Verschüttet

von Nina Lischke

Die Luft ist staubig und dick. Ich bin eingepfercht, fühle mich wie ein Stück Holz, das in der Werkbank eingespannt wurde. Diese Schmerzen überall. Das letzte Mal fühlte ich mich so nach meinem Sturz aus dem 1. Stock, als meine Schwester und ich Madita nachgespielt hatten.

Ich spüre das kleine Wesen in meinem Schoß, über das ich mich schützend gebeugt habe, als die Erde geschüttelt wurde wie ein vollreifer Apfelbaum. Ich taste den winzigen Körper des Babys ab und stelle mir vor, wie es mich anschaut. Es jammert und quietscht und ich antworte ihm. Ich erzähle ihm von der Welt da draußen, die uns eingeschlossen hat. Ich spreche über meine Heimat und wie anders es dort ist mit den modernen Zügen und Autos. Dort ist alles schneller, aber es duftet nach Lavendel im Sommer und nach Eiskristallen im Winter. Weißt du, was ein Eiskristall ist?, frage ich das Baby und es grummelt ein wenig. Ich erzähle ihm davon und auch, warum ich hier in seinem Land bin, warum ich unbedingt das klare Wasser sehen wollte und warum der süß-herbe Geschmack von Papaya eine meiner liebsten Erinnerungen von hier ist. Ich male Bilder meiner Reise in die Dunkelheit.

Ich schlafe ein, schrecke hoch – ist es noch da? Es atmet, macht Geräusche, vielleicht träumt es von seiner Mutter. So gut es geht versuche ich meine Zehen zu bewegen, meine Wirbelsäule minimal zu strecken und zu beugen. Ich atme flach, will uns nicht zu viel Sauerstoff nehmen.

Da ist wieder die kleine Hand, die sich um meinen Finger legt und drückt. „Hallo, du kleines Ding“, flüstere ich und summe das Mantra, das ich auf meinem Yoga Retreat am liebsten gesungen habe.

Shiwa-shiwa-shiwa-shamboo-o-o, Shiwa-shiwa-shiwa-shamboo.

Das Baby grummelt. Warum weint es nicht? Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergeht zwischen singen und warten und schlafen und warten und flüstern und warten und –

Der Durst wird unerträglich, ich sauge meine Wangen nach innen und kaue darauf herum. Das Baby grummelt nun weniger. Wenn es seine Händchen und Füßchen bewegt, stelle ich mir vor, wie es mich anschaut. Wie sich mein Dunkel in seinen Augen spiegelt.

Und dann, wie es nicht mehr schaut, sondern nur noch atmet. Ganz schnell, stockend, flach – ohne viel Geräusch. Wie trockener Sand, der vom Wind über den Strand geweht wird. Ich nehme seine Wärme wahr, spüre, wie sein Atem unter meinem Gesang ruhiger wird, wie sich die verkrampften Fingerchen um meinen Zeigefinger legen und schwächer als sonst zudrücken. Als sei es ein letzter Gruß, eine Geste der Verbundenheit.

Dass ich überhaupt noch singen kann bedeutet, dass irgendwo ein Luftloch sein muss. Mein Mund ist trocken wie die eingestaubten Pflanzen meiner Großmutter. Ich fühle mich schwach, aber für dieses Wesen bleibe ich stark. Verlass mich nicht. Ich bin doch da. Doch ich weiß, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die kleine Hand meinen Finger nicht mehr halten kann. Es gibt Dinge, die spüren wir so deutlich wie einen Tritt in den Magen und er zieht sich mir genauso zusammen. Es ist okay, rede ich mir ein, es ist okay.

Ich singe.

Singe zum Abschied, singe für das Baby mit der goldenen Seele, das mir in diesen Tagen, eingepfercht zwischen Trümmern und Schutt, die Hoffnung erhalten hat. Wir haben gemeinsam gekämpft, haben uns gegenseitig Trost gespendet. Nun darf es gehen. Vielleicht folge ich ihm ja?

Shiwa-shiwa-shiwa-shamboo-o-o,

singe ich unerbittlich weiter und möchte, dass es weiß: ist schon gut, ich bin bei dir, sei ganz ruhig.

Maaahriwa-shamboo-o-o, maahriwa-shamboo-o …

Meine linke Hand liegt auf seinem Kopf und streichelt zärtlich den weichen Flaum. Kaum noch spüre ich den Puls unter der Fontanelle. Etwas in diesem kleinen Körper verändert sich, es ist, als ginge ein leichtes Seufzen durch ihn hindurch und nehme Hunger und Durst und den Verlust der Mutter mit sich.

Ich sehe keinen magischen Schimmer, kein goldenes Leuchten. Es ist weiterhin tiefschwarz. Und dennoch liegt etwas greifbar in dem winzigen Luftraum um mich herum. Wie schwere Staubpartikel, die um mich her kreisen. Bis auch sie plötzlich fort sind.

Ich singe gegen den Schmerz an, singe für den leblosen Körper in meinem Schoß, die schlaffe Hand an meinem Finger, für alle Seelen, die ihre Körper verlassen.

Ich singe lauter.

Singe kraftvoller.

Singe wütend und verzweifelt aber doch voller Stärke.

Die Töne bilden sich tief in mir drinnen, dringen durch meine ausgetrocknete Kehle, füllen den winzigen Raum, füllen meine ganze Welt aus.

Dringt irgendwo Licht herein?

Ich singe.

Mache ich diese Geräusche?

Ich singe.

Berührt mich etwas?

Ich singe.

Ich singe… Ich si- … Ich –

Bild von Markus Tries auf Pixabay

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