Zwei Hände

von Lydia Wünsch Zwei Hände, die arbeiten. Harte Arbeit. Kleine Hände. Diese Hände nähen zähes Leder zusammen. Die Fingerkuppen sind schon ganz wulstig. Früher wurden sie noch oft blutig von der Arbeit. Doch mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt. Eine dicke Schicht Hornhaut hat sich gebildet. Bald werden sie so hart sein, wie das Leder…

Das Weihnachtsabo

von Lydia Wünsch „Ich weiß, es ist Heiligabend und Sie freuen sich sicher jetzt schon auf Ihren Feierabend, um zu Ihrer Familie zu kommen, aber ich muss dennoch ein paar Worte mit Ihnen wechseln, die Ihre Arbeit hier betreffen, Frau Berggold.“ Die bebrillten Augen der, auf den ersten Blick nett aussehenden, etwas pummeligen, älteren Dame…

Ein guter Tag

von Lydia Wünsch Als sie an diesem Morgen aufwachte, wusste sie, dass es ein guter Tag werden würde. Es war der Tag ihrer ersten Lesung, denn sie hatte ein Buch geschrieben. Ausgerechnet sie: das kleine Mädchen vom Land, mit dem rumänischen Papa, der nie richtig deutsch gelernt hatte, und der Oma, die immer so gut…

Papà

von Lydia Wünsch   „Als sie ihn abholten, hat sie ihm seine Lieblingssachen heraus gesucht.“ Immer wieder hörte Aldo die Stimme seiner Frau Theresa. Heute Morgen beim Frühstück hatte sie ihm erzählt, dass Fredos Frau ihm sein blau-kariertes Hemd und seine beige Hose von Carlo Colucci hergerichtet hatte, als Fredo vom Bestattungsinstitut abgeholt wurde. Seitdem…

Der Garten

von Lydia Wünsch Wenn ich von Gärten rede, dann meine ich nicht die kleinen, grünen Vierecke in den sauberen Wohnanlagen. Ich rede von den richtigen Gärten. Den verwilderten. Von denen, die eine Geschichte erzählen. Ich rede von Gärten, in denen das Gras so hoch wächst, dass ein Kleinkind sich darin verstecken kann. Von einem Garten,…

Ungeschminkt

von Lydia Wünsch Wenn Ella nachts nach Hause kam, war sie angetrunken und gut gelaunt. Leise vor sich hin summend torkelte sie ins Schlafzimmer. Dabei streifte sie ihre High Heels von den Füßen und ließ sie achtlos liegen. Sie zog sich den Pullover über den Kopf und warf ihn dazu. Dann schälte sie sich –…

Liebes Leben,

um mir nicht vollkommen nutzlos vorzukommen, habe ich mir heute von der Kellnerin einen Stift und einen Zettel geliehen. Und jetzt schreibe ich diesen Brief an dich. Weil mir sonst nichts Besseres einfällt. Außerdem habe ich sowieso ein paar Fragen an dich. Aber zunächst will ich dir versichern: Ich habe stets versucht, ganz in deinem…

Anleitung zum Glück

von Lydia Wünsch Inspiriert von unserem November-Prompt. Sie haben schmerzhafte Erfahrungen gemacht? Ihr Leben läuft nicht wie geplant? Oder sind Sie einfach grundlos unglücklich? Dann holen Sie sich hier den aktuellen Ratgeber: Raus aus der Depression – In nur 10 Tagen! Der genau auf Sie abgestimmte Tagesplan hilft Ihnen, negative Gedanken einfach abzuschütteln, indem Sie…

Ein Tag ohne dich

von Lydia Wünsch Ich öffne die Augen. Und du bist nicht bei mir. Ich atme aus. Und du bist nicht bei mir. Ich gehe zur Arbeit. Und du bist nicht bei mir. Draußen ist es kalt. Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Es fühlt sich an wie Nadelstiche auf der Haut. Und du bist nicht…