Blanke Sehnsucht

am

von Nina Lischke

Stumm liege ich auf dem hölzernen Untergrund, bleich wie frische Wandfarbe, voller Hoffnung auf unsere nächste Begegnung. Es werden nicht mehr viele sein, so fleißig wie er in letzter Zeit war. Paulo. Ein Name wie eine Seifenblase. Jeden Tag fiebere ich diesen Treffen entgegen und kaum ist er bei mir, versinke ich in der Liebkosung seiner Hände. Er kennt jede meiner Seiten und behandelt sie alle mit größtem Respekt. Wie wird er heute wohl sein? Stürmisch, nachdenklich?

Jetzt kann ich seine Anwesenheit spüren, wie er noch in der Tür meinen weißen Körper fixiert, bereit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Die Lust in seinen braunen Augen. Endlich. Er lässt sich auf dem alten Holzstuhl nieder, der vor mir steht. „So meine Gute, heute werden wir einen Abschluss finden.“ Und er streichelt mich mit seiner warmen, trockenen Hand, ruft dieses wohlige Prickeln in mir hervor. So weit sind wir also schon. Ich wünschte, ich könnte ihn zurück streicheln, aber das liegt nicht in meiner Macht. Meine Bestimmung ist es, dazuliegen und zu empfangen, was er mir zu geben hat.

Gib dich mir hin mein Liebster, ich sauge jeden deiner wertvollen Gedanken auf und lasse ihn nicht mehr los. Ich bewahre alles in mir auf. Lass mich deine Wärme spüren, während du Zeile um Zeile tiefer wanderst, einzig mit dem Ziel, sodann wieder von vorne anzufangen.

Noch immer ruht seine Hand auf mir und ein Schauer der Erwartung durchfährt mich. Einen Augenblick verharren wir so, ein Teil seines Körpers geschmiegt an meinen, sein Blick in der Ferne fremder Welten. Warm streift mich sein bittersüßer Atem und kitzelt meine Fasern. Und dann kommt er, der Moment, auf den ich sehnsüchtig gewartet habe und wir treten gemeinsam unsere letzte Reise an.

Die Kraft seiner Worte, bringt mich zum Glühen. Selten kam mir meine Existenz, mein ganzes Sein, so erfüllend vor. Zum letzten Mal benetzt er mein weißes Kleid mit seinem Buchstabenzauber: „Ich bin schon auf dem Weg zu dir, Fatima“, sagte er.

Und nun spüre ich das salzige Nass seiner Tränen auf mir, die Freude und Trauer darüber, dass unsere Reise hier zu Ende geht. Paulo, wir haben es geschafft.

Er hebt mich hoch, und betrachtet mich lange. Dann hält er mich an seine Lippen und küsst mich. In diesem Moment wäre ich gern ein Mensch wie er. Aber wer weiß schon, ob er Menschen die gleiche Liebe schenkt, wie er sie mir gewährt – dem einfachen, weißen Papier?

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