Ihr konntet es nicht lesen …“, murmelte ich.

Ihr geringschätziger Blick war so vernichtend, dass ich Sorge hatte, das Blatt könnte verbrennen. Und mit ihm die perfekte Löusung.

„Und wenn ich es ins Reine tippe?“, fragte ich.

„Das wäre Phase zwei, zu der man aber nur gelangt, wenn man Phase eins bestanden hat, was du nicht hast. Es gibt Statuten.“

„Darf in Ihnen den Text wenigstens vorlesen?“, fragte ich mit einem letzten Fünkchen Hoffnung.

„Das ist wegen des Intonations-Bias nicht erlaubt. Die Statuten.“ Im gefühlsfreien Gesicht ein Zittern im Kinn.

Ich nickte, bedankte mich mit kratziger Stimme und stand auf. So ist das eben, dachte ich bei mir, wenn man bis zur allerallerletzten Sekunde wartet. Man muss die Zeit, die man bekommt, auch nutzen. Mir wurde klar, wie sich dieser Gedanke auf alle Aspekte des Lebens übertragen ließ. Und dass es einer jener Gedanken war, die immer nur kurz bei einem weilten, weil sie gleich weitermussten.

Eilige Schritte folgten mir durch den Flur. Niedergeschlagen drehte ich mich um.

Es war eine der drei Patroninnen. Sie lief auf mich zu, legte ihre Hände auf meine Schultern und schüttelte mich. „WARUM HAST DU SO LANGE GEZÖGERT?“, rief sie. „DU WUSSTEST DOCH, DASS DEINE ZEIT KNAPP BEMESSEN WAR! WIE KONNTEST DU DIE ZEIT NUR SO VERSTREICHEN LASSEN? DU HÄTTEST UNS RETTEN KÖNNEN!“

In großen Buchstaben purzelten die Worte aus ihrem Mund. Ich hob die Schultern. „Es liegt nicht in meiner Natur“, bekannte ich. Und in deiner? In deiner?

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