„Der Brezenmann“ oder „Ansichten einer Bäckereifachverkäuferin“

von Lydia Wünsch

Als sie ihn zum ersten Mal traf, ahnte Marie nicht, welch eine besondere Beziehung sich zwischen ihnen entwickeln würde. Am Anfang hatte er sie einfach genervt.

„Zwei Brezen, bitte“, sagte er jeden Tag aufs Neue, wenn er an ihrer Theke stand.

Aber das war ja nicht das Problem. Das Problem war vielmehr, was er danach sagte: „Und zwar die schönsten Brezen, die Sie haben.“ Und so meinte er es auch.

Um sein Anliegen zu verdeutlichen, brachte er ihr sogar ein Bild mit. Das hatte er für diesen Anlass auf seinem Smartphone gespeichert. Darauf abgebildet sei die perfekte Breze. Mit dem richtigen Bräunungsgrad, der richtigen Menge an Salz und ganz wichtig, einem schönen, großen Spalt genau in der Mitte des dicken Teils.

Jedes Mal, wenn sich die Suche nach der perfekten Breze mal wieder besonders langwierig gestaltete, holte er sein Smartphone heraus, um Marie bei der Suche zu unterstützen.

Und so spielten sie ihr Spiel jeden Tag aufs Neue.

„Die hier?“

„Nein.“

„Diese?“

Er legte seinen Kopf schief und überlegte: „Hm… nein, sehen Sie denn nicht, dass der Spalt uneben ist? Und diese hier ist viel zu hell. Schauen Sie mal, ich zeige Ihnen nochmal das Bild.“

Es gab Tage, da machte Marie das Spiel lange mit. Bis zu dreißig Brezen zeigte sie ihm dann. An anderen Tagen hatte sie nicht so viel Geduld. Wenn Marie müde war oder hungrig oder wenn an diesem Tag schon besonders viele Menschen ihre schlechte Laune an Maries Theke abgeladen hatten, dann fiel es ihr schwer, die nötige Geduld aufzubringen.

„In anderen Ländern verhungern Kinder, und Sie machen eine Wissenschaft aus einem Brezenkauf“, fauchte sie ihn dann an.

„Aber man darf sich doch eine aussuchen“, sagt er gekränkt und zog den Kopf ein.

„Ja, natürlich“, gab Marie seufzend nach und zeigte ihm fünf weitere Brezen, bis er endlich die passende gefunden hatte.

Der Brezenmann, wie ihn mittlerweile alle in der Filiale nannten, blieb immer freundlich. Egal wie oft er wütende Blicke und genervte Kommentare von den Kunden hinter ihm erntete. Allerdings zog er schuldbewusst die Schultern hoch oder zuckte erschrocken zusammen, wenn er, was nicht selten geschah, von irgendjemanden scharf angegangen wurde.

„Jetzt kommt der Bekloppte wieder“, sagte auch Maries Kollegin, wenn sie ihn reinkommen sah und verschwand im Lagerraum, bevor Marie es tun konnte.

Es gab aber auch gute Tage, da fand er schon nach der dritten Breze die richtige.

„Heute sind Sie aber entscheidungsfreudig“, sagte Marie dann sarkastisch.

„Ja, weil ich sofort die perfekte Breze gefunden habe“, antwortete er und strahlte über das ganze Gesicht.

Ohne es zu merken, fing Marie an, ihn zu mögen.

Immer öfter fiel ihr auf, dass er an manchen Tagen besonders dünn oder besonders müde aussah. „Wenn Sie immer so lange brauchen, bis Sie die passende Breze gefunden haben, verhungern Sie ja bald“, sagte sie zu ihm.

Daraufhin grinste er und seine Augenringe wurden zu Lachfalten. 

Irgendwann ließ er sich nur noch von Marie bedienen. Und auch Marie versuchte nicht mehr, als erste im Lagerraum zu verschwinden, wenn er kam. Wenn eine der Kolleginnen wieder eine abfällige Bemerkung machte, winkte Marie nur ab und blieb weiter freundlich, egal wie lange die Schlange hinter dem Brezenmann wurde.

Eines Abends sah Marie im Fernsehen eine Dokumentation über Menschen mit starken Zwängen. Sie musste sofort an ihren Brezenmann denken. In ihrem Kopf fing es an zu rattern. Was, wenn wirklich keine böse Absicht hinter dem steckte, was er tat? Wenn es ihm selbst große Schwierigkeiten bereitete und er unter seinem eigenen Verhalten litt, aber keine Möglichkeit fand, anders damit umzugehen? Marie hatte plötzlich großes Mitleid mit dem Brezenmann. Sie überlegte, wie sie ihm helfen könnte.  

Am nächsten Tag wählte Marie die drei schönsten Brezen aus, die sie ihm sofort präsentierte, als er wie immer freundlich lächelnd an der Theke stand. Es funktionierte. Schnell hatte er sich die Schönste ausgesucht. Die anderen Brezen in der Auslage beachtete er nicht. Offenbar fiel es ihm leichter sich zu entscheiden, wenn er gar nicht erst so viele Möglichkeiten aufgezeigt bekam. Marie traf von nun an täglich eine Vorauswahl für ihren Brezenmann. Dieses System lief eine ganze Weile lang sehr gut. Die Schlange hinter dem Brezenmann zischte nicht mehr und er konnte seinen Einkauf in Ruhe durchführen.

Doch eines Tages waren die Brezen aus.

Der Brezenmann betrat die Filiale und Marie hielt die Luft an vor Spannung. Was würde er nun tun? Der Bereich der Möglichkeiten musste für ihn ja nun schier unendlich sein? Oder würde er sogar gehen und lieber nichts essen?

Ein paar Minuten stand er ratlos vor der Theke und studierte die Auslage. „Geben Sie mir zwei Kaisersemmeln“, sagte er skeptisch.

Marie griff nach der ersten Semmel und hielt sie ihm automatisch hin. Er nickte sofort. Verdutzt packte sie die Semmeln ein und kassierte ab.

Als der Brezenmann am nächsten Tag wieder kam, verlangte er sofort zwei Kaisersemmeln, obwohl sich dieses Mal genug Brezen in der Auslage befanden.

„Sind Sie jetzt auf Semmeln umgestiegen?“, fragte Marie verwundert.

„Ja, die haben mir sehr gut geschmeckt“, sagte der Brezenmann zufrieden.

„Und warum können Sie sich da so schnell entscheiden?“

„Also bitte“, sagte er Brezenmann und lächelte Marie nachsichtig an.

„Die sehen doch alle gleich aus.“

Marie hatte nie verstanden, worin der Unterschied für den Bezenmann bestand. Sie fragte auch nicht nach. Irgendwie schien es ihr zu intim. Sie entschloss sich einfach, ihn so zu akzeptieren, wie er war. Ihr Brezenmann blieb ihr Brezenmann, selbst als er schon lange keine Brezen mehr kaufte. Und als er eines Tages plötzlich nicht mehr in der Filiale auftauchte, merkte Marie, dass er ihr fehlte. Seine ruhige Art, sein schüchternes Lächeln. Sie fragte sich, ob es ihm gut ginge, und wartete darauf, dass er endlich wieder in der Filiale auftauchen würde.

Aber der Brezenmann blieb verschwunden, und Marie hoffte inständig, dass er, wo immer er seine Brezen nun kaufte, auf eine verständnisvolle Verkäuferin stoßen würde.

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