Wie es ist, zu sterben

von Martin Trappen Der Junge stand regungslos vor dem Grab seiner Mutter und spürte kaum den Regen, der auf seinen Kopf niederprasselte. Er konnte nicht mehr sagen, welche von den Tropfen, die seine Wangen hinunterliefen, Tränen waren. Warum? Warum sie? Der Junge scherte sich nicht darum, dass seine Kleidung klatschnass wurde. War ich nicht immer…

Vermisst mich wer?

Jan sah bereits zum fünften Mal auf die Bahnhofsuhr. Natürlich hatte sein Zug Verspätung. Der eisige Wind machte das Warten nicht angenehmer. Unschlüssig schlenderte er über den Bahnsteig, während er immer wieder auf die Laufanzeige schaute. Er sah sich das Schaufenster des Bahnhofkiosks an. Darin waren Esoterik- und Sprachzeitschriften, Koch-, Back- und Sportmagazine ausgestellt –…

Wer rettet die Retter?

von Alexander Wachter Der Nanochip in Anniks Hand blinkte. Ein Schimmer unter ihrer Haut, klar erkennbar zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie setzte sich auf den Teppichboden, dessen engmaschigen Fasern flachgedrückt waren, und winkelte ihre Beine an. Sie zog sie so fest an ihre Brust, dass ihre Knöchel hervortraten. Cara nannte Annik ein Bibberentchen. Ihr sei…

Es ist heiß #5 – Sommerhimmel

von Lydia Wünsch Wenn man nicht genau hinsieht, ist alles in Ordnung. Wie an diesem Sommertag. „Die Rosenbüsche blühen aber besonders schön in diesem Jahr“, sagte meine Frau, während sie unser Baby stillte. Sie saß im Gartenstuhl, unter dem Schatten eines Baumes und sah dabei verträumt in die zarten Wolken am Himmel. Ich war gerade dabei,…

Unter dem leeren Himmel

von Arina Molchan Heute werde ich mich erinnern, verstehen, was du in deinen letzten Tagen gesehen haben musstest, allein, also warte ich, bis der blaue Zug heranrollt, schnaufend zum Stehen kommt, die Fenster blind in der Sonne, wie damals mit dir in der Kindheit und wie immer ist er leer und ich steige ein, immer…

„Veto“ oder „Die Fünf Phasen“

von Lydia Wünsch  Es war am Frühstückstisch und einfach so – scheinbar aus dem Nichts – fiel ihm ein, dass er die Beziehung beenden wollte. Gerade hatten wir noch darüber geredet, was wir nachher einkaufen wollen, als er plötzlich einen tiefen Seufzer von sich gab. „Was ist los?“, frage ich ihn und greife nach seiner…

Oktavarium

Von Martin Trappen Als ich die Augen öffne, sehe ich nichts. Ich wische mit meinen Händen vor meinen Augen, spüre den Luftzug, doch ich kann nichts erkennen. Mein Kopf brummt und meine Gedanken überschlagen sich. Wo bin ich? Ich strecke eine Hand aus und fühle eine Wand. Ich versuche aufzustehen, doch meine Beine geben unter…

Für immer halten

von Arina Molchan Gestern haben wir sie herausgezogen – die junge Frau aus dem Moor. Ihr Arm war in die Torfstechmaschine gekommen – man hatte die Knochen nicht knacken gehört, aber ihre gegerbten Finger auf dem Förderband zucken gesehen, bevor sie im Schlund des Hexlers verschwunden waren. Im Dorf sagten sie, dass sie dem alten…

Vaterseelenallein

von Alexander Wachter „Papa, jetzt bitte wart‘ doch auf mich!“ Er war so weit entfernt, ich sah ihn beinahe nicht mehr. Mein Rücken schmerzte, genauso wie meine Arme. Meine Hände verkrampften sich und meine Beine wurden immer schwerer. Mit jedem zurückgelegten Meter verstärkte sich das Zittern in meinen Muskeln. Ich versuchte mir klar zu machen, dass…